Doch bevor ich nach Dortmund reisen konnte, hatte ich im Soldiner Kiez noch ein paar Dinge zu erledigen. Natürlich war ich wieder mit dem Strom geschwommen und hatte mir das Album von Michael Kiwanuka zugelegt. Soul, Soul, Soul, sagte ich zu mir und erfreute mich an dem Klang meiner Worte. Soul, Soul, Soul! Vielleicht war dies der Weg zurück in Redermanns Herz. Denn bei allen unseren Meinungsverschiedenheiten, die entscheidenden Enttäuschungen und Anfeindungen gingen von mir aus. Manchmal hatte ich das dringende Bedürfnis, sämtliche Brücken hinter mir einzureißen. Nur nicht zur Mündung! Aber auf dem Weg dorthin sollte mir verdammt noch einmal niemand folgen. Doch der sanfte Sound der verhallenden Stimme Kiwanukas entließ mich auf die grünen Wiesen des Berliner Umlands.

Noch einmal Luft holen und mit gesammelten Gedanken zurück in den Pott. Die Wiesen in Lübars waren immer noch von der Schneeschmelze mitgenommen. Vereinzelte Seelandschaften unterbrachen meinen Erholungsgang. Ich versank knöcheltief im Wassermatsch, fühlte das Wasser meine Beine hochsteigen und wollte mich doch nur ins Wasser fallen lassen. Aus dem Wasser kommen wir, ins Wasser gehen wir, erklärte ich mir den langen Weg an den Pferdeställen vorbei. Zurück über den Zabel-Krüger-Damm, der niemals besser beschrieben wurde als vom alten Fauser. Es war mir eine Ehre, mein Leben für einen kurzen Moment mit diesem größten Beobachter der deutschen Seele zu vermengen.  Am Bahnhof Waidmannslust sollte ich mich zwischen einem Haarschnitt oder einer Massage entscheiden. Beides wollten sie mir für 7€ andrehen. Aber Kiwanuka hatte meine Seele massiert und meine Haare waren mir wichtig.

Ich ließ die Bahnen passieren, saß auf der Bank, betrachtete meine Spiegelungen in den bald immer voller werdenden Bahnen. Soul, Soul, Soul! wiederholte ich, Soul! Soul! Soul! Born again. Schwan, Schwan, häßlicher Vogel. Hurra, wir sind frei jetzt!  Die Worte trösteten mich. Wieso nicht einfach die Türen versperren, niemand mehr reinlassen, die Welt ausblenden, auf die Unannehmlichkeiten der Menschen verzichten? Natürlich hatte ich darauf längst eine Antwort gefunden. Die Unannehmlichkeiten der Menschen trieben mich an. Sie waren mein Feuer. Sie vernichteten den auf meiner Seele lastenden Schmerz und machten mich wütend. Und meine Wut war meine Kraft.

Wieso musst Du Dich immer so aufregen, fragten mich die wenigen Menschen, mit denen ich es länger als ein paar Minuten aushalten konnte, die ich sogar wiederholt und dann zum sogenannten Gedankenaustausch traf. Weil ich mich gestört fühle, weil Unhöflichkeiten und Unachtsamkeiten die größte Sünde sind. Weil der Ansporn, sich zu erheben, menschengemacht und verachtenswert ist. Weil dieser Ansporn in jedem von uns steckt und wir ihn nicht verhindern können. Weil es trotzdem noch Hoffnung gibt.

Weil ich sie scheitern sehen will. Die Himmelsstürmer, die Selbstherrlichen, die Egoisten, die Turbokapitalisten, die Nur-An-Sich-Selbst-Denker, die Den-Menschen-Zugrunde-Richter. Sie warten an jeder Ecken. Sie tarnen sich hinter ihren Projektfassaden, ihren Aberichdachtenur-Ausflüchten, ihren Estutmirunendlichleid-Aberamansgottadowhatamansgottado-Argumenten und ihren Eigentlichbinichnichtsoaber-Ausreden. Man kann sie nicht kommen sehen, weil sie bereits da sind. Nachdem ich so ausgeholt hatte, würde ich auf einen x-beliebige Person zeigen und von ihrer Schuld erzählen. Am Ende bist Du immer allein, egal wie viel Liebe Du über die Menschen schüttest. Die letzte Lüge der Beatles war ihre größte Lüge überhaupt.

Ich stand auf, nahm die Bahn in Richtung Wollankstraße, lief dieser hinunter, bog in die Soldiner und schaute den Kids im Affenkäfig zu. Sie würden ihren Weg gehen und auch sie würden sich irgendwann tarnen. Doch hier und jetzt waren es Kids, die gegen den Ball traten. Einer wollte Götze sein und ein anderer wollte Ronaldo sein und der Kleine trug ein Messi-Trikot. Ich konnte ihren schmerzlichen Weg ins Leben nicht aufhalten, aber ich konnte mir meine Insel der Glückseeligkeit bewahren.

letzte gedanken vor bad im westfalenstadion