Aufregende Tage. Auch wenn ich mit einem Kater aufwachte. Immer noch dachte ich daran, dass es eigentlich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit ist, was da gerade nicht mit mir passiert. Doch Hoppgate war in aller Munde, das war am Ende das Ziel der Konstrukteure. Ob es mein Ziel war? Ich fand keine Antwort, blätterte beim Morgenkaffee schnell durch die Zeitungen, klickte mich durch den immer größer werdenden Thread im BVB-Forum, registrierte die Pressesschau. Ich war guter Dinge. Fand mich damit ab, dass alles so ist, wie es ist und dass der entscheidende Anteil niemals entsprechend gewürdigt werden würde. Ich kann nichts machen, dachte ich am Frühstückstisch sitzend, ich kann dem Lauf der Dinge jetzt nur noch folgen. Meine Arbeit war getan, in mir stieg Freude auf, setzte sich direkt neben den ausgewachsenen Kater.

Ich stand auf, bewegte mich ein wenig, zog nicht nur die Rollos hoch, sondern öffnete die Fenster. Auf der Straße war Ferienzeit, doch die Kids hatten längst keinen Narren mehr an mir gefressen. Irgendwann in den letzten Monaten wurde ich ihnen zu normal. Vom Loner war ich zu einem Gesellschaftsmenschen verkommen. Hatte ich mit dem Trip in die Masuren all meine Ideale verraten? Hatte ich nicht nach Ruhe gesucht und doch wieder nur Aufregung gefunden? Ich war mir nicht sicher, doch im Zweifel würden mir die Erinnerungen an das Unterwasseraquarium bleiben. Doch irgendwann bemerkte ich, wie sehr ich mich in den letzten Tagen wieder in Abhängigkeiten begeben hatte. Auf dem Plattenspieler drehte sich das Molina/Benford-Duett und ganz langsam zerbrach ich an dem angestauten Druck der letzten Tage. Was letztendlich der Auslöser war? Keine Ahnung. Ich hörte Molina und Benford zu und ganz langsam umhüllte mich der Schatten der Melancholie, dem ich seit einiger Zeit hatte entweichen können. Er deckte mich zu. Alles fühlte sich schwer an.

Erst wollte ich noch Redermann anrufen, doch mir war klar, dass er sich weiterhin an Hoppgate abarbeiten würde. Er war Feuer und Flamme, skizzierte Berichte für die kommende Ausgabe des Samstags, sprach mit Feuerwehr- und Securitymenschen, setzte Unsympathen unter Druck und war voll in seinem Elemet, er würde keine Hilfe sein, dachte ich mir. Mit Deiner Melancholie musst Du Dich einfach auch einmal auseinandersetzen, Dembowski, sagte ich mir auf den Plattenspieler starrend. Verdammt, ich würde es diesmal auch. War Dörte noch nicht weg? Hatte sie sich wieder in meine Gedankenwelt geschlichen? Ich bezweifelte es und suchte Ablenkung im Netz. Schulze hatte mir eine Mail zum Fenstersturz in der Nordstadt geschrieben. Ob ich im Moment Kapazitäten frei hätte? Doch sowohl Amok als auch Redermann rieben sich an Hoppgate auf und mit mir war definitiv kein Staat zu machen, geschweige denn einen Fall von solch einem Kaliber zu lösen. Es brannte mir auf der Seele, der Dämmerzustand schritt voran, auch die Guns Of Brixton wollten mich nicht befreien. Was war nur los? Lange, sehr lange sogar hatte ich die dunkle Nacht verdrängen können, mit aller Macht befreite sie sich aus meiner Unterdrückung und umarmte mich nun unbarmherzig.

Ich klickte mich weiter durch die Mails, zum Großteil waren es belanglose Aufregungen. Immer wieder ging es um Hopp, um die Sirenen und den Untergang des Rechtsstaates. Ich hatte es sowas von satt, konnte es im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr hören und nicht mehr sehen. Nicht mein Verein, dachte ich wiederholt, nicht mein Verein. White Riot lief. Live im Victoria Park und ich sehnte mich in diese Zeit zurück. Ich hatte sie nie erlebt, doch würde ich jemals einen Fragebogen ausfüllen müssen, in dem diese Zeitmaschinenfrage zu beantworten wäre, so wären dies meine Top5, dachte ich

1. London, 1977 – 1979
2. Manchester, 1985 – 1989
3. Berlin, 1989
4. Paris, 1923 – 1928
5. Dortmund, 1956 – 1963

Doch ich würde diesen Fragebogen nie ausfüllen, auch das war mir klar und so klickte ich mich weiter durch die Mails. Irgendwo zwischen all den Aufregungen, Denunziationen und Weiter So-Nachrichten fand ich eine unscheinbare Mail von Bernd. Bernd hatte ich schon lange nicht mehr gesehen, ich war überrascht, überhaupt mal wieder von ihm zuhören. Wir hatten vor 20 Jahren mal gemeinsam gegen die Kugel getreten, er als Libero, ich als Mittelfeldstratege, doch das Leben hatte nicht nur meine Karriere beendet, sondern uns auch auseinander dividiert. Er machte seinen Kram, ich machte meinen Kram und obwohl wir in einer Stadt leben, trafen wir nie aufeinander.  Zu fremd waren wir uns geworden, zu unterschiedlich hatte sich unser Leben entwickelt. Ich öffnete die Mail:

dietfried, ich wollte dir nur kurz schreiben, dass wolfgang gestorben ist. bernd

Wolfgang war damals unser Trainer. Er hatte keine Ahnung vom Spiel und von der Taktik, doch motivieren konnte er. Einmal hatten wir zur Halbzeit bereits mit 5-0 in Führung gelegen, doch Wolfgang hielt die Messe noch nicht für gelesen. „Das Ding ist noch lange nicht durch. Die sind heiß wie Frittenfett und machen uns in der zweiten Halbzeit ein. Ihr müsst auf der Hut sein.“ Wir gewannen das Spiel am Ende locker und souverän mit 9-0, niemals bestand nur der geringste Zweifel an unserem Sieg. Wir stiegen auf und zur Belohnung reisten wir in den Süden. Dort tranken wir, dort feierten wir und manchmal, wenn wir in der Hotellobby saßen, würde Wolfgang mit einer Palette Erdbeeren in die Lobby schlurfen. Immer fragte er dann: „Männer, Bock auf Erdbeeren?“ Und wie wir Bock hatten.

Ruhe in Frieden, Wolfgang!

männer, bock auf erdbeeren?