Sie hatten uns einen Weltuntergang versprochen. Wir bekamen den Pokalsieg der Blauen. Nicht annähernd schlimm, denke ich mir beim Studium der Sonntagszeitung. Ich habe gestern wenig von dem Pokalspiel mitbekommen.

Letzte Einkäufe, noch einmal im Fauser blättern, The Last Night On Earth hören. Auf das Ende aller Zeiten freuen. Es hätte zu keinem perfekteren Zeitpunkt kommen können. Alle waren versöhnt, es konnte nicht besser werden. Auch wenn der Trainer gerne um die nächste Ecke biegt, um noch bessere Zeiten und noch mehr Versöhnung zu finden. Daran glaube ich nicht. Von hier an geht es bergab. Was aber grundsätzlich auch nicht schlimm ist: Bergab ist mein Geschäft. Zwietracht mein Antrieb. Und doch waren die letzten Wochen außerordentlich, auch in Bezug auf mein Geschäft. Es waren die kleinen Fälle, die mich über Wasser hielten, denke ich, es waren aber auch Glücksfälle. Father, I want to kill you. Der hat die letzte Nacht auf Erden schon längst hinter sich. Generation über Generation arbeitet sich an ihm ab. And so I walked on down the hall. Liegt jetzt auf einem Friedhof in Paris. Lag vorher in einer Badewanne. Am Mythos arbeiten. Jeder wie er kann.

Einmal bin ich noch raus, mit der Sicherheit, dass jeder Weltuntergang nur zur Hollywoodzeit und somit tief in der Nacht über uns kommt. Mit der Wentraud auf einen letzten Schnack. Sie zeigt sich immer noch begeistert von der letzten Nacht. „Der Reiser ist doch ein feiner Kerl, was Du auch immer hast“, erzählt sie mir. Aber ich bin nicht ganz bei der Sache. Auf dem Stromkasten ein paar Meter weiter steht Kleppinger. Kleppinger steht da seit einiger Zeit. Er ist Ende 40, doch hat das Leben bereits hinter sich. Er scheint sich von Toastbrot, Tütensuppen, Burgern und Bier zu ernähren. Wenn es ihm wirklich gut geht, schüttet er in seinen unförmigen Körper, dessen Augen durch ein paar Glasbausteine geschützt sind, auch mal einen Schnaps in sich hinein. Kleppinger ist Blauer. Ihn hat es vor Jahren hier in die Nordstadt verschlagen. Wo er wohnt, ist nicht ganz klar, da er seitdem er hier vor der Trinkhalle aufgetaucht ist, wie verwurzelt an seinem Platz steht. Auf einmal war er da und auf einmal war er jeden Abend ab 17 Uhr da. Er bleibt bis zum Ende.

„Einen Spaß auf Kleppinger!“ sage ich zur Wentraud und drehe mich weg, sie reicht mir noch schnell das Pils durchs Fenster. „Gleich geht es los, Kleppo. Schauste Dir es an?“ „Ach hör auf, gegen Köln haben sie verloren, da habe ich mal wieder geschaut. Aberglaube ist alles, ist alles was ich noch habe.“ Seine Flipflops kratzen verlegen auf dem Beton. Seine massiven Beine baumeln am Stromkasten runter. „Ich bleibe hier stehen und warte. Irgendwas wird passieren. Wenn sie gewinnen, gibt es hier einen Autocorso, ich höre das dann. Und wenn nicht, dann bleibt alles still. Dann trinke ich weiter. Und weiter. Ach, das waren noch Zeiten.“ Ich möchte nicht wissen, von welchen Zeiten er redet und auf welchen Autocorso er hier wartet. Kleppo hat es hart erwischt. Wo war er in den letzten Wochen, wo waren seine Gedanken, seine Augen, seine Beine, seine Bauch? Ich wende mich ab. „Kleppo, ich muss gehen. Die Zeit rast so, gerade wenn man sie nicht mehr hat“, nicke ich ihm zu, seine trüben Augen antworten nicht.

In der Erdgeschosswohnung gehe ich noch einmal meine Unterlagen durch. Sollte die Welt nicht untergehen, stehe ich gut da. Sollte die Welt untergehen, stehe ich nicht schlechter da. Eine Win-Win-Situation aus dem Lehrbuch. Niemals mehr an den falschen Orten auf falsche Freunde warten, das hätte was. Ich mache eine letzte Eintragung im Nichts: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht!“ Der Autocorso kommt nicht. Ich bin der Geist, der stets Gutes will. Ich bin der, dem Niemand das Wasser reichen will. Ich bin das Blut, das in Euren Adern gefriert. Ich bin der Ermittler. Ich schlafe ein. Ich stehe auf, die Welt ist noch da.

kleppinger wartet auf den autocorso, der weltuntergang bleibt aus