Ich schleppe mein Bein nach. Längst wollte ich zurück in der Nordstadt sein, doch jetzt stolpere ich durch die engen, gewundenen Gassen einer polnischen Stadt, von dessen Existenz vor der Konstrukteursklausurtagung nie gehört hatte und die ich auch jetzt sofort wieder vergessen will. Aus meiner Vergangenheit wurde innerhalb einer Woche meine Zukunft, die Gegenwart hatte die Woche geflissentlich ignoriert. Es ging um Ermittlungsvorgaben, es ging um die Überarbeitung des Ermittler-Handbuchs der verbindlichen Freundlichkeit. „Auf eine höhere Ebene stellen“, hatte Piotr mantralike wiederholt und ich konnte und wollte mir diese höhere Ebene nicht vorstellen.

Dafür war ich nicht den langen Weg in die unendliche Weite Polens gekommen. Erhofft hatte ich mir Fakten, erhofft hatte ich mir einen wertvollen Beitrag für die Dortmunder Konstrukteure zu leisten. Ich wollte den Konstrukteuren Kompromisse abringen und auch meine bescheidene Wohnlage durch einen wohlkalkulierten Befreiungsschlag auf eine neue Ebene stellen. Doch ich kam nicht zu Wort und wenn ich das Wort hatte, waren meine Gedanken längst mit den über mir herziehenden Zugvögeln in eine andere Realität eingetaucht. Dann stotterte, verhedderte und verhaspelte ich mich in ausschweifenden Sätzen, die mit den eigentlichen Ansätzen nicht mehr übereinstimmten. Auf ganzer Linie hatte ich die Hoffnung aufgegeben. Abends saß ich mit dem unscheinbaren Michael Kalkhoff zusammen, der aus der tschechischen Hauptstadt angereist war, zusammen. In technicolor berichtete er mir von seiner kleinen Erdgeschosswerkstatt inmitten einer riesigen Plattenbausiedlung. Sein Haus, so wiederholte er immer wieder, sei das letzte vor dem Krieg erbaute Haus in der gesamten Umgebung. Es füge sich derart in die Umgebung ein, dass man, so man nicht genau hinschaut, sehenden Auges an diesem vorbeilaufen würde.

Er berichtete mir von einem großen Platz unweit seiner Erdgeschosswerkstatt. Dort, so Kalkhoff, experimentiere er mit neuen Formen der Projektion. Nichts, nicht einmal ich, sagte er, sei, wie es auf den ersten Blick scheint. Durch seine Projektionen auf dem großen Platz inmitten der größten Plattenbausiedlung der tschechischen Hauptstadt, gelänge es ihm, neue Sichtweisen in die Herzen der Leute zu verankern. Alles was sie wahrnehmen, erklärte er mir, sind die Fontänen des großen Teichs, der am Rande des großen Platzes ein unbemerktes Dasein fristet. Im Laufe der Woche zog mich Kalkhoff immer mehr in seinen Bann. Ich vergaß den eigentlichen Grund meiner Anwesenheit. Hang am Tag den Zugvögeln nach und hörte am Abend die Worte Kalkhoffs, die mich in eine mir gänzlich neue Welt entführten. Mit Piotr und Tomasz fand ich keinen gemeinsamen Nenner mehr, ich verdrängte die Spiele der Borussia, vermisste Nobby „Nobster“ G und begann mich mehr und mehr für diesen unscheinbaren Michael Kalkhoff zu interessieren. Irgendwas war da und ich wollte es rausfinden.

Freitags reisten wir ab. Ich hatte mich kurzfristig für eine gemeinsame Abreise mit Kalkhoff entschieden. Nur ein paar Tage. Vielleicht, sagte ich mir immer wieder, finde ich neue Spuren, die mich wieder in die Welt zurückführen. Es war mir die Woche über unmöglich geworden, den direkten Weg in die Erdgeschosswohnung in der Nordstadt zu suchen. Diese schien mir so unendlich weit entfernt. Die Prager Erdgeschosswerkstatt hingegen war über die Tage immer präsenter geworden. Nach einer kurzen Zugreise fanden wir uns am Prager Bahnhof wieder, von dort nahmen wir die Tram, stiegen irgendwann aus und überquerten ein großes, abgeerntetes Feld. Lange schon hatten wir die alte Stadt hinter uns gelassen. Das hier, dachte ich, ist nicht die tschechische Hauptstadt, wie ich sie erinnere.

Auf dem Weg trafen wir auf einen Vater, der mit seinem Sohn, einen Schäferhund über die weiten Felder scheuchte. Kalkhoff stoppte, stellte uns vor und vereinbarte eine gemeinsamen Trip nach Lothsen. Dort, erklärte er mir, während wir nun hinter dem Hügel die ersten Häuser der Plattenbausiedlung sahen, gäbe es die besten Angelmöglichkeiten. Mir war es egal, ich nahm seine Worte nicht mehr wahr und blickte wie gebannt auf die sich nun immer mehr auftürmende Siedlung vor mir. Diese Ausmaße hatte ich auch nach den Beschreibungen Kalkhoffs nicht erwartet. Was würde mich hier erwarten?

mit kalkhoff in die tschechische hauptstadt