Bei der Hymne steht er auf, legt die rechte Hand aufs Herz. Steht dort kerzengerade, im Profil sieht man seine Lippen. Doch die Hymne ist lauter, die Hymne ist stärker.

Unsere schöne Heimat, Heldenhaftes liebes Land, Alten Ruhmes Vätererbe, Ewig sollst du glücklich sein!

Im Raucherraum stehen sie hinter den Glasscheiben. Die Herrenhandtaschen sind für einen Moment vergessen. Auch an der Bar geht nichts mehr. Das Bier zu €3.9, aber direkt abkassieren, fließt nicht mehr.

Ganz am Ende der Bar haut eine 30-jährige Worte in die Wischtastatur. Ihr Begleiter blickt auf den Flachbildschirm. Der Heimat so fern. Und hier gehören sie auch nicht hin. 

Das Café King liegt am Ende der Rankestraße. Linke Seite vom Ku’damm kommend. Hier spielt heute Abend Island gegen Kroatien. Der große Traum vom kleinsten Land, das je an einer WM teilgenommen hat. Die große Angst der stolzen Kroaten, die sich hier an den Tischen versammelt haben.

Schon eine Stunde vor Anpfiff ist der Laden voll. Einer stürzt das Warsteiner, das hier in schweren Gläsern ausgeschenkt wird. Einer greift immer wieder zu den Salzstangen. Schaut mit stechendem Blick durch seinen Sitznachbarn.

„Zwei Mann? Nicht reserviert? Hier an der Bar! Aber Du bist schon für Kroatien?“ 

Es hat alles seine Ordnung. Der Endvierziger deutet auf den Platz. Der Endvierziger hat ein bekanntes Gesicht. Man kennt ihn hier. Es wird immer voller. Aus den Boxen knallt „Srce Vatreno“ von Nered & Navijaci.

„Das Trikot erinnert mich: Ich liebe Dich!“

Die Bedienungen stehen gehüllt im Kroatenkaro aufgereiht an einem Ende der Bar und karren Bestellung über Bestellung in den Hinterraum. Auf der Toilette hängen Fotocollagen. Ivan Klasnic, Bremens Nummer 17, in der Mitte. Eine Widmung.

Am Eingang hält Ante Hof. Hin und wieder begrüßt er die Gäste mit einen Nicken. Am Tisch spielt ein aufgeregtes Kind. Manchmal springt es auf. Begrüßt die Gäste. Im Raucherzimmer gehen Herrenhandtaschen auf, dann wieder zu.

Đurđa Bjedov i Kuharić, Filipović, Stjepan Spajić, Nives Celzijus, Rapaić. Ban Jelačić, Grgur Ninski, Globus, Oliver i Zrinski, Hajduk, Colonia, Smoje, Dinamo, a i nas dvoje!!!

Der Communistrock. Die Namen aus ihren Herzen plärren aus den Boxen. Auf den Flachbildschirmen redet Lars Lagerbäck in Mikrofone, werden Planen vom Spielfeld gezogen. Island. Im November hat hier noch nie ein Länderspiel stattgefunden.

2012 schliesst das Café King für die Dauer der Europameisterschaft. Beim Spiel zwischen Italien und Kroatien sind die Türen verschlossen. „Wir sind im Urlaub“, die handschriftliche Erklärung.

„Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft hat die internationale Wettszene einen wichtigen Anlaufpunkt verloren. Das berüchtigte „Café King“ in Berlin ist für die Dauer des Wettskandal-Prozesses vor dem Bochumer Landgericht geschlossen worden. Das hat Besitzer Milan Sapina den Richtern am Dienstag erklärt. „Ich brauche meine Ruhe“, sagte der 47-Jährige. „Ich habe zu viele Termine vor Gericht. Dafür muss ich meinen Kopf frei haben.“


Berichtet die dpa am 5. Juni 2012. Im März 2013 wird Milan Sapina zu einer 10 monatigen Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt. 

„Laut Urteil hat Milan Sapina die „Wettmafia“ durch die nächtliche Bereitstellung von Bargeld unterstützt und auch selbst von Insider-Tipps profitiert und Wetten platziert“, vermelden die Agenturen am 18. März 2013.

„Ihr hattet reserviert? Wartet doch kurz auf Milan“

An der Tür stehen die Leute Schlange. 

Nicht noch einmal 2010!

Damals verpasst Kroatien zum ersten Mal überhaupt die Teilnahme an einer Fußballweltmeisterschaft. Gegen England hagelte es in 2 Spielen 9 Gegentore.

In der Ukraine trennt man sich torlos. 

Am 06.06.2009 treffen Mladen Petric und Luka Modric zwar je einmal, doch in den letzten 15 Minuten landet der Ball 2x am Pfosten. Vor 32.037 Zuschauern im Zagreber Maksimir-Stadion bedeutet das 2:2 Unentschieden gegen die Ukraine das Ende aller WM-Träume. 

Sie beenden die Gruppe als Dritter. Ein Punkt Rückstand auf die Ukraine. Die scheitern in den Playoffs an Rehhagels Griechenland.

Nicht noch einmal 2010!

Immerhin langen diesmal 5 Siege aus 10 Spielen diesmal zum zweiten Platz in der Gruppe A. Hinter Belgien. Na klar1 Aber vor Serbien. Vor dem Erzrivalen. Dem Feind. 

Doch seit 4 Pflichtspielen sind sie ohne Sieg, holen nur einen Punkt. 3 Niederlagen. So viele Spiele hat man in einer Qualifikation noch nie verloren.

Ein 0-1 gegen Schottland, ein 1-1 in Serbien, an das man sich dank Josip Simunic noch in Jahren erinnern wird.

Danach Niederlagen daheim gegen Belgien und auswärts in Schottland.

„Ich habe meinen Spielern gesagt, dass es meine moralische Pflicht ist, meinen Rücktritt anzubieten“, sagt Trainer Igor Stimac und geht.

Jetzt soll es Niko Kovac richten. Der ehemalige Bundesligaprofi, der gebürtige Berliner trainierte bis dahin mit eher bescheidenem Erfolg die zweite Mannschaft von Red Bull Salzburg und – da schon erfolgreicher – die U21-Kroatien. Er spricht von einer schwierigen Entscheidung. Aber was soll er machen? Er hat keien Wahl. Die Heimat ruft.

So lange die Sonne seine Felder wärmt, so lange die Bora seine Eichen umweht, so lange das Grab seine Toten bedeckt, so lange ihm sein lebendiges Herz schlägt.

In Reykjavik verklingen die Hymnen. Noch nie hat Island sich für die Endrunde qualifiziert. Doch diese Mannschaft kann es schaffen, schreiben die, die es wissen müssen seit Monaten. Die, die es wissen müssen, lieben Geschichten und Island ist die bessere Geschichte. 

Mit Island können sie Zeitungen füllen. Mit Kroatien nicht.

„Aber Du bist doch für Kroatien?“. Milans Worte. Es geht um die Ehre des Landes. Nicht gegen Island, nicht schon wieder. 

Nicht noch einmal 2010.

Es sind nicht einmal 100 Sekunden gespielt als Eduardo vergibt. Ein Raunen. Auf einem Karo-Trikot steht dick „Café King“. Im Gegenzug verpasst Finnbogason. Keine 5 Minuten gespielt. Es ist still. 

Doch das Drama auf den Flachbildschirmen ist überschaubar, und spielt sich, wenn überhaupt eher für Island ab. Kurz vor der Pause verletzt sich Sigthorsson, der in dieser Saison in 12 Spielen für Ajax Amsterdam 6 Tore erzielt hat. Es geht nicht weiter.

Direkt nach der Pause fliegt Olafur Skulason für eine Notbremse, doch Kroatien findet kein Mittel und wenn sie doch einmal durchkommen scheitern sie an Hannes Thor Halldorsson. In den letzten Minuten zischt ein Perisic-Schuß am Pfosten vorbei. Es bleibt beim 0-0. Seit fünf Spielen ist Kroatien nun ohne Sieg. Es wird knapp. 
Unsere schöne Heimat, Heldenhaftes liebes Land, Alten Ruhmes Vätererbe, Ewig sollst du glücklich sein!

An der Tür verabschiedet Milan die Gäste, an seinem Tisch direkt am Eingang hält Ante weiter Hof. Bald werden ihre Fälle vor dem Bochumer Landgericht neu aufgerollt. 

Das Trikot erinnert mich: Ich liebe Dich!

island 0 kroatien 0 – das café king am ende der rankestraße