Sie waren immer noch da. Sie machten keine Anstalten, mich in der Nacht nur für einen Moment in Ruhe zu lassen. Doch wenn ich die Augen auf machte, waren sie nicht mehr da. Manchmal fühlte ich mich sogar jünger, wußte nicht, wonach ich suchte, wußte nicht, was diese Baustelle vor meiner Tür zu bedeuten hatte.

Sie waren da. Der große, schwere, bärtige Mann und der kleinere, hagere Kerl. Sie starrten mich an. Wenn ich aufwachte, waren sie nicht da. Wenn ich schlief, starrten sie mich an, bewegten sich auf mich zu und fragten mich, wer mein Leben führt? Und ob es mir überhaupt nichts wert sei? So wie ich handelte, konnten sie damit durchaus richtig liegen. Aber wer diese Kerle waren, blieb mir auch diesmal ein Rätsel.

Als ich damals mit Komaroff, wie sich also später herausstellte, genau der Typ, der mir den Finger zugesteckt hatte, im Oldie Eck saß, fand ich am nächsten Morgen eine CD in meiner Tasche. Bis heute war es mir zu peinlich, es mir einzugestehen. Aber diese CD hatte mich seit diesem Abend begleitet. Tag ein, Tag aus. Ein schwarzes Cover, nur eine dreckige Orchidee. Aus der Asche, aus dem Staub.

Der Sänger erzählte lakonisch, er war ein Überlebender. Der Sänger war mir bekannt. Er hatte mich mit seinem Aufstieg und Fall damals für kurze Zeit in eine andere Welt katapultiert. Damals. Als ich noch nicht diese Träume hatte, dachte ich jetzt, während sie sich wieder und wieder aus der Asche und aus dem Staub erhoben. So stark und so groß, wie sollten wir vergehen? Ein Absage an die Menschheit. Die gegen Ende der Platte vom Tod eingeholt nur noch die Störsignale der Fernsehübertragungen wahrnimmt.

Wir hatten keine Chance. Ein lebenslanger Ritt auf der Rasierklingen. Wir nahmen Abschied, brachen in eine neue Welt auf, ließen die Dinge, die uns berührten zurück, ließen uns von der Ungewißheit von Ort zu Ort treiben, glaubten an die Zukunft und wenn wir zurückblickten, hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Aus den Kindern waren Erwachsene, aus Eltern waren Zurückgebliebene geworden. Langsam, ganz langsam ging es den Fluß hinab. Manchmal war das gut, manchmal war das vielleicht ok, aber meist war das eben einfach nur so. Was auch immer wir auf unserem Weg zurückließen, und auch wenn wir umkehrten, es war vergebens.

Die Gewissheit: Der Fluß endet immer im Meer der Störsignale. Der Fluß endet im Meer und, wenn wir Glück hatten, würde jemand am Ufer stehen und uns im letzten Moment verabschieden. In der Zwischenzeit mussten wir tun, was zu tun war, um nicht schon vorher, von der Wüste oder von dem Eis verschluckt werden. Es gab Verheißungen und manchmal hatten wir eine Zukunft, doch, wenn wir an die Zukunft glaubten, hatten wir sie bereits seit langer Zeit hinter uns.

Was hatte Komaroff mit dieser Platte bezwecken wollen? Sie traf meinen Geschmack und doch, so häufiger ich sie hörte, so tiefer zog sich mich hinab. Sie war ohne Hoffnung. Sie war schwarz, und wenn wir uns aus der Asche und aus dem Staub erhoben, war dies ein Kraftakt, der uns danach lähmte. Und dann waren da diese Kerle, dann waren da diese Schreckensnachrichten aus Dortmund und dann waren da diese Ungewissheiten.

Nichtigkeiten! sagte ich mir und legte mich wieder zurück ins Bett. Ich würde nie mehr schlafen, ich würde nie mehr auf die Straße gehen. Ich war gelähmt. Aus den Unmöglichkeiten der Ermittlungen waren längst Lähmungserscheinungen geworden. Ich hatte keine Ahnung, wann ich den letzten Fall gelöst hatte. Ich hatte keine Ahnung, ob ich überhaupt jemals einen Fall gelöst hatte.

Ich hatte keine Ahnung, wo Dörte war. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich in den nächsten Wochen überhaupt über Wasser halten würde. Vielleicht würde ich einbrechen und dann würde niemand am Ufer stehen, wenn ich ganz langsam in das Meer der Störsignale rüberglitt. Ich würde nicht mehr da sein. Ich würde verschwinden. Für immer. Und da wäre niemand, den es nur im Geringsten stören würde. Das war auch gut so. Aber es war verdammt deprimierend. Meine Rolle würde sich nicht umkehren.

komaroff und die gruppe sport – aus der asche, aus dem staub

2 Gedanken zu „komaroff und die gruppe sport – aus der asche, aus dem staub

  • Januar 27, 2012 um 7:58 am
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    die verdammten träume eben. die werden mich nicht unterkriegen.

  • Januar 26, 2012 um 6:39 pm
    Permalink

    Bitte verschwinde nicht!
    Und rasiere den Mann mit dem Bart.

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