War der Mann auf dem Phantombild Piotr? Ich war mir sicher, aber schwieg. 

Junge, Junge, Junge, was hast Du nur gemacht und wie hast Du das schon wieder gemacht, dachte ich. Der Säbel war zurück und reichte mir stumm ein Phantombild. Seine Kollegen waren diesmal unten geblieben. Auf dem Phantombild erkannte ich Piotr, ich sagte nichts. Er war ohnehin gerade unterwegs und würde nur zurückkommen, wenn es ihm passte. Manchmal wachte ich aus schlechten Träumen auf. Dann war ich wieder im Unterwasseraquarium, die Beats der Enon Disco schlugen mir sämtliche Hoffnung aus meinem verlorenen Ich, die Fische zogen vor der Panzerglasscheibe ihren Bahnen, Piotr hantierte am Computer und entwarf seine Zukunft. Diese Träume verfolgen mich, ansonsten hatte ich es längst verarbeitet.


Auch das Bild, das Piotr mit einem dicken Leberflecken auf der linken Backe zeigte, konnte mir nichts anhaben. „Das ist er“, sagte ich irgendwann. Säbel hatte mich minutelang angestarrt. „Wenn er sich meldet, melden!“ Dann war er weg. Trotz der mir zugefügten Schmerzen würde ich Piotr nicht verraten. Er war sicher, solange er nicht zurückkehrte. Ich wußte nicht einmal, wann er war, geschweige denn wo er wann war. Es musste ihm dort gut gehen. Seinen Bauchansatz hatte ich auch im Zug nicht übersehen.

Aber es war Donnerstag. Und Lewandowski hatte uns eine Überraschung versprochen. Im Netz überschlugen sie sich mit Vermutungen. Von einem Werbespot zu einer neuen Fanplattform zu einem neuen Vertrag, alles war dabei. Was wäre der Fußball ohne Spekulationen? Irgendwie musste man die Zeit totschlagen. Dass Lewandowski verlängern würde, stand ohnehin fest, es ging jetzt nur noch um den Zeitpunkt der Verkündung und darum, wie man es den traurigen englischen Vereinen, die sich immer mehr mit ihrer Außenseiterrolle abfinden mussten, sagen würde.

Überhaupt: Was war nur mit England los, dachte ich. Nicht viel. Sie blickten auf die Bundesliga, die sich im Ausland so strahlend präsentierte. Doch mit der glanzvollen Hülle hatte das Innenleben der Liga schon lange nichts mehr zu tun. Meine fehlgeleiteten Kommentare des Vortags verdeutlichten das noch einmal. Ich saß auf dem Sofa, blickte auf das Bild von Piotr, blickte bald aus dem Fenster. Ich hatte Tocotronic aufgelegt. „Nach der verlorenen Zeit hab ich erstmal weniger nachgedacht!“ Das war schon ein guter Albumauftakt. Natürlich, die Band war dann irgendwann auf dem Pfad der Umnachtung angekommen, ihr Werk blieb trotzdem. Man musste sie jetzt eben ignorieren.

Wichtig war, es ging wirklich wieder alles von vorne los. Endlich begann die Liga wieder. All der Irrsinn hatte zwar noch lange kein Ende, immerhin wurden die Transfergerüchte jetzt aber von Spielen unterbrochen. Ich blickte auf den Spielplan. Für die Borussia ging es ja mal gut los. Erst nach Bremen, dann nach Nürnberg. Die beiden von Wolfsburg attackierten Vereine also. Würden wir schon schaukeln. Da machte ich mir keine Sorgen. Viel mehr Sorgen machte ich mir naturgemäß um die Bierversorgung in Kreuzberg. Ich griff zum Telefon. „Der Ermittler kommt, ist Bier da?“ „Keine Sorge, mein Lieber!“ „Stell mir bitte fünf Kronen zur Seite!“ „Aber klar, mein Lieber.“ Ob die reichen würden?

Ich widmete mich wieder meine Aufzeichnungen. Frank wurde schon ungeduldig. Nächste Woche wollte er meinen ersten Bericht haben.

nach der verlorenen zeit