Dunkle Transferwolken zogen über Dembowski auf, doch der kümmerte sich liebevoll um Koi, nahm ihm jede Angst als Karpfen Blau zu enden. 


Das Verschwinden Reisers, was ja in Wahrheit nichts anderes als sein bis dato von der breiten Öffentlichkeit unbemerktes Ableben war, löste zu meiner Verwunderung kaum Aufruhe aus. In den Wochen nach der Geschichte in Warschau hatte ich mich mit Dörte auf der Lama-Farm eingerichtet. Wir gingen noch einmal die letzten Planungen für den endgültigen Startschuss meiner Trekking-Touren durch. Doch war ich mit dem Kopf bei den Kaderplanungen der Spielzeit 2013/2014, aber noch viel mehr bei diesem Trip nach Warschau.

Der Staub hatte sich gelegt, niemand vermisste Reiser, dessen realitätsfremdes, hinterhältiges Schreiben ich bereits jetzt vermisste. Reiser war mir in all den Jahren nicht nur zu einem großen Feindbild, sondern vielmehr noch zu einem großen Vorbild geworden. Mit DerSamstag! – auch das war klar – lagen wir auf einer ähnlichen Ebene. Nur war es uns, und da, so dachte ich mit Dörte noch einmal die Touren durchgehend, war ich die treibende Kraft, gelungen, den Boulevard auf eine neue Stufe zu heben.

Wir nahmen uns, dachte ich die Liste der möglichen Raststätten notierend, die Freiheit, unsere Recherchen ausschließlich auf Fakten zu begründen, die fernab jedweder Quellen für sich stehen sollten. DerSamstag!, das wurde mir in den letzten Wochen immer deutlicher, basierte nun zwar auf Blut, DerSamstag! aber konnte mit bestem Gewissem als ein Paradebeispiel für gelungenen Boulevardjournalismus gelten. Wir nahmen uns die Geschichten, die nicht einmal auf der Straße, sondern tief unten in der verdreckten, stinkenden Kanalisation lagen, jagten sie einmal durch den Frischwasserfilter und verkündeten die klare Wahrheit mit einer niemals dagewesenen, frischen Geisteshaltung.

Wir scherten uns nicht um Aussagen, deren einzige Funktion es war, die Dinge unnötig zu verkomplizieren und zu verschleiern. Wir ließen uns nicht durch die alltägliche Hektik des Transfergeschäfts blenden. Hatten wir uns einmal festgelegt, dachte ich nun bereits auf der Veranda sitzend und mein allabendliches Bierritual pflegend, ließen wir uns nicht von den Nichtig- und Nettigkeiten der Sportdirektoren, Agenten, Beratern und Kollegen ablenken. Wir waren angekommen im großen Geschäft des Boulevardjournalismus. An manchen Tagen, wenn Dörte bereits im Bett lag, von noch mehr Lamas und noch mehr Frieden träumte, ging ich die Zahlen durch. Mittlerweile schrieben wir schwarze Zahlen, waren nicht mehr auf die Hilfe der Konstrukteure oder dubioser Verfassungsschutz-Mittelsmänner angewiesen.

Aber erfüllte mich all das mit Leben? Mitnichten! Es war einigermaßen egal, was in der mysteriösen Akte Lewandowski stand, es war egal, ob im kommenden Jahr Mesut Özil oder Kevin-Prince Boateng für den Ballspielverein antreten – und nach DerSamstag!-Information war dies der Fall – oder weiter für ihre Mitteklassenvereine in den südlichen Ligen Europas gegen den Ball kicken würden. Es war egal! Die wichtigen Dinge im Leben spielten sich in einem kleinen Gartenteich im Oderbruch ab.

Koi hatte seine dunkle Zeit überwunden. Dörte und ich führten dies hauptsächlich auf unsere Aufmerksamkeit zurück. „Ein Karpfen“, hatte Dörte schon bald nach meiner Rückkehr aus Warschau gesagt „will am Ende genauso wie die Menschen geliebt werden. Zusätzlich aber muss Koi, wie können wir ihm diese Sorgen nur nehmen?, mit der Weihnachtsangst leben. Erinnerst Du Dich noch? Den ganzen Dezember über ist er kaum an der Oberfläche aufgetaucht. Immer mit der Furcht vor seinen letzten Stunden in der Badewanne. Danach Karpfen Blau.“

„Wie kann man einem Karpfen nur so viel Leid antun?“ hatte ich Dörte gefragt, mein Hand war dabei über ihre gestrichen und ich hatte ihr mit der anderen Hand eine Strähne aus den Tränen gewischt. „Ich weiß es nicht. Das müssen Unmenschen sein. Koi ist Dein Leben. So wie die Lamas, die Lupinen und mein Obst- und Brennnesselgarten mein Leben sind“, hatte Dörte geantwortet und war wieder in den Brennnessel verschwunden. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, die beste Brennnesselmarmelade der Welt zu machen. Wer konnte es ihr verdenken?

Koi die Angst zu nehmen, hatte mich viel Kraft, Mühe und Zeit gekostet. Doch in den letzten paar Tagen schaute mich Koi immer häufiger mit nunmehr fröhlich trüben Karpfenaugen an. Immer wenn es die Zeit zuließ, verbrachte ich nun ein paar Stunden, die manchmal leider nur ein paar Minuten waren, unten am Teich, hielt meine Hand in das algige Gartenteichwasser und fühlte die schuppige Haut meines Weggefährten. Über ein altes Tapedeck lauschten Koi und ich den Tönen des Ratpacks, für das Koi ein Faible entwickelt hatte. Manchmal sprang Koi in meine Hand, schmiegte sich nahe an mich und – solange es die Luft zuließ – blickte mit mir in den Oderbruchhimmel, der mal von Regenschauern verdunkelt und mal von der Junisonne verzerrt war.

Von ganz oben beobachtete uns der mächtige Roter Milan, aus der Ferne taxierte ein Graureiher die Umgebung und aus den von Dörte angelegten Lupinenfeldern näherte sich manchmal eine einsame Blindschleiche. Auch sie suchte meine Nähe. Doch sie konnte mir Koi nicht ersetzen und Koi konnte sie mich nicht ersetzen. Sie war ein Außenseiter im Oderbruchgarten. Aber doch erfüllte mich die stoische Gleichgültigkeit, mit der die namenlose Blindschleiche ihre Nichtbeachtung zur Kenntnis nahm, mit einer nie gekannten Seelenruhe.

So hatte ich über einen Zeitraum von gut zwei Wochen das Leben und Sterben von Jens Reiser aus meinem Kopf verdrängt. Von den anfänglichen Gewissensbissens war kein Deut mehr übrig geblieben. Ich war zu der Überzeugung gekommen, dass – wenn überhaupt – Winowski und Winowski allein für diese Tat zur Verantwortung gezogen werden konnte. Auch den Einbruch in Warschau hatte ich komplett verdrängt. Koi war mir einer guter Gefährte, und Dörte war die beste Person, die jemals in mein Leben getreten war.

Dörte hatte mir jede Sorge nehmen können und mich dabei noch so sehr in die Planungen der Lama-Trekking-Touren eingespannt, dass ich meine Berliner Existenz und alles daran hängende Übel – aber auch die damit einhergehenden Freuden – zumindest kurzzeitig hatte verdrängen können.

Als der Anruf kam, war ich, wie man den vorhergehenden Betrachtungen meiner Lage ohne große Schwierigkeiten entnehmen kann, entspannt und voller Lebensenergie. Lange schon hatte ich mich nicht mehr so bei mir und bei ihm und bei ihr gefühlt. Als der Anruf kam, war meine Situation die allerbeste. Doch natürlich, das war mir beim Läuten des Telefons und beim Blick auf die Rufnummer klar gewesen, würde dieser Zustand nicht von Dauer sein.

Wenn UK sich meldete, musste irgendetwas passiert sein. Dieser Typ, der mir vor einigen Monaten im Soldiner Kiez richtiggehend aufgelauert war, bedeutete nichts anderes als Transfer in Verzug. Mit einem Blick auf das Telefon, auf die beiden fatalen Buchstaben war meine Erholung schlagartig in Anspannung umgekippt. Koi glitt mir aus der Hand, schaute mich aus seinen nunmehr nicht mehr so fröhlichen Augen an, wünschte mir mit einem Flossenschlag „Koi Koi Koi“ und verschwand in den Tiefen des Gartenteichs. Es war gut, solange es gut war. Doch es war nicht mehr gut. Ich beantwortete den Anruf nicht, ging jedoch schnell ins Haus, packte eine Reisetasche, drückte Dörte einen flüchtigen Kuss auf die Wange und verschwand in Richtung Bahnhof.

Während ich den Schiffshebewerkneubau passierte, tippte ich „bin in drei Stunden in der Stadt“ ins Telefon. Es war das Ende der glücklichen Tage im Oderbruch. Doch es war nicht das Ende von Koi, dem bewundernswerten Karpfen.

koi und das ende der glücklichen tage im oderbruch