Als Ermittler hat man es echt nicht einfach. Immer diese in die Leere laufenden Ermittlungen. Lange halte ich das nicht mehr aus. Wie lange war das mit dem Finger jetzt her? Und wie lange war ich schon nicht mehr in der Erdgeschosswohnung? Und wozu das alles? Um Wissen zu mehren, Dembo! schreit mir jemand zu.

Ich stehe an der Osloer Straße. Aus vier Richtung fahren Busse an mir vorbei, die Lastwagen donnern in Richtung Stadtautobahn, bevor sie hinter der nächsten Kurve im ewigen Stau warten werden. Radfahrer bremsen nicht, fahren Schlangenlinien um mich herum. In der Mitte wechseln sich die Trams in Richtung Warschauer Straße & Virchow Klinikum im Sekundentakt ab. Die U-Bahn Zugänge spucken die Pendler und Penner aus. Es ist grau. Es regnet. Obwohl es im Rest der Stadt seit Wochen kaum geregnet hat. An der Bushaltestelle sammeln sich die Flüchtenden. Ein paar Monate noch werden sie von hier zum Flughafen Tegel gebracht. Dann wird niemand mehr in diese Gegend kommen.

Den Gemüsehändler an der Ecke wird es kaum stören, die Dönerfabriken des Soldiner Kiez werden weiter Döner und der Kiez weiter Schlagzeilen produzieren. Ob Komaroff in einer dieser Schlagzeilen eine Hauptrolle spielen und ob jemand vom Ermittler Notiz nehmen wird, steht noch in den Sternen. Es ist nicht einfach. Es ist, wenn ich es genau überlege, verdammt kompliziert. Redermann stellt mich seit Tagen bereits in Boulevardnähe, die Borussia schreitet voran, die Jungs bei der Kripo Dortmund sind aufgeschmissen und jagen bereits wieder Fahndungsplakaten hinterher. Eine Tradition, die mich dereinst hat aufleben lassen.

So stehe ich an der Ecke. An der Osloer Straße. Überlege, ob ich mir jetzt bereits einen Döner reinhaue und bleibe dann doch beim Schultheiss. In dem Moment großer Zweifel klingelt das Telefon. Eine Hamburger Nummer. „Dembowski? Dietfried Dembowski?“ „Ja. Was kann ich gegen Sie tun?“ „Ich bin da an was dran, mein Name ist egal. Nennen sich mich den Afrikaner. Es geht noch einmal um das Flammenspiel gegen Dresden. Große Sache. Wollen Sie mir helfen?“ „Welche Flammen? Welches Spiel? Wie soll ich da helfen?“ „Ich muss mich in Netzwerke einhacken!“ „Klar.  Wofür?“ „Recherche! Es geht um die große Verschwörung. Stichwort: In Brechten grüßen die Rechten!“ „Aber da steht doch: ‚Brechten gehört den Rechten!'“ Der Typ ging mir jetzt bereits auf den Sack. Dem würde ich liefern. Brandheiße Fehlinformation aus Berlin.

„Ah, spannend! Super. Super. Sie sind doch in der Nordstadt?“ „Klar. Dembowski, Ermittler aus Leidenschaft, wohnhaft in der Nordstadt. Erdgeschosswohnung, neben der Wentraud“, rattere ich runter. „Gut, das ist verdammt gut!“ „Sicher. Stell Dir vor, die Wentraud ist mal vom Affenmaskenmann überfallen worden. Den Fall habe ich quasi im Spaziergang gelöst.“ „Hörte ich von. Sie sollen ein fantastischer Ermittler sein. Belassen wir es beim Sie? Das ist besser. Keine Nähe!“ „Klar, Du!“ Und so geht es dann hin und her. Ich steige in die Tram und fahre in Richtung Plötzensee. Hin und wieder wird der Typ aus Hamburg stutzig. „Ist das nicht Berlin, Seestraße?“, fragt er dann. Aber ich erkläre ihm, dass ich mich gerade inmitten einer Ermittlerschulung befinde, diese naturgermäß nicht unterbrechen könne. „Hab ich von gehört, hab ich von gehört!“

Am Ende des Gesprächs habe ich mich in nicht vorhandene Netzwerke eingehackt und bin nur ganz knapp an der großen Dresden/Dortmund/Zwickau-Verschwörung vorbeigerauscht. Die Stimme aus Hamburg bedankt sich. Ich würde dann von ihm lesen, verspricht er mir zum Abschluß. Da sitze ich bereits am Westhafen, mache mein viertes Schultheiss auf. Ich schaue den Kohleschiffen nach. Wohin sie wohl reisen?

in brechten grüßen die rechten