Kuba hatte sich an die Klippe gestellt und niemand konnte ihn aufhalten. Kurz noch wollte ich Lothar informieren, doch der war jetzt erst einmal mit Götze beschäftigt und tischte dem Boulevard gerade die Lebensgeschichte des mächtigen Baulöwens auf. „Klares Ding, mach ich das so, redet niemand über Kuba. Geld und Glamour sind sexy. Melancholiker nicht!“ „Absolut“, pflichtete ich ihm bei und ließ ihn machen. Lothar schien sympathisch, er hatte einen Plan, und auch wenn ich den noch nicht genau durchblickte, so würde er es schon richten. Zumindest war Reiser jetzt abgelenkt.

Aber persönlich fühlte ich mich von Kuba beleidigt. Immer hatte ich zum Star der polnischen Nationalmannschaft gehalten, mich für ihn hier und da ins Zeug gelegt und ihn vor allen Anfeindungen verteidigt. Seine Traurigkeit hatte mir geschmeichelt. Doch jetzt stand er mit dem Rücken zur Wand. In seiner Heimat verlangten sie Erklärungen und er konnte sich nur verteidigen, indem er die Schuld auf die Verantwortlichen des Ballspielvereins schob. Eine schwache Nummer, Kuba, dachte ich. Und nicht sonderlich kreativ.

Zur Beruhigung setzte ich mich erst einmal wieder an meine „Rose Garden“-Übersetzung. Auch die war  bislang nicht sonderlich kreativ und im Grunde zweifelte ich daran, ob „das Leben wird Dich schon früh genug ficken“ wirklich ein guter Ansatz war. Aber, ich dachte wieder an Kuba, auch ihm wollte ich das zurufen. Sei doch glücklich, und lach für eine Weile. Das Leben wird Dich schon früh genug ficken. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es momentan bessere Orte gab, um seinem durchaus gut bezahlten Hobby nachzugehen. Doch das war nicht mein Problem, das war ganz allein das Problem des von mir so lange protegierten Melancholikers. „Wer sich wehrt, der will nicht“ notierte ich in mein Büchlein und nahm einen großen Schluck Kaffee. Die Tassen um mich herum stapelten sich wieder, der Küchentisch war mit Asche und Bier überzogen. Endlich wieder hatte ich mich mit voller Leidenschaft in den Job gestürzt. Ich rief Redermann an und verabredete mich für den Abend in der Kneipe. Bis dahin ging ich meine CCR-Sammlung durch. Spätestens bei Lodi machte ich meinen Frieden mit dem verregneten Tag.

„Lass gut sein und ihn fallen“, erklärte mir Redermann beim zweiten oder dritten Bier. Ich hatte ihm mein Leid geklagt, doch mit der Zeit langweilte ihn mein Standpunkt. Die Freude in seinem Gesicht war unverkennbar. Hätte er jetzt „hab ich Dir doch gleich gesagt“ geprollt, ich wäre ihm wohl mit der Faust ins Gesicht gefallen. Redermann aber erkannte auch, wie sehr mir die Geschichte zusetzte. Noch einmal zählte er die zahlreichen verpassten Gelegenheiten auf (und erwähnte Freiburg mit voller Absicht nicht). Langsam wurde mir klar, wie verblendet ich war. Auch mein „der zieht halt gerne in die Mitte und weicht auf die linke Seite aus“-Argument zog nicht mehr. Mit seinen Aussagen hatte Kuba sich von dieser Spielweise distanziert. Nach dem fünften Bier war klar, wir würden ihn endgültig von der Klippe stürzen. Auf Wiedersehen, ehemaliger Lieblingssspieler.

kuba ist nicht mehr zu halten