Ich musste über einen Tag geschlafen haben. Der Empfangsraum war leer, Alpo Myller hatte eingepackt und war nicht mehr zu sehen. Die Tür zum Computerraum stand auf. Doch niemand war da. Die andere Tür, hinter der ich den Aufenthaltsraum vermutete war verschlossen und ließ sich auch durch ein paar Fußtritte nicht öffnen. Der Weg nach draußen war ohnehin versperrt.

So stellte ich mich an die Scheibe und beobachtete die Ostsee. Wir mussten einige hundert Meter von der Küste entfernt sein. Draußen war es dunkel, ein paar Ölfässer lagen auf dem Grund, ein Heringsschwarm trieb etwas seitlich davon dahin. Ab und an knallte einer der Heringe vor die Scheibe, sonst sah ich nur Algen und Müll. Es war kein sonderlich schöner Ort. Da konnten auch die Gemälde aus dem frühen Iquitos, die an der Rückseite zum Empfangsraum an den Wänden hingen, nicht viel helfen. Das kalte Neonlicht, die Computer, die trübe, in ihrem eigenen Dreck ertrinkende Ostsee. Ich fragte mich, was im vergangen Jahr passiert war. Was hatte Piotr und Tomasz veranlasst, aus den beschaulichen Masuren an die an der Oberfläche pitoreske, unter der Erde aber zerstörte Ostsee zu ziehen? Ich kannte die Antwort auf die Frage nicht und mir graute es jetzt bereits vor dem Piotr-Monolog, der sich meiner Frage anschließen würde. Der eine schwieg, der andere laberte den lieben langen Tag. Jetzt waren sie verschwunden. Und ich stand alleine mit einer Flasche Wasser an der dicken Panzerglasscheibe und sah die Zerstörungswut, die unter der Oberfläche der menschlichen Existenz offen ausgebrochen war. Die klaffende Wunde der Natur bedrückte mich, ließ mich dabei jedoch einigermaßen kalt. Es war, wie es war und es gab für kein Problem der Welt eine Lösung. Schon gar nicht für dieses.

Nachdem ich eine gute Stunde an der Panzerglasscheibe gestanden hatte und nichts passiert war, ließ ich mich wieder auf dem Sofa im Empfangsraum nieder. Kurz hatte ich mich dem Gedanken gespielt, ein wenig in den Computer zu stöbern, doch Tomasz würde jede meiner Bewegung im Netz tracken, Piotr sie in der Folge in langen Monologen kommentieren. Das war es mir nicht wert. So saß ich auf dem Sofa, hing meinen Gedanken nach, überlegte, was Piotr anstelle der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft stellen wollte oder schon längst gestellt hatte. Es blieb mir ein Rätsel. Piotr hatte einen Plan, das war offensichtlich, doch der Plan selbst blieb mir ein Rätsel. Was hatte Piotr mit der neunten Ebene gemeint und was waren die zwei Welten? Und wie würde ich eine dieser Welten verlassen können und welche Welt würde das sein? Woran sollte ich noch glauben, wenn alle Last von mir abgefallen war? Würden meine Wunden heilen? In welchem Leben hatte ich Wunden? Was war mit Dörte am Morski Oko passiert? Und in welcher Form konnte ich die Fußball-Europameisterschaft verfolgen? So viele Fragen, mit denen mich Piotr und Tomasz in einem Unterwasseraquarium unter der Ostsee allein gelassen hatten. Ich hatte nicht einmal die geringste Idee, welchen Tag wir hatten, wie spät es war und wo zum, Teufel in diesen Räumlichkeiten eine Toilette zu finden war. Wie sollte ich all die anderen Antworten auf all die drängenden Fragen meiner scheinbar multiplen Existenz finden?

Bevor ich mir darüber noch mehr den Kopf zerbrechen konnte, öffnete sich die Tür zum Aufenthaltsraum. Tomasz bedeutete mir, näher zu kommen. Ich entsprach seiner Bitte, nicht auss Höflichkeit, vielmehr war mir klar, dass ich hier sämtlichen Anweisungen Folge leisten musste, um mich am Ende meiner Zeit im Unterwasseraquarium als neuer Mensch präsentieren zu können. Auf einem Tisch inmitten des Raus, weit entfernt von der Panzerglasscheibe, die sich in diesem, größeren Raum über zwei Wände erstreckte, lag das Ermittler Handbuch der verbindlichen Höflichkeit, die Pflichtlektüre aller Ermittler, die ich am Anfang des Jahres verschlungen, dann unter dem Druck der ausgehenden Saison jedoch verdrängte hatte. Daneben lag die gesammelte Kollektion DerSamstag! Der Anblick der Ausgaben machte mich unfassbar stolz. Wir, das waren Redermann, Amok und ich, hatten in einer der größten Spielzeiten des Ballspielvereins bleibendes geschaffen. Wir waren der unsichtbare Taktgeber, wir waren der Puls der Borussia. Wir waren die Mahner, die es dem Team ermöglichten ihrer Profession auf diese unnachahmliche Art und Weise nachzugehen. Wir waren DerSamstag!, dachte ich und wir bleiben es für eine lange lange Zeit.

„Wo ist der Text über Piszczek?“, fragte mich Tomasz. Sein Ton war rüde, er klang fokussiert. Er war wütend. Tomasz sprach nie viel. Wenn er aber sprach, dann sprach er mit einer Wucht, die mir Angst machte. „Ich wollte…“ „Du wolltest es unter den Tisch fallen lassen, Dembowski! Ich bin verdammt sauer! Der Spieler der Saison. Mein Idol. Ich hatte Dir davon berichtet. Erinnerst Du Dich an Lukasz II? Die zweite Saison, Du Idiot! In der zweiten Saison!“ „Aber…“ „Nichts aber! Und jetzt kommt mir nicht mit Mainz! Jeder weiß, was in Mainz passiert ist. Aber warum das passiert ist, das weiß niemand. Leg die Hintergründe offen! Sofort! Deine verdammte Pflicht als sogenannter Journalist!“ Ich musste Tomasz zustimmen. Was in Mainz passiert war, hatte jeder gesehen. Warum es passiert war, hatte ich nie erklärt. Nie erklären wollen, um bei der Wahrheit zu bleiben. „Man muss nicht jedes Geheimnis verraten“, versuchte ich mich aus meiner misslichen Lage zu retten. Doch ich war längst hoffnungslos verloren. „Bevor Piotr sich um Dich kümmert, arbeite an einem verdammten Kommentar. An dem Kommentar, Kurva! Das kann nicht so schwer sein. Du kannst froh sein, dass Piotr seine Hand über Dich hält. Ich hätte Dich Großmaul längst fallen gelassen. Das vermeintliche Coole ist Deine Metier. Du bist so schlecht!“ Good Cop, Bad Cop. Das war mir klar. Aber wenn der Good Cop ein selbstverliebter Redner, der Bad Cop ein Piszczek-Höriger war, wer war ich dann? Der Ermittler oder was?

in sachen lukasz piszczek