Es fiel mir nicht leicht, einfach wieder zur Normalität überzugehen. Zu tief saß der Schmerz. Ein Schmerz, der mich in seiner Unergründlichkeit erstarren ließ. Die vergangenen Tage hatte ich mit Vogelbeobachtungen im Herbst verbracht, versucht mich zu betäuben. Und mit jedem Vogel, den ich beobachte, mit jeder Wolke, die mir den Blick auf die Sonne verstellte, mit jeder Minute, die ich alleine im Oderbruch kauernd verbrachte, mischte sich Ernüchterungen unter den Schmerz. Gedanken steigerten sich zu einer einzigen Kakophonie der Bitterkeit, verstummten abrupt, nahmen neue Anläufe, schossen zurück in den Kopf, steigerten sich zu einer unerträglichen Geräuschkulisse in der Stille des Oderbruchs. Was, dachte ich, denkst Du, ist Glück, Dembowski? Und wann widerfährt Dir, dachte ich, Glück? Was macht Glück aus? 

Mir wurde schmerzhaft bewusst, wie verletzlich ich letztendlich trotz dieses kargen Lebensentwurfes, dieser neuen Unaufgeregtheit, die mich, seitdem ich der Stadt den Rücken gekehrt hatte, geschützt hatte, wie verletzlich ich immer noch war. Ich konnte meine Vergangenheit nicht abstreifen, ich konnte meine Gegenwart nicht abkoppeln, so sehr ich mich auch danach sehnte. Es wird nie etwas wie Glück geben, dachte ich. So wie es nie etwas wie reinen puren Schmerz geben wird. Ein Lächeln, wenn auch nur gequält, konnte ich mir immer abringen. Aber was denkst Du, ist Glück, Dembowski?

Aber hilft nichts. Ich konnte den ganzen Tag im Oderbruch sitzen, Vögel beobachten, und mich der unerträglichen Kakophonie meiner Gedanken hingeben und mir immer wieder die Frage stellen, was Glück wirklich ist oder aber ich konnte meinem Tagewerk, ja, meiner Leidenschaft nachgehen, mir darüber klarwerden, wie es weitergehen konnte. Es gab viel zu tun, immer noch oder gerade wieder. Die Welt hatte sich in meiner Abwesenheit weitergedreht. Das war mit Sicherheit die wichtigste Erkenntnis, die ich in den letzten Monaten gewonnen hatte. Ich konnte mich einmischen, oder es sein lassen. Populäre Ansichten hatte ich noch nie vertreten, aber auch mein Querulantentum und meine Unnachgiebigkeit konnte ich vernachlässigen.

Menschen springen von Hochhäusern, Menschen springen aus Flugzeugen, Menschen springen von Brücken und doch, wenn sie wollen, wird alles irgendwie gut. Sie mussten sich nur absichern. Ich erinnerte mich meiner Fahrt über die Seestraße, erinnerte mich an die letzen Meter vor meiner Abreise. Der Wedding war, so sehr er doch Vergangenheit war, ein Teil von mir. Im Oderbruch sitzend, Vögel beobachtend, dem Rauschen meiner sich in alle Richtung verfranzten Gedanken zuhörend, wurde mir immer mehr bewusst, dass ich diesen Teil in mir nie hätte aufgeben sollen. Du kommst aufs Land, dachte ich, und denkst, alles wird gut. Und für einen Moment erscheint Dir alles gut, doch, dachte ich, wirft Dich etwas aus der Bahn, erreicht Dich in eine Nachricht in einem schwachen Moment, merkst Du, wie verletzlich Du bist, dachte ich, und wie sehr es in Dir arbeitet, wie sich manche Spuren in der Unendlichkeit verlieren und andere Spuren für immer in Dir sind.

„Wat sitzte hier so rum, Dembowski? Bier? Trink dit ma,“ Brankhorst hatte mich überrascht. Ich versuchte nicht einmal, ihm von meinen Gedanken zu erzählen. Schnappte mir stattdessen das Bier und lenkte das Gespräch auf die Nationalmannschaft. „Wunderprächtigst! Wegjeballert habense die. Nur dieser Schmelzer. Der kann nüschsts. Da hat der Jogi ma die Wahrheit jesprochen“. Brankhorst kippte sich gerade sein drittes Bier runter, erzählte wieder von seiner Zeit als großer Union-Fan. Damals, hinterm Vorhang. Wie er zu Spielen gegen den Schifffahrtshafen Rostock gefahren ist, wie er an der Mauer stand, und der Protest dazu führte, dass man ihn einsperrte. Ich kannte die Geschichten, immerhin lenkten sie mich ab. Ich musste weniger Vögel beobachten, und endlich wieder mitmischen. Ich beschloss, mir im Wedding eine Bleibe zu suchen. Nur für unter die Woche, dachte ich. Nur, um wieder am Start zu sein. 

nächste ausfahrt: wedding