Es war einfach, die Spanier zu verspotten. Dabei hatten sie den Fußball von Griechenland erlöst, erzählte man sich im Campo Dembowski. 

„Da sind Ameisen auf dem Läufer“, schimpfte Dörte. Sie war auf einmal im Campo Dembowski aufgetaucht, und brachte mich sofort auf 180. „Wie oft habe ich Dir das gesagt? Wie oft?“ Sie schaute abwesend auf den Boden. „Jetzt essen sie all die Brotkrumen, eine trägt gerade Deinen Dreck weg. Kannst Du…“ „Dörte? Wieso bist Du hier?“ „Ich halte es nicht mehr aus. Rabea.“


Ich verstand sofort, so wie Cathy in Brasilien drüber war, so musste Rabea auf der Lamafarm drüber sein. Es war nicht leicht, in Modefragen über die WM zu berichten. Gerade nicht bei der ausgiebigen Konkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen, deren Berichterstattung von Tiefpunkt zu Tiefpunkt steuerte.

Katrin Müller-Hohenstein, ein Name wie gemacht für Hofberichterstattung, zeichnete sich seit Tagen mit Fragen nach der Gesichtsfarbe der Interviewgäste aus, und manchmal, wenn sie gedankenverloren am Pool saß, gesellte sich ein Spieler zu ihr, und gemeinsam ließen sie die Beine ins Wasser hinab und nun schauten sie gemeinsam gedankenverloren in den Sonnenuntergang. Bundestrainer Joachim Löw wurde bei Werbeaufnahmen am Strand des brasilianischen Küstenparadieses gezeigt.

Einem Teenager hatten die besonders eifrigen Reporter Bastian Schweinsteiger auf den Rücken gemalt. Ansonsten war die einzige Aufgabe dieser Journalisten, die nicht vorhandene WM-Stimmung in Deutschland für die Nationalspieler vernünftig aufzubereiten.

Die WM-Stimmung in Deutschland war auf dem Höhepunkt angekommen (Foto: Markus Hesselmann – Berlin Mobile Pictures

„Wie nimmst Du die Euphorie in Deutschland war?“, fantasierten sie im abgelegen Santo Andre also eine unglaubliche Stimmung im fernen Mutter- und Vaterland des Weltfußballs herbei. Auf dem Podium saßen Mertesacker, Kroos, Weidenfeller und wie sie alle hießen und wiegelten ab. „Noch nichts erreicht, wir dürfen uns von der Stimmung nicht anstecken lassen. Müssen kämpfen!“ antworteten sie. Die Investigativreporter nickten zustimmend. 

Eben @BSchweinsteiger am Strand getroffen… War offenbar viel in der Sonne 😉 #wirfuer4 pic.twitter.com/awxs7Ne4TA
— Jochen Stutzky (@JochenStutzky) 18. Juni 2014


Geschichte wurde geschrieben, die große deutsche Geschichte wurde geschrieben. So wie 1954, so wie 1974, so wie 1990. Das nationale Projekt durfte nicht gefährdet werden, und wenn man jetzt noch einen Teenager auftrieb, der sich die Namen aller Nationalspieler auf den Rücken tätowieren ließ, so konnte man vielleicht einen bedeutenden Teil zur Geschichtsschreibung beitragen.

 Nicht nur die Mannschaft stand auf dem Platz, sondern natürlich kämpfte man hier gemeinsam. Es ging um den Titel! Es ging um die eigene Seite im Geschichtsbuch, die der DFB seit einiger Zeit sogar dem sogenannten Fan zugestand. “Für 9,90 € bist Du dabei. Dein Bild neben den Nationalspielern“ bewarb die Marketingalbum ihren neuesten Coup.

Abseits dieser hässlichen Begleiterscheinungen – und somit aus rein sportlichen Gesichtspunkten – jedoch war diese WM ein Traum. Sogar für mich, den Menschenfeind im Campo Dembowski. Dörte war draußen bei den letzten verbliebenen Ringelnattern und sprach zu ihnen, als die aufgedrehten Chilenen über die Spanier herfielen und sie wie Bluthunde attackierten, damit von der großen Fußballnation nichts mehr übrig blieb.

Die Spanier waren alt, sie waren jedoch vor allen Dingen müde. Sie waren sechs Jahre von Erfolg zu Erfolg geeilt, hatten den Fußball mit ihrem, zum Ende ermüdenden, Offensivgeist revolutioniert. Niemand erinnerte sich mehr an die Europameisterschaft 2004. Damals hatte Rehhagel den Sieg der Griechen ermauert, und nun begeisterten die Thronfolger Spaniens, wer immer es sein würde, mit aggressivem Pressing, mit schnellem Umschaltspiel, mit Kombinationen, die 2004 niemand hatte für möglich gehalten.

Spanien hatte den Fußball revolutioniert, und mit dieser Revolution und der voranschreitenden Technik war das Spiel ein anderes geworden. Bei dieser WM saßen die Nerds alleine vor den Taktikcams, sezierten jeden Spielzug, hatten parallel die Heatmaps und Passstatistiken der einzelne Spieler verfügbar. Sie jubelten über die Rückkehr der 3-Mann-Abwehr, sie riefen die chilenische Chaostheorie zum „State of the Art“ aus, und nickten anerkennend, wenn die Rede auf Löws 4-3-3 mit vier gelernten Innenverteidigern und ohne gelernten Stürmer kam.

Es gab natürlich auch ein paar Konstanten. Die Afrikaner blieben ein Versprechen, vielleicht sogar nicht einmal mehr das. Sie stritten sich, ob ihr Trainer nun aus Deutschland kam, oder ob ihr Trainer aus Afrika kam. Es machte im Prinzip keinen Unterschied, denn in der Niederlage war jeder schuldig, und in der Niederlage wies jeder die Schuld von sich. „Die Afrikaner“, stöhnte man dann und erinnerte sich an Suarez, der 2010 einem ganzen Kontinent die Hoffnung geraubt hatte.

2014 war Suarez bislang noch deutlich zuvorkommender. Er zerstörte nur die Träume der Engländer, die sich ihrem Schicksal jedoch längst gefügt hatten. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit waren sie komplett ohne Hoffnung angereist. Zumindest das sollte sich erfüllen. Nach zwei Spielen, und zwei 1-2 Niederlagen standen sie vor dem Aus. Im Campo Dembowski ernannte ich Costa Rica zum neuen Geheimtip. Mir war deutlich geworden, dass die Mittelamerikaner nicht nur ein Team waren, sondern vielmehr die Hitze liebten. Niemand hatte sie auf dem Zettel, das machte sie verdächtig.

„Hatten wir nicht fünf Ringelnattern?“

Dörte war zurück und ich musste ihr die tragische Geschichte nacherzählen, die mich schon vor ein paar Tagen zu Tränen gerührt hatte. „Denk aber auch die Erdkröten!“ nahm ich sie in den Arm. Ich berichtete ihr von den „ööök, ööök, ööök“-Gesängen, die ja nur bewiesen, dass jeder Weg der Natur ein richtiger Weg war.

Im Fernsehen beklagte sich Katrin Müller-Hohenstein über eine Vogelspinnenplage im Campo Bahia, aber schon wenige Momente später nahm sie Hansi Flick in den Arm. Sie erinnerten an Dörte und mich. „Ach, Hansi. Was hast Du nur für eine schöne Gesichtsfarbe? Und was hörst Du für Musik?“

Ich schaltete den Fernseher aus, beobachte Dörte, wie sie den verbliebenen Ringelnattern ein kleines Gehege baute. Legte Blur auf.

Ich sang: „She says there’s ants in the carpet, dirty little monsters, eating all the morsels, picking up the rubbish.” 
Und Dörte stimmte aus der Ferne des Campo Dembowski ein.
“We all say don’t want to be alone. We wear the same clothes cause we feel the same. We kiss with dry lips when we say goodnight. End of an era, oh, it’s nothing special.”

 Und das war es beileibe nicht. Spanien hatte den Fußball verändert. Dafür hatten sie nichts als Respekt verdient. 
neues aus campo dembowski: das ende der spanier