Schill triumphierte, Dembowski meckerte. Es war ein ungewohntes Bild. Die beiden Freunde saßen zusammen. Es war Sonntag früh. Und ja, Schill trug seinen HSV-Bademantel. Diesmal mit Stolz. „Vielleicht mach ich mir hinten einen Ferrari drauf“, dachte er laut nach. Und Dembowski? Der doch kürzlich noch triumphierte? Er bekam nicht einmal mehr sein Korn runter. Dabei war Frühschoppen, und sein Wirt, sein Freund, seine Quelle hatte ihm extra Kristofferson aufgelegt.
Ja, Sunday Morning Coming Down. Das hörte Dembowski gerne. Dann träumte er sich wieder in seine Welt, dann fuhr er wieder mit dem Mobile Command Center durch Arizona, rein nach New Mexico, Texas und um ihn herum nur die Weite, diese unendliche Weite.
Aber Mauern, Mauern, Mauern. Das war alles was er sah, das war seine Bestimmung. Er rannte an, und hatte er eine durchbrochen, stand vor ihm bereits die nächste. Seine Euphorie schlug stets in Ernüchterung um.
Es war gegen 10 Uhr. Und Schill, der jetzt wie ein Rohrspatz meckerte – es ging um Neuers Handspiel außerhalb des Strafraums – wurde nun auch noch nervös. Er hatte einen Job zu erledigen. Er wusste nicht, ob er den Ermittler mitnehmen sollte. Klar. Noch war Dembowski zurechnungsfähig, und das, dachte der Kneipenbetreiber im Bademantel, war er selten. Meist auch nicht lang. Aber würde er sich nicht wieder nur daneben benehmen.
Er musste eine Entscheidung treffen. Und natürlich traf er sie zugunsten des launigen Ermittlers.
„Dembowski, nen Kumpel fällt aus. Ich muss ein paar Würstchen in die Alte Försterei liefern. Kommste mit? Union zockt gegen RB Leipzig.“
Funkelnde Ermittler-Augen. RB Leipzig. Sein liebster Feind. Nächtelang hatte er die Diskussionen im Internet verfolgt. Er liebte sie. Da war alles dabei. Kapitalismuskritik, Klassenkampf, Romantik, und natürlich: Antisemitismus, der hier als struktureller Antisemitismus verkleidet war. Das ganz große Rad. An dem drehte Dembowski immer gerne.
„Muss das sein? Leipzig? Zweite Liga?“
„Hinterher in die Abseitsfalle. Einen heben. Das wäre doch was. Wagen steht schon vor der Tür.“
Dembowski war längst überzeugt, und, die Zeit drängte, wollte auch nicht länger verhandeln. Was war schon ein Sonntag? Betrinken konnte er sich auch im Stadion.
An der Osloer deckte sich der Ermittler noch mit ein paar Kaltgetränken ein, und schon begann die rasante Fahrt in den Südosten der Stadt. Langsam kam Dembowski in Stimmung. Er blätterte durch die Tagespresse, und fand Hinweise auf geplante Proteste.
„Krass, Schill. Die ziehen sich alle Mülltüten an. Mega! Und Schweigen sogar. Dabei steckt Union knietief in der Scheiße. Und dann gegen RB? Die haben ne unglaublich starke Truppe, sach ich Dir.“
Doch Schill, der den Bademantel, gegen einen Jogginganzug getauscht hatte, schwieg und verzweifelte. Dembowski konnte nervig sein. Und er war es mal wieder. Viel lieber hätte er über HSV Joe geredet. Der war heiß. Der drehte das Schicksal des Vereins. Einer wie Klopp, dachte er. Und: Nächstes Jahr spielen wir Champions League. In der Mannschaft steckt so viel Potential.
„Alle Bullen sind Schweine! Alle Bullen sind Schweine!“
Der Ermittler kam langsam in Fahrt. Er hatte jetzt seinen Pegel erreicht. Und der Kopf war wieder klar.
„Du musst Dich da gleich ganz ruhig verhalten. Ich muss hinter den Gästeblock. Guter Job. Und den will ich nicht verlieren.“
Schill reichte Dembowski eine Arbeitskarte.
Sie näherten sich der Alten Försterei. Hin und wieder sahen sie ein paar Rattenball-Shirts. Der Ermittler lehnte sich aus dem Fenster.
„Ey, Schill. Fahr mal langsamer. Sensationelle Shirts. Muss ich fotografieren, und gleich mal ins Netz stellen. Diskussionen befeuern. Das wird wieder schöne Nazi-Diskussionen geben.“
Aber Schill drückte aufs Gas. Der ist leider komplett irre, dachte er. Und erinnerte sich Neuers Ausflug, und was die Experten dazu gesagt hatten. „Regelkonform, ein clever Hund, der beste Keeper der Welt.“
Sie fuhren auf den Platz vor der Haupttribüne.  Der Kneipenbetreiber musste sich noch schnell anmelden.
 „Dembowski, ohne Bier. Bitte!“
Und der Ermittler stieg aus. Er trug weiße Chucks zu einem braunen Nadelstreifenanzug, und sah unverschämt gut aus, wie er da so stand und sich zu einer Traube Menschen gesellte. Boulevardreporter. Die erkannte Dembowski sofort.
„Und: Geht es heute ab? Schon ein paar Vorfälle?“, fragte er in die Runde.
„Wer sind Sie?“
„Dembowski, DerSamstag! Kennen Sie, oder?“
Er verteilte ein paar Visitenkarten. Das kam unter den Gegelten immer gut an. Auch hier.
„Ah. Klar: Diese mittelmäßigste Zeitung. Cool. Noch ist nichts passiert. Aber es sind immer noch Fußballfans, Hooligans. Da passiert schon noch was. Diese Proteste alleine sind eine Unverschämtheit. Union hatte auch einen Investor. Aus Leipzig.“
Die Reporter waren bestens informiert, aber Schill unterbrach die Fachsimplerei. „Dembo, wir müssen rein.“
„Na, dann auf massig Krawall!“
„Wir werden berichten.“
Doch nichts passierte. Das Stadion schwieg, wie der Ermittler von seiner Position oberhalb des Gästeblocks sah. Die Fans protestieren stumm. Und nur die Leipziger sächselten so vor sich hin. „Gleichgeschaltete Massen“, sagte Dembowski zu Schill, doch der hörte nicht zu.
„Dembo, wir müssen nochmal ein paar Würstchen aus dem Wagen holen.“
„Ein Bier noch. Lass uns bis zur Halbzeit warten.
Was sollte Schill sagen? Alleine konnte er die schweren Kunststoffbehälter nicht tragen. Und Dembowski war längst wieder in seiner eigenen Welt. Immerhin verhielt er sich ruhig, hatte noch keinen Streit angefangen.
Während der Halbzeit hievten sie die schwere Box aus dem Wagen. Es waren vielleicht 200 Meter. Doch Dembowski musste mindestens dreimal pausieren. Er schwitzte. Er stöhnte. Er jammerte. Aber nach 15 Minuten hatten sie den Grillstand erreicht. Da ertönte aus dem Stadion der Anpfiff zur zweiten Halbzeit.
„Komm wir lassen das Ding hier stehen.“
Der Stand war unbewacht. Aber der Job war erledigt, und sogar Schill hatte Gefallen an dem Kick gefunden. Sie rannten los. Erreichten den Gästeblock. Es stank. „Sicher Buttersäure“, flüsterte Dembowski zu Schill. Ein Leipziger schnappte es auf.
Das Telefon klingelte. Und Schill drehte sich um. Alles wird in Flammen stehen. Vom Grillstand zog eine Wolke aus verbranntem Plastik in Richtung Gästekurve. Alles wird in Flammen stehen.
„Komm lass uns abhauen.“

Beim Spiel blieb alles ruhig. Und am nächsten Tag berichtete der Boulevard von einem Buttersäureanschlag auf Leipzig-Fans. 
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