Die Äußerungen aus Polen waren nur noch mit Vodka und Coltrane zu ertragen, war sich Dembowski sicher. Die Lewandowski-Akte beruhigte den erstaunlichen Ermittler. 

Direkt rein. Jetzt nur keine Ruhe gönnen. Ich musste so schnell wie möglich wieder auf Betriebstemperatur kommen. Vorbei! Die Zeit auf der Lamafarm! Vorbei! Der unbedingte Wille zur Selbstdisziplin, die ich im Oderbruch zumindest hin und wieder an den Tag legen konnte.

Es galt die letzten Tage vor Saisonbeginn, den letzten Monat der Transferphase angemessen anzugehen. Aus der hintersten Ecke der Plattensammlung fischte ich Coltranes Giant Steps, aus der vordersten Ecke des Eisfachs eine Flasche Vodka raus, dazu 3 Liter Wasser vom Türken vor der Tür und zwei Schachteln Ernte.

Ich hatte meinen Arbeitsplatz aufgeräumt und wollte fortan ohnehin minimalistischer unterwegs sein. Die Fenster waren geöffnet, der Morgenverkehr rollte, die Flugzeuge dröhnte, die Krankenwagen blaulichteten und die Trunkenbolde torkelten. Manchmal kämpfte sich die Sonne durch die Wolkenschichten. Und Coltrane spielte sein Terrorsaxophon.

Es dauerte nicht lange bis ich vom konstanten Nachrichtenstrom zugedröhnt war. Immer hatte irgendwo jemand etwas zu vermelden und immer wollte irgendwer irgendwo hin, um noch glücklicher, noch besser, noch erfolgreicher, noch unsterblicher zu werden. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich nie auf die Bleibenden, dachte ich. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich nicht einmal auf die Zweifelnden, ergänzte ich noch einen Vodka hinunterstürzend. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich vielmehr nur auf zwei Gruppen.

Die Stürzenden

Die Brüllenden

Kaum hatte ich diesen wahrlich nicht sonderlich geistvollen Gedanken gedacht, knallte mir der Name Lewandowski aus allen Ecken und Enden in mein vom Vodka benebeltes, von dem konstanten Nachrichtenfluß betäubtes – und natürlich zu jederzeit aufgrund meiner Selbstgeißelung zumindest für mich bemitleidenswertes – Gehirn. Lewandowski hier, Lewandowski da.

Seit dem bedauerlichen, viel zu frühen Ableben Reisers, das ich Winowski in manch stiller Stunde immer noch anlastete, war es in Deutschland verhältnismäßig still um ihn geworden. Doch es gab immer ein anderes Land, es gab immer einen anderen Kanal. Und so nahm das Unheil diesmal aus Polen kommend seinen Lauf.

Es musste eine Kopie der Lewandowski-Aktie existieren, anders konnte ich mir diese Selbstsicherheit nicht erklären. Wir denken, wir haben alle Beweise vernichtet, dachte ich und sind am Ende doch nicht viel mehr als die eigentlichen Idioten, haben wir zwar unsere Beweise, aber nicht die Beweise vernichtet.

Ich griff zum Hörer. „Redermann, Du hast nicht …“ „Dembo, ist schon auf dem Weg. Schau mal in Dein Postfach.“ Dort lag sie die Lewandowski-Akte! Unzählige Seiten Irrsinn. Ich druckte mir die gut 500 Seiten aus, machte den Computer aus, drehte die Anlage noch ein Stück weiter auf und ging die Akte Seite für Seite durch. Redermann hatte an einigen Stellen ein paar hilfreiche Anmerkungen gemacht, langsam fügte sich das Bild zusammen. Es war an der Zeit für einen gepfefferten DerSamstag!-Artikel, der endlich Licht ins Dunkle brachte.

Die Beweise existieren! Lewandowski unter Druck

Ein neues Kapital in der Lewandowski-Geschichte wurde aufgeschlagen. Legen Sie das Buch jetzt nur nicht schlaftrunken zur Seite. Bleiben Sie wach. Noch einen Moment. Einen letzten Moment. Bis alles gesagt ist. Das kann noch lange dauern, sagen Sie? Hören Sie genau zu. Lesen Sie! Auch zwischen den Zeilen! Lesen Sie überhaupt immer zwischen den Zeilen! Außer in dieser Zeitung! Lesen Sie da ganz genau: Folgendes.

Nach längeren, zugegeben teils recht blutigen Recherchen dieser Redaktion ist klar: Die Betrogenen sind nicht die Betrogenen. Verstehen Sie nicht? Lesen Sie weiter. Die aktuellen Aussagen Lewandowskis entsprechen nicht der Wahrheit. Vielmehr hat der polnische Volksheld mit seinen Beratern, die – eine Randbemerkung sei erlaubt – das DerSamstag!-Sommerfest vorzeitig und mit überhöhter Geschwindigkeit verlassen haben, ein hoch dotiertes Angebot der Dortmunder Borussia abgelehnt.

Aber hat er nicht gesagt? Hat er! Das muss aber nicht stimmen. Nach Informationen dieser Zeitung traf Lewangoalski diesmal ins eigene Tor. Das Angebot wurde abgelehnt und nicht erneuert. Borussia Dortmund beruft sich nun auf den gültigen Vertrag. Für Lewandowski und seine Berater geht es nur noch ums Geld. Voller Gier haben Sie die Karriere aus den Augen gelassen.

„Der BVB hat Zusagen gemacht, an die sie sich ….“

Gelangweilt löschte ich den Artikel wieder, es war nicht an der Zeit für einen gepfefferten Artikel, es war nicht an der Zeit für Enthüllungen, es war nicht an der Zeit für Zitate aus der Lewandowski-Akte.

Im Fernsehen lief der Audi-Cup, ich stürzte einen weiteren Vodka, Philipp Lahm war der beste Kapitän der Welt und ich schleuderte die leere Vodkaflasche in den Fernseher. Er implodierte und nur mit einem Sprung hinter den Tisch konnte ich mich noch retten.

Als ich am nächsten Morgen vollkommen verkatert aufstand, die Flasche, das Unglück und den ganzen Rest sah, beschloss ich irgendwann einmal die komplette Lewandowski-Akte auf den Tisch zu legen, mich bis dahin aber nicht mehr für diese unsägliche Geschichte zu interessieren. Ich öffnete ein Bier, schritt ans Fenster und sang „Shaaalaalala Borussia“

lewandowski: mit tempo 200 in die sackgasse