Es fing alles so ruhig an. Erst telefonierte ich ein wenig mit Redermann, der von der Demo berichtete. Dann fuhr ich zum Spiel, sah Reus mit dem Freistoß, sah dann ein paar Bälle, die hätten ins Tor gehen können und irgendwann, nach weiter über einer halben Stunde, trauten sich die Wolfsburger mal über die Mittellinie und was dann passierte, gehört bereits 24 Stunden nach dem Spiel zur Bundesligageschichte wie dereinst der Elfmeter von Kutzop oder der Freistoß von Rosicky, den Kahn, ohne sich zu bewegen, in seine Hände schaute. Ich regte mich auf, wie man sich eben aufregt, wenn Wolfang Stark seine Show abzieht. Ich schmiss ein paar Stühle gegen die Wand, schrie, brüllte, verzweifelte und war einfach nur hilflos. Die Stark-Show ging dann weiter mit so viel kontroversen Entscheidungen, die mit kontrovers eben nur unzureichend beschrieben waren. Da war der Freistoß, der keiner war, der zu einem Tor führte, das keins war. Da war der Elfmeter, der lachhaft war. Da waren Diegos hinter den Rücken gelegte Arme bei seinen vielen aufgeregten Diskussionen mit seinem Kumpel Wolfgang, da waren die Gelbe Karten für Gündogan und Götze, die sich niemandem nur annähernd erschlossen. Da waren die zahlreichen Schubser im Strafraum, über die ich mich schon gar nicht mehr aufregen konnte. Ich schrie, ich brüllte, ich war verzweifelt. Wie das eben so ist, wenn Wolfgang Stark seine Show abzieht.

Nach dem Spiel stand ich vor der Kneipe, regte mich auf, schrie, brüllte, war verzweifelt. Während ich schrie, brüllte, verzweifelte, Wolfgang Stark zum Teufel wünschte, kam jemand zu mir und sagte: „Dembowski, jetzt komm mal runter. In Holland haben sie letzte Woche einen Schiedsrichter zu Tode geprügelt. Denk einfach mal drüber nach, was Du hier forderst.“ Ich starrte ihn an. Ich schüttelte den Kopf. Ich schrie. Der Typ ließ sich nicht abhalten, fuhr fort „Und außerdem hat der sich doch entschuldigt. Er sagte, dass da ein Wahrnehmungsfehler vorlag. Das kann jedem mal passieren. Stark is doch sonst echt ein guter Kerl. Pfeift nicht ohne Grund international. Der gehört zur Elite!“ Für einen kurzen Moment zuckte es in mir. Ich wachte aus meiner Wutstarre auf, ballte meine Fäuste in der Tasche und überlegte, ob ich ihn nicht niederstrecken sollte. Ich würde mich mit einem Wahrnehmungsfehler entschuldigen. Ich konnte es nicht mehr hören. Diese Relativierer, diese Menschen, die das Spiel namens Fußball nicht verstanden haben. Wir gehen dahin, um Spiele zu sehen. Wir gehen ins Stadion oder in die Kneipe, um wenigstens für ein paar Minuten den täglichen Driss zu vergessen. So machte ich das zumindest. Wenn aber ein Schiedsrichter offenkundig überhaupt kein Interesse daran hatte, das Spiel zu leiten, sondern sich, wie es Stark immer schon getan hatte, immerzu in den Vordergrund stellen musste, ging es mir entschieden zu weit. „Halt Deine verdammte Schnauze“, raunzte ich den Typen an, der mir darauf ein „Du bist ein Proll! Du bist ein ganz und gar hoffnungsloser Fall. Das war so schnell, was soll Stark denn da machen?“ entgegensetzte. Wieder ballte ich meine Fäuste. Doch bevor ich ihn niederstrecken konnte, drehte ich mich um und stampfte wieder in die Kneipe.

Dort saßen sie beisammen und diskutierten. „Wir müssen halt 3-0 führen, dann passiert sowas nicht. Selber schuld! Die Idioten!“ „Recht haste. Klopp ist nicht mehr tragbar, die Mannschaft in fragwürdiger Verfassung“. Wo war ich hier hineingeraten? Ich erzählte wieder von Stark, von seiner Geschichte, von seinen wenigen Metern, die ihn von München trennten. „Geh doch in Dein Internet, Dembowski. Starte einen Shitstorm. Immer wenn wir verlieren, soll der Schiedsrichter schuld sein. Der hat sich soeben übrigens entschuldigt. Das muss man auch mal sagen: Der hat Eier! Der gibt seine Fehler zu. Würde Dir auch gut zu Gesicht stehen, Du verdammter Egoist. Die Welt dreht sich nicht um Dich und deine verschissene Zeitung. Denk auch mal an den Schiedsrichter in Holland. Sowas provozierst Du doch. Erst beleidigt man einen Schiedsrichter und im nächsten Moment tötet man ihn. Du hast keinen Anstand, Dembowski! Nie gehabt. Du säufst und schimpfst und denkst Du veränderst mit Deinen Worten die Welt. Du aber hast einfach keinen Anstand. Bist ein ganz und gar widerlicher Typ, ein durch und durch schmieriger Proll, der gerne über Leichen geht und es nicht verträgt, wenn der Gegner besser ist.“ Ich fragte mich, in welchen Film ich hier geraten war, in dem ich mit meinen „Oh hängt sie auf die schwarze Sau“-Gesängen auf der Anklagebank saß und in dem Wolfgang Stark frei von aller Schuld war. Das hier war eine verdammte Dortmund-Kneipe, kam mir aber vor wie eine Twittertimeline.

„Twitter das doch!“, brüllte mich einer an. „Mach Dir doch nen Shitstorm. Denk mal drüber nach, was Du überhaupt von Dir gibst. Die Fakten liegen auf dem Tisch, jetzt muss Du Dir noch eine Meinung bilden, Du verfluchter Populistenproll!“ Ich ging. Ich ertrug es nicht mehr. „Und die Allerblödsten, es gleich weitertwittern, wenn wir zum Vorglühen, durch die Spätis ziehen, ja dann sind wir alle in Berlin“ singend schlich ich erst zum Späti und dann zur Bahn. U8 in Richtung Norden, Selbstgespräche führen, in der Bahn saufen, vergessen. Irgendwie. Was mir widerfahren war. Wie ich zum größten Ärgernis des Tages gemacht wurde. Doch ich konnte nicht vergessen. Osloer Straße raus. Durch die Kolonie, über die Soldiner, über die Panke. Im Schneefall. Ein Bier auf der Hand. Soldiner, Ecke Prinzenallee. Luft holen! Endlich. Und plötzlich, als der Schneefall stärker wurde, die Lichter schwächer, bald ganz ihre Farbe verloren, das Bild in schwarz-weiß wechselte, war mir klar, was mir widerfahren war. Es war ein einziger Wahrnehmungsfehler meinerseits. Es war mein Fehler. Mein Leben war ein Fehler, mein Fehler.

„Komm mir nicht mit Deinen Verschwörungstheorien“, sagte ich laut. „Alles was ich will, ist nichts mit Euch zu tun haben“, schrie ich. Ich stand mitten auf der Kreuzung. Hatte meine Hände vor meinem Schritt verschränkt und erwartete den Einschlag. Doch nichts passierte. Samstag, 21.35 Uhr. Berlin, Prinzenalle, Ecke Soldiner. Die Autos hielten. Die Busse öffneten ihre Türe. Stillstand. Ein Gitarrenspieler, der sich durch die Autos vorkämpfte. Jemand murmelte, erhob seine Stimme. „Wenn Dein Tag beschissen war, und die Nacht. Und Du Dir sicher bist, dass Du genug hast, von allem. Halte Durch. Lass Dich nicht hängen. Jeder ist mal schlecht drauf.“ Ich sank auf den Boden. Kniete im Neuschnee. Mitten auf der Kreuzung. „Manchmal ist alles falsch. Aber halte Durch. Lass Dich nicht hängen. Jeder ist mal schlecht drauf. Halt durch. Jeder kennt den Schmerz, manchmal“. Ich erhob mich, wischte den Schnee von meinen Knien, setzte mich in die Bushaltestelle und für den Bruchteil einer Sekunde war alles in Ordnung.

Als ich die Tür öffnete, klingelte das Telefon. „Dürr hier. Wir müssen reden!“

 

jeder ist mal schlecht drauf, sogar wolfgang stark

3 Gedanken zu „jeder ist mal schlecht drauf, sogar wolfgang stark

  • Dezember 9, 2012 um 5:59 pm
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    Der heilige Reiter antwortete auf folgende Frage:
    "Was sagte Dürr?"

    Antwort:
    "Todesstrafen werden von der Hamas verhängt."

  • Dezember 9, 2012 um 3:32 pm
    Permalink

    Du wirst erstaunt sein, wenn Du erfährst, was Dürr mir da am Telefon so erzählte. Da ist noch lange nicht gut

  • Dezember 9, 2012 um 3:30 pm
    Permalink

    "Diese Relativierer, diese Menschen, die das Spiel namens Fußball nicht verstanden haben. Wir gehen dahin, um Spiele zu sehen. Wir gehen ins Stadion oder in die Kneipe, um wenigstens für ein paar Minuten den täglichen Driss zu vergessen."

    Und du hast das Spiel verstanden, oder wie? Und is ja richtig den Driss für ein paar Minuten zu vergessen, aber mit Abpfiff ist dann auch gut.

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