„Sie brauchen jetzt vor allen Dingen Ruhe“, sagte die Frau im weißen Kittel zu mir. Er stand vor meinem Bett. Ich war nicht alleine in diesem Zimmer. Es war steril. Ein Nierentisch ragte über mein Bett, darauf waren fein säuberlich ein Glas, eine Pillendose und eine B.Z. drapiert. „Wer sind sie?“ „Jana Drauschke, ihre behandelnde Ärztin.“ Sie schaute mich an, ich schaute sie an. Wo war ich hier? „Wo bin ich?“ „Herr Dembowski, sie hatten einen Zusammenbruch. Sie befinden sich hier in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Sie werden sich ein wenig erholen. Sie brauchen jetzt vor allen Dingen Ruhe, Erholung, Gespräche“ „Nerverklinik?“ Mir stockte der Atem.

Ich erinnerte mich, wie ich aus der Kneipe raus war. Vorher war ich nackt, dann war ich wieder angezogen. Ich wußte nicht mehr, warum das so passiert war. Ich erinnerte mich, das ich die Tür aufgestoßen hatte. Dann war da nichts. Ich erinnerte mich nicht einmal mehr an das Ergebnis. Vielleicht konnte diese Droschke mir das sagen. „Frau Droschke, wie hat Borussia gespielt. Welchen Tag haben wir?“ „Die Idioten haben es vermasselt. Bayern wird Meister!“, schrie mein Bettnachbar und die Droschke meinte: „Mein Name ist Drauschke, Dr. Jana Drauschke. Hören Sie nicht auf ihren Nachbar. Aber er hat Recht. Wir haben Sonntag. Der BVB hat 4-4 gespielt. Deswegen sind sie hier. Ein freundlicher Begleiter hat sie eingeliefert.“ „Ah. Drauschke. Entschuldigen Sie.“ Ich musste Zeit gewinnen. Ich hatte keine Erinnerung mehr. Das 4-4 aber versetzte mir einen neuerlichen Schlag. Versuchte mich zu bewegen, es ging nicht, war wie gelähmt, mein Körper fiel zurück, mein Geist lahmte. Ich schlief wieder ein.

Als ich wieder erwachte, ging es auf 17 Uhr zu. Ich brauchte dringend eine Kippe. Langsam stand ich auf, es gelang mir. Ich schlich mich aus dem Zimmer. Mein Bettnachbar hatte die Kopfhörer auf, starrte in die Leere. Ein paar Musikfetzen drangen zu mir durch. Es war laut. Es ging um die Nummer 13 auf dem Nacken. Als ich die Tür schloss, schaute ich an mir runter. Ich hatte einen Schlafanzug an. Ich folgte den Schildern zum Ausgang, fand die Raucherecke. Ein paar Raucher. Sie unterhielten sich. „Hast Du mal ne Kippe?“ Wahllos haute ich einfach eine Person an. Sie drehte sich zu mir, stupste die Kippe aus der Schachtel und hielt mir das Feuerzeug hin. „Rauchen kannste alleine?“ Wo war ich hier nur gelandet? Ich nickte, bedankte mich damit, nahm ein paar Züge, schnippte die Kippe weg. Ekelig. Die Leute fixierten mich mit ihren Blicken. Es war an mir etwas zu sagen, mich vorzustellen. Ich schwieg, ging auf die Tür zu, sie öffnete sich, ich verschwand.

Um 18 Uhr riefen sie mich in den Speisesaal. Ein Großteil der Leute saß schon an den Tischen, stopfte sich den Frass rein. Ich setzte mich ein wenig abseits, fand einen fast leeren Tisch. Nur eineFrau mittleren Alters saß dort noch. „Ich bin Sybille. Wer bist Du?“, stellte sie sich vor. Ich beachtete sie nicht weiter, sagte „Der Ermittler und hier falsch“. „Das sagen sie manchmal, aber niemand ist hier je falsch, schon gar nicht, wenn er sich Ermittler nennt.“ Jetzt lachte sie mich an. Ich war nicht zu Scherzen aufgelegt. Borussia hatte 4-4 gespielt und ich war in der verdammten Klinik gelandet.

Angewidert stieß ich das Tablett weg. „Wer ist diese Droschke?“ „Drauschke, meinst Du? Die Jana? Ne patente Dame is dit“ „Kann ich jetzt nicht behaupten. Die meint, ich brauche Ruhe. Aber ich bin der Ermittler und habe eine Mission. Die Konstrukteure erwarten, das ich deliever. Und ob Redermann das mit DerSamstag! hinbekommt, ich bin mir nicht sicher?“ „Wie war noch einmal Dein Name, Ermittler?“ „Dembowski. Dietfried Dembowski!“ „Dietfried, Du bist hier schon genau richtig. Wir haben Sonntag.“ Sie wendete sich wieder ihrem Essen zu. Ich stand auf. Wieso war ich nur hier? Diese Drauschke hatte einen Zusammenbruch erwähnt, ich konnte mich nicht erinnern.

Unbedingt musste ich ein Telefon finden. Dass es hier kein Netz gab, hatte ich schon rausgefunden. Aber ein Telefon wäre doch was. Mein Handy hatten sie mir weggenommen. Wieder mit der Begründung, ich brauche jetzt aber Ruhe. Diese Ruhe machte mich noch ganz verrückt. Wenn ich nicht langsam lieferte, konnten wir die Zeitung gleich ganz einstellen.

Doch auf der gesamten Station fand sich kein Telefon. Ans Schwesternzimmer wollte ich nicht klopfen, da war sicher eins, aber sie würden mir nur bedeuten, dass ich doch dringend Ruhe benötige. Wer war überhaupt mein freundlicher Begleiter. Auch dazu wollten sie mir nichts sagen. Auf der Station gab es kein Spur von ihm. Es war Sonntag. Nur noch ein paar Tage zum Wolfsburg-Spiel. Die Karte für das Spiel lag zuhause. Ich musste bis dahin wieder hier raus sein. Aber ob das klappte? Schon jetzt kamen mir Zweifel, wenn ich an die Drauschke dachte. Diese verdammte Drauschke. Ich war der Ermittler. Ich brauchte Ruhe, sagten sie. Die Welt aber brauchte meinen Kommentar. Es gab kein verdammtes Telefon. Langsam dämmerte es. Ich fühlte mich schwach, legte mich ins Bett, schlief sofort ein.

immer noch kein kommentar – der ermittler braucht ruhe

Ein Gedanke zu „immer noch kein kommentar – der ermittler braucht ruhe

  • April 2, 2012 um 4:59 pm
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    Du brauchst jetzt ganz viel Ruhe und positive Gedanken.

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