Es war hinlänglich bekannt, dass der Ermittler Fan des Ballspielvereins war. Wo immer ich hinkam, steckten die Menschen ihre Köpfe zusammen, tuschelten und zeigten, wie sie dachten, unbemerkt auf mich. Wenn es auch in der Stadt keinen wirklichen Verein gab – die Hertha war weiterhin ein Provinzverein, Union war für einen echten Stadtverein zu sehr im Vorort Köpenick verhaftet und alle Vereine im Herzen der Stadt waren einfach zu schlecht, zu wenig attraktiv, um seine Liebe nur mit einer Affäre zu betrügen – so war Fußball doch ein wichtiger Bestandteil der Leben hier.
Nun war ich als Ermittler und Fan des Ballspielvereins natürlich eine Marke, doch an das Tuscheln, das Fingerzeigen konnte ich mich nicht gewöhnen. Nachdem mich in den letzten Wochen ein paar Journalisten begleitet hatten und vor ein paar Tagen ein größeres Portrait über den außergewöhnlichsten Ermittler veröffentlicht hatten, war das Tuscheln & Fingerzeigen natürlich nicht weniger geworden.
In diesem Portrait stellten mich die beiden Schreiber als einen trunksüchtigen, egozentrischen, manisch-depressiven aber auch in höchsten Maßen verletzlichen und übermäßig sensiblen Moralisten hin, der sich über seine Liebe zum Ballspielverein definierte. „Sein schwerster Fall“, schrieben sie „ist jedoch nicht sein Kampf gegen Komaroff, sondern vielmehr der gegen seine eigenen Erinnerungen.“
Sie hatten, so hatten sie gedacht, mich zum Plaudern gebracht. Nach einigen Gesprächen war mir aufgefallen, dass sie sich vornehmlich für meine Suche nach Dörte interessierten. So hatte ich ihn die Geschichten erzählt, die unauslöschlich in meiner Erinnerung eingebrannt waren. Ich hatte sie zum Morski Oko in die Tatra mitgenommen, ihnen die Nacht auf dem Balkon in allen Einzelheiten geschildert und war während meiner Erzählung stets unvermittelt zu meinen Nordstadt-Anekdoten gewechselt.
Ich hatte ihnen die scheinbar intimsten Details aus meinem Leben erzählt und sie auf eine lange Reise durch meinen Kopf geschickt. Dass diese Reise jedoch aus den größten Umwegen und den erstaunlichsten Ausschmückungen bestand, war den beiden Schreibern nicht aufgefallen. Sie hatten investigativ gefragt, sie hatten mich erzählen lassen und ich hatte ihnen die Antworten gegeben, die sie hören wollten. Bevor sie sich an meine Fersen geheftet hatten, war ihre Sicht der Dinge klar gewesen. Und genau diese Sicht der Dinge wollte ich ihnen bewahren. Wenn ich mich auch ein wenig geschmeichelt fühlte, dass sie mich als Kiezgröße porträtieren wollten, so wenig Lust hatte ich darauf, mein Leben zu offenbaren.
Ich hatte dem Affen Zucker gegeben und der Affe hatte mir aus der Hand gefressen. Was ich aber nicht bedachte hatte, für sie zählte ich nichts, solange sie ihre Geschichte erzählen konnten, war ihnen der Mensch Dietfried Dembowski egal. Ich hätte es ahnen müssen. Aber Fakt war: Ich hatte es nicht geahnt. Jetzt da die Geschichte draußen war, konnte ich sie auch nicht ändern.
Wieder und wieder blickte ich auf die vier Spalten im Berliner Wochenblatt, Ausgabe Wedding. Okay, das Bild von mir war okay. Es zeigte mich von meiner besten Seite, wenn es so in eine Seite gab. Auf dem Bild saß ich an meinem Küchentisch. Hinter mir der alte Ernte-Werbespruch, auf dem Tisch eine Borussia Dortmund-Tasse und ein Aschenbecher mit einer halb gerauchten Ernte. Am Rande des Bildes sah man durch den Himmel das alte Doppelfenster, hinter dem Fenster, da draußen, startete ein Flugzeug.
Erst nachdem ich dieses Bild gesehen hatte, war ich auf die Flugzeugbeobachtungen im Winter gekommen. Der Gedanke, dass dies mein erster und letzter Flugzeugbeobachtungswinter sein würde, stimmte mich melancholisch. Im Radio hörte ich von den Testläufen in Schönefeld. Mit einem Schlag würde sich hier oben im Berliner Norden einiges ändern. Diese Überlegung machte mir ein wenig Angst. Gerade erst hatte ich mich in meine Fernweh verliebt, da war ihr Ende bereits absehbar. Der Bus, der durch die Koloniestraße in Richtung Buch vor, würde daran nichts ändern, so viel war klar.
Erst am Abend zuvor und nicht aus dem Küchenfenster, sondern aus dem in Richtung Osten liegenden Wohnzimmerfenster hatte ich ein Flugzeug beobachtet ,dass geradezu in den Mond flog. Erst hatte es so ausgesehen, als ob die Maschine nördlich am Mond vorbeifliegen würde, doch bevor sie das tat, drehte sie in Richtung Süden ab und für einen kurzen Moment sah ich etwas, was ich mein Wörterbuch als „Flugzeugfinsternis“ eintrug.
In diesem kürzesten Moment sah ich das Flugzeug klarer als ich jemals ein Flugzeug im Nachthimmel gesehen habe. Es wurde von Osten vom Mond beleuchtet und wenn ich genau schaute, sah ich an einem der mir zugewandten Flügelfenster gerade eine Person, die nicht nur in meine Richtung schaute, sondern mich sogar zu beobachten schien. Die Flugzeugfinsternis lenkte mich für ein paar Minuten von meiner eigentlichen Arbeit ab. Die jedoch bereitete mir an dem Abend große Freude.
Über einem guten Glas Hollerblüte und einer Kanne Tee saß erneut vor dem Entschuldigungsvideo der Kieler Mannschaft. Sie hatten sich erst im Ton vergriffen und saßen nun voller Demut zum Mannschaftsbild aufgereiht, sprachen unfassbar hohl klingende Entschuldigungsfloskeln in die Kamera. Am Morgen hatten sich im kicker Sportmagazin zwei Spieler als Borussia-Dortmund-Fans geoutet, vom Eklat stand dort jedoch wie immer keine Wort geschrieben.
Der kicker nahm sich als Leitmedium viel zu wichtig. Im kicker war alles stets in Butter. Wenn der Patron einen Transfer tätigte, wurde dies verniedlicht und in selbiger Ausgabe auch noch einmal ausführlich auf den wohltätigsten Menschen der Welt hingewiesen. Das ehemalige Fachmagazin hatte sich vor den Karren spannen lassen und war in einem nicht mal mehr bemitleidenswerten Zustand. Es war schlichtweg nicht mehr von Relevanz, es hatte sich längst von der Basis entfernt und war in meinen Augen Teil des Problems.
Doch auch an anderen Orten hatte das Entschuldigungsvideo kaum Reaktionen hervorgerufen. Ein Magazin für Fußballkultur hatte das Video analysiert. Bis auf einige schlechte Kalauer jedoch war auch bei dieser Analyse nichts passiert. Der Rest hatte das Video unter „nicht weiter bemerkenswert“ abgelegt. Das war es für mich jedoch. Diese Mannschaft, die sich dort womöglich auf einer Turnhallengarnitur präsentierte, hatte sich längst aufgegeben.
Ich erinnerte mich an die Journalisten, die mich begleitet hatten. Denen hatte ich eine Geschichte erzählt, etwas anderes gedacht. Konnte das hier auch der Fall sein. Ich spulte hin und her. Doch in ihren Augen sah ich weiterhin nur blankes Entsetzen. Den Spielern des Viertligisten war klar, dass sie unter den gegebenen Umständen mit einer vernichtenden Niederlagen rechnen mussten. Sie würden sich nicht weiter dagegen stemmen.
Natürlich, in den ersten Minuten, und also bis zum ersten Gegentreffer würden sie sich mit aller Macht gegen die drohende Niederlage stemmen. Ihnen war jedoch bewußt, dachte ich beim Betrachten der Bilder, dass mit dieser Borussia in dieser Situation nicht zu spaßen war und sie genau das getan hatte. Ihr Trainer würde Statistiken bemühen, abgedroschene Floskeln raushauen. All das aber würde nach dem ersten Treffer obsolet sein und dass dieser Treffer fallen würde, das konnte ich in den Gesichtern der Kieler Mannschaft ablesen.
Sie gaben sich bereits vor Anstoß geschlagen und sie bettelten um Nachsicht und Milde. Doch die Borussia würde ihren Lauf nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit unterbrechen. Das wäre vielleicht vor ein paar Jahren und aus anderen Gründen als aus reiner Menschenfreundlichkeit der Fall gewesen, doch die Saison 2011/2012 war nicht die Saison, um mit der Borussia so umzuspringen, wie es die Nordlichter getan hatten. Das war ihnen bewußt und davor hatten sie Angst.
Als ich all das zu später Stunde im Oldie Eck erzählte, warfen sie mir wieder Arroganz und Überheblichkeit vor. Nach dem Portrait im Berliner Wochenblatt, Ausgabe Wedding meinten sie, mich zu kennen. Nach dem Portrait im Berliner Wochenblatt, Ausgabe Wedding war ich für sie offenes Buch. Sie sahen in mir den großspurigen, großkotzigen Ermittler aus der Fußballhauptstadt.
„Wat machense überhaupt hier, Herr Ermittler?“, fragte mich der kleinwüchsige Typ neben mir, der jeden Tag in seiner Ledermonitur im Oldie Eck rumhing. „Sindse hier oder in Dortmund? Die Hertha ist dit wahre Gold. Gespenster hier, Gespenster da. Der Herr Ermittler. Ermittlungen im Auftrag der Arroganz. Schon ma nen Fall jelöst? Dit mit Komaroff steht Ihnen doch ins Jesicht jeschrieben, dit nagt an Ihnen und dit mit Dörte ist doch ne Tragödie. Kommse nur mit Saufen von weg, wa? Und dann immer schön den Kenner raushängen lassen. Kenn mich mit dit aus, davon brauchense mir nüschts zu erzählen, davon habe ich die Ahnung. Hier sindse Gast, Herr Ermittler. Benehmen se sich jefälligst wie eener. Dit wird mir eine Freude sein, wenn de Störche de Trummertrüppe zerstört haben. Hertha ist dit wahre Gold!“
Menschen in Kneipen! Man konnte ihnen nichts als Alkoholismus und Einsamkeit bescheinigen. In Berlin kam noch diese Weinerlichkeit hinzu. Wenn sie die Laute auch im vorderen Mundraum formten, und ihrer Sprache damit vielleicht ein wenig Aggressivität verliehen, so machten sie es durch die Art und Weise der Betonung und durch die abfallende Tonlage zum Satzende hin zunichte. Sie klagten über dit und klagten über dat.
Menschen in Kneipen mochten keine Menschen, die von ihren anstehenden Projekten erzählten. Menschen in Kneipen mochten aber auch keine Menschen, die nicht von ihren anstehenden Projekten erzählten und einfach auf ihre bisherigen Leistungen verwiesen. Sie suchten sich scheinbare Schwachstellen, bohrten in Wunden, hofften auf Eiter zu stoßen. Stießen sie nicht auf Eiter, bohrten sie stumpf weiter. In ihrem Alkoholwahn registrierten sie nicht, dass Schmerzen nur zugefügt werden können, wenn es noch keine Wunden gab. Menschen in Kneipen mochte keine Menschen.
Menschen in Kneipen! Sie betranken sich und jammerten. War man mit ihnen in ihrer Kneipe, gehörte man entweder dazu oder, häufiger, war ihr größter Feind. Menschen in Kneipen! Sie verstanden nicht, dass man sich betrinken konnte und am Folgetag trotzdem zu Höchstleistungen in der Lage war. Kam man Menschen in Kneipen dann noch mit einer Erfolgsgeschichte, wendeten sie sich direkt gegen einen. Ich würde im Oldie Eck aufpassen müssen. Das Oldie Eck war längst Feindesland. Sollte ich noch einmal auf Komaroff treffen, dann Gott bewahre nicht im Oldie Eck.
Lange hielt ich es an diesem Abend nicht im Oldie Eck aus. Als ich mich vom Tresen entfernte und Richtung Tür schritt, tuschelten sie wieder, zeigten mit dem Finger auf mich. Daran würde ich mich nie gewöhnen. Gerade hier im Oldie Eck. „Hier riecht es verbrannt“, sagte ich, während ich aus der Tür trat. Das Pokalspiel, so viel war klar, würde ich lieber wieder in Kreuzberg schauen. Schnell platzierte ich noch eine Handicap-Wette und träumte vom anstehenden 5-0 Erfolg der Borussia in Kiel. So stand es in den Gesichtern der Kieler geschrieben, so würde es geschehen.
menschen in kneipen (borussia in kiel)

Ein Gedanke zu „menschen in kneipen (borussia in kiel)

  • Februar 8, 2012 um 12:38 pm
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    Menschen in Kneipen sind manchmal ganz o.k., nicht?

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