Alles ist voller Nebel. Ich bin den langen Weg von der S-Bahn zur Kleingartenanlage gelaufen und habe mich nicht umgeschaut, keinen Halt gemacht, den Weg beschritten. Ein Freitag im Oktober. Normalerweise proben sie hier, denke ich und schaue durch den Nebel. Doch die Laube scheint menschenleer. Erst nach minutenlanger Stille bitten sie mich herein.

„Dembowski, setze Dich doch und hier Dein Bier.“ Die Leute in der Laube sind mir fremd. Aber, wenn ich ehrlich bin, ist mir die Welt heute ohnehin seltsam fremd. Mit einem Schlag haben sich die Realitäten verschoben. Leider, sag ich mir im Nebel stehend, habe ich keine Ahnung, wie das alles weitergehen soll. Die Wunde ist frisch und ich habe sie mir selbst zugefügt. Es gibt da niemanden, den ich beschuldigen könnte. Das, wird mir im Nebel stehend, immer klarer, werde ich mit mir ausmachen müssen. Und, auch das wird sich nicht verhindern lassen, mit ein paar anderen Menschen, die aktuell wirklich schlechte Laune haben. Ich antworte „Danke“ und setze mich auf einen der Hocker, die dort in der Ecke stehen. Hin und wieder verzieht sich der Nebel und bis auf Bert sehe ich dort in mir zum Teil wirklich fremde Gesichter. Der, in der Ecke da, spielt in der Band und der Typ mit dem Bier in der Hand dürfte der Sänger sein. Sie kennen mich auch nicht, denke ich und schaue auf Bert, dem ich am Telefon die wichtigsten Momente des Tages geschildert habe, er zögert und prostet mir dann hilflos zu.

Während sie Skip spielen und ich kaum eine Runde verliere, sie immer betrunkener werden, gelingt es mir nicht,  mich nur in irgendeiner Form abzulenken. Das Bier steht vor mir, ich kann es nicht trinken. Das besagen zwar auch die Regeln, doch auch wenn die Regeln mich zum Trinken anhalten würden, ich könnte es nicht. Dabei, das ist mir auch klar, wäre das jetzt keine so schlechte Idee. Vor ein paar Wochen war die Welt in bester Ordnung. Bei Cleveland standen ein paar Veränderungen an und ich hatte wirklich Bock auf diese Veränderungen. Neues Land im Meer. Der Typ war weg. Gab den Kolumbus im Dschungel der Großstadt, der Bart war noch lange nicht gewachsen. Und auch wenn der Flug nach Kuba letztendlich ausgefallen war, so hatten wir ihn immerhin gebucht. Manche Dinge kann man versuchen, wenn es dann nicht klappt, gibt es keine Schuldzuweisungen, denke ich, auf dem Hocker sitzend und mich an den Sommer erinnernd. Kuba war so eine Sache, die wir versuchen mussten. Sie war gescheitert Aber wir hatten immerhin das Punkrockbowling erfunden. Das war es wert gewesen. Den Sommer über hatte ich träumend verbracht, mit Cleveland, das war mir klar gewesen, würde es nicht ewig weitergehen, aber die angekündigten Veränderungen hatten mir insgeheim in die Karten gespielt.

All das aber war mit einem Schlag Vergangenheit geworden. Ich sitze in einer Laube in einer anderen Stadt, bis auf Bert kannte ich niemanden und meine Pläne werde ich wohl über den Haufen schmeißen müssen. Spät in der Nacht setzte ich mich auf den Gepäckträger von Bert. Wir rollen die Straße runter. Ich schlafe im Keller. Wache um 4.40 Uhr wieder auf. Ziehe mich an, lass die Hintertür geöffnet und kaufe mir beim Kiosk sämtliche Zeitungen. Bis auf ein paar Kurzmeldungen steht dort nichts. Ein Stück weit bin ich beruhigt.

in der laube, oktober 2001