Ach. Fußball. Da habe ich Dich wieder und Du bist doch gleich wieder ein Arsch. Während ich in der Erdgeschosswohnung sitze und mir immer und immer wieder die Szenen des letzten Spieltags anschaue, unseren kleinen bescheidenen Anteil am Erfolg bejuble, klingelt das Telefon. Eine seltene Sache dieser Tage. Wird doch immer mehr übers Netz abgewickelt. Sogar die Aufträge kommen meist übers Netz. Meist treffe ich die Leute nicht mehr, manchmal schicke ich Amok oder Redermann vor. Doch diesmal kommt alles anders. Das Telefon klingelt also. Es ist Montag. Heute ist Mittwoch. Und in den Stunden zwischen Montag und Mittwoch soll ich nicht mehr zur Ruhe kommen. Redermann schon. Aber der schläft immer, wenn es heiß wird.

Ach. Fußball. Immer wenn es interessant wird, kommst Du mit Klauseln um die Ecke. Schweigen hier und Stillschweigen dort. Aber mal ehrlich, Fußball, wäre das nicht zu langweilig, denke ich mir, während ich ich da in der Erdgeschosswohnung über den Anruf nachdenke. Der Anruf kam von Reiser und wieder einmal wollte er mit mir arbeiten. Er habe da einen besonderen Fall. Und wenn ich ehrlich wäre, so hätten wir doch bei der Rubbeldikatz-Sache schon perfekt miteinander gearbeitet, wir hätten unsere Positionen ausgereizt und am Ende wäre da immerhin eine Jugendwort-Nominierung des Jahres bei rausgesprungen. Ob mir das überhaupt bewußt sei? Und ob, wenn mir das bewußt sei, ich mir da noch keine Gedanken gemacht hätte, wer das überhaupt zu verantworten hätten? Der übliche Reiser-Bullshit eben. Wenn es läuft, war es Reiser. Wenn es nicht läuft, waren es eben die Anderen.

Egal, Reiser ist da. Oder am Telefon. Er will was von mir. „Der Samstag!“ steht sowas von in den Startlöchern und ich würde es mir mal anhören, sage ich ihm. „In der Kneipe?“ „Ja, aber check vorher noch einmal Deine Mails! Wichtig. Dann um 20.00 Uhr in der Kneipe!“ „Ok“. Wie das so geht, wenn man mit Reiser spricht. Am Ende behält er die Oberhand, denkt er zumindest. Die nächsten Stunden verbringe ich mit dem Checken meiner Mails und BBC und CNN. Dazu lasse ich, ganz klassisch, London’s Burning und Goin‘ Underground laufen. London brennt und nichts passiert. Ich quatsche ein wenig mit Redermann, der aber zu müde ist. Dabei war es Redermann, der die Rückfahrt aus München schlafend verbracht hat. Manchmal ist Redermann einfach müde, denke ich. Seine Worte sind schleppend. Er will nicht in die Kneipe kommen. „Wolltest Dich nicht mit Reiser befeinden?“ fragt er dann auch noch einigermaßen unverschämt.

Im Grunde hat er aber Recht. Ich befinde mich bereits wieder in einer Abhängigkeitsspirale, in der gefährlichsten Abhängigkeitsspirale. Irgendwann kommt die Mail, ich höre längst Slint. Good morning, Captain! Die Freude über unseren Coup ist mit jedem Klick wieder dem Hass gewichen. Verdammter Reiser, er schafft es immer wieder. Er hat mich wieder, denke ich. Dabei hatte ich den Morgen noch unter Tom Pettys Motto „I Won’t Back Down“ gestellt. Vergessen, verloren. Verlieben, verzeihen. Mir graut es jetzt schon wieder vor der Kneipe und der Jukebox. Wenn die Wirtin nur allein wäre, aber ist sie nicht, weiß ich. Wenn Reiser da ist, ist Culture Club das Maximum. Dann würde ich wieder die Popper-Geschichten hören müssen, und müsste unweigerlich an Martin denke. Es passiert nichts. Im Netz. Bis auf die Mail, die ich längst wieder vergessen habe. Reiser hat eine neue Mailadresse. Die läuft in meinem Kopf unter Spam.

Ich rufe sie noch einmal auf. „Götze. Bespuckt. Anonym. Öffentlichkeitsscheu. Messi. Juwel. Wahnsinn – Reiser…bis später“. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was er mir damit sagen will und klicke auf den beigefügten Link. Dieser liegt auf einem internen Server. Ich logge mich ein, die Daten hat Reiser mitgeschickt. Sie zeigen einen jungen Mann mit Baseballcap und Sneakers. Er hat in etwa die Größe von Götze. Dieser junge Mann rennt hinter einem davoneilenden Zug her. Er erwischt ihn nicht mehr. Mit einer Hand schlägt er gegen die Scheibe. Nichts passiert. Der junge Mann dreht sich um, kommt jetzt direkt auf die Kamera zu. Wir befinden uns auf dem Dortmunder Hauptbahnhof. Gleis 11. Der junge Mann sieht die Kamera. Er spurtet jetzt wieder. Kommt der Kamera bedrohlich nahe, hält seine Hand davor und bittet den Kameramann das Video zu stoppen. Das ist das Video. Mir ist nicht klar, was Reiser mir damit sagen will. Wenn es Götze ist, wenn er nicht gefilmt werden will. So what?

Ich gehe noch einmal meinen Schreibtisch durch. Ein paar Anfragen sind in letzter Zeit aufgelaufen. „Eving darf nicht sterben!“ „Wir wollen Sonntags Wäsche waschen“ „Wer Zigaretten klaut, sollte nicht Taxi fahren“. All das, überlege ich mir, Fälle, die mich mehr interessieren, von denen ich mir mehr verspreche. Fußball muss ein Hobby bleiben. Gerade mit „Der Samstag!“ im Rücken. Aber „Der Samstag!“ ist es letztendlich auch, der mich in die Kneipe treiben wird, das ist mir klar. Ich rufe noch einmal Redermann an, schiebe ihm den „Eving darf nicht sterben“-Fall rüber. Wenn er nicht müde ist, kann er durchaus ermitteln. Und Amok bekommt die anderen beiden Fälle. Für einen Praktikanten sind das tolle Aufgaben. Koslowski informiere ich über den Zigaretten/Taxi-Fall und lasse es dann laufen. Vertrauen!

Sofort in die Kneipe. Was da passierte? Ich schöpfe ein wenig Kraft, bin wieder entsetzt und melde mich bald zurück.

in der reiser-falle (I)