Wir saßen wieder in unserer Bar. Durch den Sonnennebel zeichnete sich in der Ferne die Tatra ab. Vom Bahnhof würden wir später in Richtung Zakopane fahren. Über die Bergketten sollte es in Richtung Morski Oko gehen. Für die Wanderung hatten wir uns drei Tage Zeit nehmen wollen. Doch erst einmal bestellten wir uns ein Bier, ein Schnitzel mit Beilagen und blickten von der Terrasse in Richtung Tatra. Wir waren ein paar Tage vorher aufgebrochen, nach ein paar Tagen in Krakau ging es in Richtung Nowy Targ, einer biederen Kreisstadt im Vortatragebiet. Für uns war sie jedoch keineswegs bieder, irgendwann hatten wir die Stadt in unserer Herz geschlossen. Hier hatten wir uns erst richtig lieben gelernt.

Dörte nahm einen Schluck aus dem großen Bierglas. Ich liebte es, wenn der Schaum ihre Lippen umspülte, und auch wenn aus der Küche wieder der Lemon Tree zu uns durchdrang, so war es mir doch herzlich egal. Wenn in Polen, dann Lemon Tree. In Deutschland vollkommen zurecht in Vergessenheit geraten, doch der Blick auf die Tatra wog vieles auf. Mir war es einfach egal und als Dörte lächelte und mir „I’m sitting here / I miss the power / I’d like to go out / taking a shower“ zuflüsterte und mir dabei über den Arm streichte, verliebte ich mich für einen Moment sogar in eines der unsäglichsten Lieder der 90er-Jahre. Wir zahlten und brachen zum Bahnhof auf.

Hand in Hand laufen wir die gut zwei Kilometer, wir überlegten kurz, ob wir nicht direkt mit dem Bus in Richtung Morski Oko fahren sollten, den Weg in umgekehrte Richtung beschreiten sollten und nichts sprach gegen diese Idee. Solange wir uns hatten, war es uns egal, wo wir uns befanden und in welche Richtung wir die Wege gehen würden. „Hauptsache zusammen“, erklärte ich Dörte und wieder lächelte sie nur zurück. Wie sie lächelte, wie sie mich dabei anstarrte. Über Gronkow und Bukowina Tatrzanska rollten wir langsam in Richtung Tatra. Wir saßen in der Mitte des Busses, der Fahrer hatte neben seinem Platz ein Bild von JPII hängen und hörte die besten Hits der 90er. Diesmal durften wir auf Lemon Tree verzichten, nahmen die Geräusche über und unter uns jedoch auch eben so wenig wahr wie die vorbeiziehende Landscahft. Wir genügten uns selbst.

Obwohl wir nicht miteinander redeten, waren wir uns unendlich nahe. Irgendwann spuckte uns der Bus am Parkplatz raus. Der lange Weg zum Morski Oko zog sich. Serpentine um Serpentine nahmen wir, auf der linken Seite des Wegesrand lag die Slovakei, vor uns der Morski Oko. An einigen Bänken würden wir Rast machen, die Ausflugsgesellschaften zum Bergseerestaurant an uns vorbeiziehen sehen und wir würden uns in den Armen liegen, hin und wieder einen Schluck aus der Wasserflasche nehmen. Das Tagesziel lag nur ein paar Kilometer westlich, eine kleine Hütte mit spärlicher Bewirtschaftung. Es war mir egal, solange ich Dörte an meiner Seite hatte, war es mir einfach egal. Dörte war in den letzten Wochen ein wenig schweigsamer geworden, doch durch diese Phasen mussten wir alle gehen, dachte ich während wir weiter den Berg hinaufschritten. Jeder ist hin und wieder nachdenklich, das liegt in der Natur des Menschen. Das unterscheidet uns letztendlich von anderen Tieren. Wir haben nicht die Macht, gedankenlos durch die Welt zu schreiten. Wir haben unsere guten und unsere schlechten Tage. Das ist normal, dachte ich und blickte wieder zu Dörte, die mir ein weiteres Lächeln schenkte. Ich drückte ihr ein Kuss auf die Stirn. „Wie glücklich ich bin, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Wie das alles Sinn macht, Dörte!“ „Dembo, ich weiß“. Danach waren wir nie wieder glücklich.

mit dörte zum morski oko