So langsam werde ich zu alt für den Scheiß. Spieltag und Heimspiel in Berlin. Die Bahn macht was sie will, fährt mal und fällt mal aus. Aus den großen Worten der Pressesprecherin der S-Bahn hatte ich mir bereits im Vorfeld nichts gemacht. Die paar Meter zum Gesundbrunnen schaffte ich ohne Probleme, wählte den Weg über die Jülicher Straße. Vorbei am alten Hertha-Vereinsheim.
Schon hier und schon so früh, es war nicht einmal Mittag, waren die Straßen in schwatzgelb getaucht. Unter die aufgeschmissenen Touristen hatten sich Borussen gemischt. Man hörte sie in den unterschiedlichsten Sprachen reden. Auf der Brücke über den Gleisen stehend überlegte ich noch kurz, ob ich mir die Fahrt wirklich antun sollte. Aber es war Heimspieltag in Berlin und in der Tat hatte ich auch ein paar Menschen 3 Punkte versprochen. Versprechen? Harte Arbeit! Allein die Anreise. 
Irgendwann aber da. Am Olympiastadion raus, dieses Bild verdient kein Applaus. Hier gab es keine Hertha-Fans. Hier war Dortmunder Territorium. Ein paar Kids waren ohne Karten angereist. All the way from Dortmund. Und da sie mich derart höflich siezten, drückte ich ihnen ein paar meiner Karten in die Hand. Irgendwie war ich in den letzten Tagen an einen ganzen Schwung Karten gekommen. Für jeden etwas dabei. Von Haupttribüne über Gegentribüne und Gästebereich. Borussia ohne den Ermittler? Undenkbar.
Ermittler ohne Bier? Undenkbar. Aber im Olympiastadion Normalität. Was ein Drecksladen. Drängelt man sich in der Schlange vor, wird man verpfiffen, von Superordnern beinahe sogar des Stadions verwiesen. Stellt man sich in Schlangen aber an, kommt man nie dran. Und wenn man dran kommt, nach einer Mischung aus Vordrängeln und Schlange stehen, dann schütten sie einem tatsächlich Carlsberg ins Bier. Nie wieder Olympiastadion! schwörte ich mir. Zumindest bis zum Pokalfinale.
Die Geschichte des Spiels ist schnell erzählt. Mal sitze ich, mal stehe ich, mal schreie ich, mal schüttel ich den Kopf. Hummels wirkt angeknockt, Patrick Ebert, der alte Rowdy, trifft das leere Tor nicht, was aber Kevin ein paar Minuten später gelingt. Ein zähes Ringen auf einem tiefen Acker. Trotzdem ist da natürlich Erleichterung. Eingefahren. Wieder 3 Punkte gegen den Abstieg. Seit 16 Spielen schon fast immer 3 Punkte gegen den Abstieg. Langsam freundete ich mich mit dem Gedanken an, im nächsten Jahr wieder Europa League-Spiele zu sehen.
Raus aus dem Stadion. Noch im Siegesrausch. Ein paar Brandenburger Bratzen brüllten mir das Lied von den BVB Hurensöhnen direkt ins Gesicht. Moment, dachte ich an den Brandenburger Bratzen vorbeigehend, ich habe doch einen Bildungsauftrag. Ich stoppte ab, drehte um und ging in meiner freundlichen Art auf die Jungs zu. „Entschuldigung. Ich hörte gerade, dass ihr die Lieder nicht richtig beherrscht. Ich sing Euch das mal richtig vor, Kids! BVB Null Neeeeeeun. Und nicht BVB Hurensöhne. Klingt doch gleich viel besser. Und jetzt ihr, ihr könnt dat auch.“ Für einen kurzen Moment schienen sie zu überlegen, doch dann kam es zu einer unschönen Szene.
„Wir singen dit so, wie dit jesungen wird, meen Kleener. Und Du kassiert jetz. Was haste hier auch blöd zu stehen?“ Kassieren, dachte ich mir, dann haben die es also verstanden. Doch mitten in die Überlegung hinein, erwischte mich der erste Typ an der Schläfe. Irgendein Affe machte sich derweilen an meinen Schienbeinen zu schaffen und ein wieder anderer Typ nahm sich meine andere Schläfe vor. Mir dämmerte es ganz langsam, was sie mit Kassieren wirklich gemeint hatten. Es war zu spät. Ich lag auf dem Boden und die Jungs gingen jetzt über, mich mit ihren ungeputzten Schuhen zu bearbeiten. Immer in die Seite rein. Ich rollte mich zusammen. Sie spuckten mir auf den Kopf und traten in meine Seite.
Aber aus der Ferne hörte ich die erlösenden Worte „Halt! Lassen Sie vom Ermittler ab. Wir nehmen Sie an dieser Stelle jetzt einfach mal mit“ Interessante Wortwahl, schoss es mir durch den Kopf. Team Green war zur Stelle und organisierte dann auch einen perfekten Abtransport der Jungs. Jetzt mussten sie kassieren, und ich konnte aufstehen. Ein wenig Blut an der Stirn, ein paar schmerzende Rippen. Sonst nichts. Ich musste dringend mal wieder auf ein Kommunikationsseminar. Da hatte ich die Lage falsch eingeschätzt.
Aber nicht nur ich hatte einige Situationen vielleicht falsch eingeschätzt, die Bayern machten das nun auch in schöner Regelmäßigkeit. Noch während einer von Riberys schlechteren Flugeinlagen, saß ich bereits wieder an meinem Schreibtisch und hämmerte in die Tasten:
Die Serienstarter
(berlin / 19.02.2012) „Jetzt starten wir eine Serie!“ Wie oft haben wir diese Ansage in den letzten Wochen gehört? Sie beginnen die Serie. Beenden sie beim nächsten Auswärtsspiel. Und starten wieder eine Serie. Mal ruft Gomez die Serie aus, mal Kapitänchen Lahm. Zwischendurch klagen sie über die Schiedsrichter, die schlechten Platzverhältnisse, das Verletzungspech. Dann wieder machen sie die Borussia zum Meister von Bayerns Gnade. Was in der letzten Saison mit der größten Aufholjagd aller Zeiten begann, findet in 2011/2012 seine Fortsetzung in der längsten Serie aller Zeiten. Ungeschlagen. Vier Spiele lang. Trotz des Schweinsteiger-Ausfalls, trotz der schlechten Platzverhältnisse, trotz des allgemeinen Betrugs. Mit diesen Bayern ist auch in 2012 zu rechnen! Wie der Engländer immer anschließt: Nicht! (dembowski / DerSamstag!)
im süden die serienstarter