Morgens habe ich eigentlich immer selten Anlass zur Sorge. Heute jedoch schon. Ich wache auf und verliere bereits beim Anblick der verwüsteten Bude jede Hoffnung. Redermann liegt halb angezogen auf der Erde. Die Kopfschmerzen setzen ein. So langsam dämmert es mir. Der Zidan-Coup hatte doch ein paar Folgen. Als ich mich schon längst mit einer Übernachtung auf den Feldern der Mainzer Stadioneubaulandschaften eingestellt hatte, kam Redermann auf einmal mit einer Mitfahrgelegenheit um die Ecke.

Mit echten Fans ging es dann zurück in den Pott. Unwirklich. Wie lange ich schon nicht mehr mit echten Fans im Auto gesessen hatte, und wie schwer es mir fiel, meine und auch Redermanns Identität zu verbergen. Wir erzählten etwas von einem Betriebsausflug, deuteten einen Job in der Solarbranche an und stimmten immer wieder kopfschüttelnd in ihre Kasche-Gesänge ein. An einer Tanke versorgte Redermann uns dann mit neuem Stoff. Anders, hatte er zu mir gesagt, halt ich das hier nicht mehr durch. Wir füllten den Vodka in Wasserflaschen und fragten kurz, ob Wasser in dem Wagen denn genehm sei? Aber kein Problem hatte die Kutte gehaucht und mit einem Augenzwinkern auch angedeutet, dass wir uns ruhig auch ein Bier gönnen könnten. „Auf den Erfolg!“ Angedeutet, getan. Ich stürmte noch einmal in die Tanke. Kaufte einen Träger. Irgendwann ging auch diese Fahrt vorbei. Wir waren 100x am Borsigplatz geboren und gingen schon lange nicht mehr allein. „Nette Sache mit Euch. Die Solarbranche hat Zukunft. Ich melde mich dann wegen dem Dach“, verabschiedete uns die Kutte. Redermann hatte es zu gut gemeint und gleich von Zuschüssen und der Technologie der Zukunft geschwärmt. Ich hatte mich geschämt und mir die Wasserflasche schmecken lassen.

Wir stürzten aus dem Wagen. Ankomme Dortmund, Hauptbahnhof – 3.15 Uhr. Hat überhaupt noch was auf, frage ich Redermann und kenne die Antwort bereits. Es ist Mittwoch und bis aufs Spirit will uns nichts einfallen, der Nachtfalter-Abstecher ist ebenso sinnlos. Wir landeten in der Erdgeschosswohnung. Zum Glück hatte mir die Wentraud für solche Abende einen Schlüssel zur Trinkhalle gegeben. Noch einen Vodka, noch einen Träger. Volles Rohr jetzt Soul II Soul. Back To Life Back To Reality! Der Bass killte den letzten Verstand. Wir schmissen uns wirre Worte zu. Solarbranche. Zidan, der Stellvertreter. Die Suppendrachen! Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs.Augenkrebs. Neuer Computer. Fehleinkauf. Scharlatane. Steinrosen.

Und all diese Stichworte bekomme ich jetzt auch nur zusammen, weil sie ausgebreitet vor mir liegen und über und unter Redermann, dem ich die Spartacus LP von The Farm unterm Rücken wegziehe. Das muss so ziemlich das Ende gewesen sein, denke ich und blicke aber auch voller Stolz auf den vergangenen Tag zurück. Wir haben den Lauf der Dinge maßgeblich verändert und dabei nach dem alten Konstrukteurs-Leitmotiv gehandelt. Das sind dann auch die ersten Worte von Redermann, als er sich im Spiegel sieht. „Unsere Vergangenheit ist Eure Zukunft!“ „Ist unsere Gegenwart“, ergänze ich brüllend und lasse erstmal Luft in die Bude. Kleppo prostet mir zu und richtet seinen Finger Richtung Wentraud. Was da schon wieder los sein mag? Es gibt immer was zu tun!

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