Dembowski erinnerte sich an Kleppinger. Das Aus der Blauen würde Kleppinger bewegen. Das freute Dembowski nicht. Kleppinger war ein feiner Kerl. Jetzt musste er ein weiteres Jahr auf einen Autokorso warten. 


Es war eine dünne Linie zwischen Freude und Schadenfreude. Als gegen 22.45 Uhr die Böller im Soldiner Kiez hochgingen und vereinzelte Autos sich zu einem recht kurzen Autokorso über die Wollank- und Pankstraße formierten, rechts in die Soldiner einbogen und via Kolonie und Osloer zurück in meine Richtung kamen, war mir ich mir nicht sicher, war ich mir überhaupt nicht sicher.

Ich hatte das Spiel am Radio verfolgt. Erst hatte ich das Spiel überhaupt nicht sehen wollen, dann aber, nachdem Altintop den Ball ins Netz gehämmert hatte, freute ich mich auf ein paar spannende Minuten vor dem Radio. Es muss nicht immer Sky sein, hatte ich gedacht und mich ans Fenster gestellt. Vom Küchentisch her kamen die aufgeregten Informationen des ziemlich okayen Reporterduos Armin Lehmann und Kumpel. In Gelsenkirchen schien es hin- und herzugehen. Ich malte mir aus, wie Christian Fuchs eine Flanke nach der anderen in den Strafraum zirkelte und wie er nie wirklich einen Abnehmer fand, Draxler das Spiel vorantrieb und Muslera überall war. Wieso, dachte ich in die Berliner Nacht blickend, höre ich nicht häufiger Radio.

Hin und wieder berichteten sie auch aus Barcelona, die Milan zerlegten und es reichte ja auch zu wissen, dass Europa sich in den nächsten Wochen weiter an Messi erfreuen konnte. Das musste ich nicht sehen, und hoffte inständig, zumindest in der nächsten Runde auch noch einmal von ihm verschont zu bleiben. Und Fuchs flankte und flankte den Ball in die großen, übermenschlichen Arme Musleras und Bastos, Draxler, Pukki und Obasi scheiterten und Altintop trug den Ball nach vorne, spielte den Ball tief in die Spitze und aus der Ferne schallte lauter Jubel. Der Rest schwieg. Unten explodierten ein paar Böller, ein Autokorso formierte sich und ich fragte mich, warum ich überhaupt keine Schadenfreude empfand.

Mir war es beinahe egal, was mit den Blauen passierte und ich dachte an Kleppinger, der ein weiteres Jahr auf seinen eigenen Autokorso warten musste. Manchmal vermisste ich den schweren Mann, manchmal vermisste ich die Rivalität, manchmal vermisste ich den Schmerz in Kleppingers Gesicht. Der Schmerz, der konstante Schmerz, der immer da war. Es war nicht leicht, Kleppinger zu sein und es war nicht leicht, ständig mit den eigenen Misserfolgen konfrontiert zu werden. Er war ein feiner Kerl, der die falschen Farben trug. Aber war das seine Schuld? Irgendwann hatte er sich, aus welchem Grund auch immer, die falschen Farben angeeignet und das war eben so. Daran konnte er nichts ändern, daran konnte ich nichts ändern.

Ich hatte genug von den Sarrazin-Vergleichen, die anhand der falschen Farben soziale Abgründe offenlegen wollten. Mitnichten, dachte ich, bin ich altersmilde geworden. Doch der Schmerz, der den Blauen Jahr ein Jahr aus widerfuhr, war brutal. Was nützte es nun noch Häme und Spott und Schadenfreude über Jungs wie Kleppinger auszugießen? Mir nichts. Es würde an unseren beiden verdienten Derbyniederlagen nichts ändern. Das Aus der Blauen nahm uns zusätzlich die Chance, in der Champions League die Verhältnisse in der laufenden Saison zurechtzurücken und überhaupt hatten wir genug eigene Probleme. Schadenfreude, dachte ich am Fenster stehend und die jubilierenden Gala-Fans beobachtend, würde uns kein Stück weiterbringen.

Trotzdem legte ich mich einigermaßen zufrieden hin, es war nicht so, dass mich das Aus der Blauen emotional berührte: Es interessierte mich zwar, aber es war mir am Ende der Radioübertragung einfach egal und ich freute mich darüber, dass ich anstatt in der Kneipe meinen Bierphantasien nachhängend über das Aus der Blauen frohlockte, zum Abschluss des Abends das Interview mit dem verzweifelten Oliver Thon hören konnte. In wenigen Sätzen gelang ihm mal wieder eine komplette Selbstdemontage. Jens Keller, sagte er, habe bewiesen, dass er es kann und müsse nun, fuhr er fort, in den letzten Spielen beweisen, dass er es kann. Für Oliver Thon freute mich das Aus. Für Kleppinger nicht.

keine schadenfreude mehr – das aus der blauen im radio