Die Aufregung? Umsonst? Ich wollte es nicht glauben. Hatte mich da jemand aufs Glatteis geführt? Waren die Unterlagen gefälscht? Ich konnte es mir nicht vorstellen, doch nachdem sich nicht einmal Michael Zorc zu einem Dementi bemüßigt fühlte, und auch Reiser mich am Telefon maximal verhöhnte, musste ich mein Scheitern eingestehen. War also kurz vor dem Jahreswechsel das Projekt DerSamstag! endgültig vor die Wand gefahren? Nein! Es durfte nicht sein.

Und es gab durchaus kritische Nachfragen. „Immerhin haben wir uns jetzt einen Namen gemacht, Redermann,“ erklärte ich Ernst am Telefon. Er hatte mich ein paar Stunden nach Bekanntwerden des sogenanntenTransfercoups angerufen. Redermann war nicht glücklich. Das war er aber in letzter Zeit ohnehin selten. Die Erdgeschosswohnung versprühte ihren alten Charme. Blickte ich zurück, war ich froh, sie hinter mir gelassen zu haben. Redermann verschwieg ich diese Überlegungen und versuchte ihn zu beschwichtigen. „Die Unterlagen waren wasserdicht. Der Typ, keine Ahnung, wie der heißt, den Namen hat er nie genannt und die Mail war auch anonym. Der Typ klang echt seriös. Und Redermann. Soll ich jetzt alle Fakten auch noch gegenchecken?“ „Spinner. Das ist ne Zeitung. Wir haben einen Ruf…“ „…zu verlieren? Hör auf. Wir haben keinen Ruf. Und wenn wir die News Of The World unter den deutschen Fußballzeitungen werden, dann sind wir immer noch was!“ „Dembowski? Hallo? Ist da noch jemand? Wolltest Du nicht die beste Zeitung aller Zeiten machen?“ „Und wenn schon? Dann ist sie es eben nicht. Jede Zeitung gerät irgendwann mal ins Schlingern. Dieser Druck. Online, Print. Überall der Beste, überall der Erste sein. Unmenschlich. Und dann Piotr! Hast Du überhaupt eine Idee, was der verlangt?“ „Ne gute Zeitung. An mehr ist der nicht interessiert“

Redermann konnte mich zur Weissglut treiben. Er hatte für alles eine Erklärung, er hatte für jedes Argument ein Gegenargument. Er konnte nicht verlieren. Er konnte aber auch, wohlgemerkt: seitdem er in die Erdgeschosswohnung gezogen war, kaum ein vernünftiges Wort zur Papier bringen. Was aber auch nicht weiter schlimm war. Dafür war er die Redaktion Dortmund. Dafür war er nah dran. Und so mehr ich über Redermann nachdachte, so sehr wurde mir klar, was ich ihm alles zu verdanken hatte. Er war es, der mich aus dem Unterwasseraquarium aus den Masuren geholt hatte und er war es, der mir irgendwann die Augen geöffnet hatte. In der Stadt war kein Platz für Redermann und Dembowski. Mich hatte es dann in den Wedding verschlagen. Wahrlich keine falsche Entscheidung.

Und während ich sprach, blickte ich auf das Jahr 2011 zurück. Die Bilder des Jahres zogen an mir vorbei. In der Osterhölle als Teil der Meisterschalmafia, verschwitzt und ohne Hoffnung. Das Aufwachen. Der erste Traum. Dörte auf der Meisterfeier. Der Besuch bei Piotr. Der Besuch, der sich ins Unendliche ausdehnte. Der Bombenanschlag auf das Westfalenstadion. Der lange Weg zum Duisburger Hafen. Hoppenheim. Die Meisterredaktion. Die am Ende gescheiterten Rubbeldikatz-Rettungsversuche. Der Spaziergang mit Redermann, der uns zum großen Boss führte. Die Amok-Entführung, die nur ein Ausflug war. Die Weidenfeller-PK zum ungünstigsten Zeitpunkt. Der Finger. Komaroff. Die Wentraud. Der Überfall, und der Abschied von ihr und von der geliebten Nordstadt. All die, die 2011 gegangen sind. Maria und Wolfgang. Es hatte mich nachdenklich gemacht.  Mein Übersiedeln zu den Berliner Konstrukteuren. Überhaupt: Die Konstrukteure und ihre irrwitzige Finnenhymne. Enon Disco. Enon. Enon. Vergangenheit war Zukunft und Gegenwart. Ich hatte mich durch das Jahr gekämpft und jetzt hatte ich jeden Grund, die Sinatra-Platte aus dem Regal zu ziehen. Es war in der Tat ein sehr gutes Jahr. Ein Jahr, das ich mir so nicht erträumte hatte. Ich setzte die Nadel auf. „When I was 35, it was a very good year!“

„Dembowski! Du hörst jetzt nicht wirklich Sinatra“, schrie Redermann durchs Telefon. „Danke für alles, Ernst!“, antwortete ich und beendete das Gespräch. Wir hatten nicht klären können, ob Reus nun wirklich im Tausch für Barrios wechseln würde und ob wir DerSamstag! mit dem bislang unbestätigten Gerücht – wie sehr hatte ich an die Bestätigung gedacht! – gegen die Wand gefahren hatte und was, wenn es so war, das überhaupt für Konsequenzen hatte. Wir waren aber am Ende des Jahres angekommen. Und während sich also die letzten Stunden des Jahres, in dem Samoa noch an uns vorbeispringen würde, um sich neuen Wirtschaftsfelder zu öffnen, in die kollektive Erinnerung verabschiedeten, öffnete ich die Tür und trat nach kurzem Zögern im Treppenhaus auf die Straße. Im Soldiner Kiez war der Krieg ausgebrochen. Durch den Böller- und Raketenhagel kämpfte ich mich in Richtung Bornholmer. In die S-Bahn. Waidmannslust raus. Hart am Märkischen Viertel vorbei. So wie einst Harder. Endstation Lübars! Nur die Schlangenfarm stand hier nicht mehr.

kein reus/barrios-tausch – in lübars stand nie eine schlangenfarm