Neulich meldete sich jemand bei mir. Wollte was wissen. Da habe ich ihm geantwortet. Bessere Fragen als die Typen vom Berliner Wochenblatt hatte er allemal. Aber am Ende drehte es sich doch wieder um Menschen in Kneipen. Es dreht sich immer um Menschen in Kneipen. Und dann stellte sich auch noch raus, dass der Typ nen Kölner ist. Zum Glück niemand von der Wilden Horde. Sonst, aber…. Das war das Gespräch:

Herr Dembowski, ich darf mich kurz vorstellen. Meine Name ist Simon Baranowski und ich bin ein Musiksuchender im WorldWideWeb. Ich habe es mir zum Hobby gemacht über Musik zu schreiben und will versuchen für andere eine Alternative oder eine Unterstützung zu bieten, für Musiksuchende, für Musikbegeisterte, für Künstler und Fans. Soweit grob zu meiner Person. Auf meiner Internetpräsenz unter www.abbreviateddaylight.de können Sie sich gerne durchklicken.

Der Name abbreviated daylight beschreibt einen Dämmerzustand. Nie schlafend, nie wach. Dazwischen.

Sie erweckten mein Interesse, weil Sie öfter sehr gefühlsintensiv schreiben und Gefühl bei mir auch immer was mit Musik zu tun hat. Ich würde mich freuen, wenn sie bereit wären mir nach und nach einige Fragen zu beantworten, um zu erfahren, wo Ihr Schwerpunkt rein musikalisch in Ihrem Leben anzusiedeln ist. Sie sind nun seit mehreren Jahren unterwegs, um hier und da über Verhaltensauffälligkeiten, kuriose Gestalten, geheimnisvolle Orte, entlegene Kneipen und Gassen und nicht zu vergessen über den Fussball zu ermiiteln. Bei allem Erlebten, welche Wertschätzung und welche Hilfe bietet Ihnen da die Musik? Brauchen Sie Musik um zu leben?

Herr Baranowski!
Das ist mir eine Ehre. Ich kenne und schätze Ihren Blog sehr. Mir bleibt so wenig Zeit für neue Musik. Die ständigen Aufregungen, Ermittlungen, der Bundesligaspielplan. Nicht nur schlecht für mein Herz, sondern auch derart ungünstig. Aber dann gibt es Blogs wie den Dämmerblog.

Dazwischen. Fühle ich mich auch manchmal, und damit zu Ihren Fragen. Es müsste immer Musik da sein. Nicht nur in den schönsten Momenten. Musik unterteile ich in zwei Kategorien.

Einmal: Musik, die meine Stimmung untermalt.
Zweimal: Musik, die meine Stimmung beeinflußt.

Die Grenzen sind fließend. Aber wenn ich in Kneipe sitze, und das mach ich berufsbedingt schon sehr oft, dann verzweifle ich manchmal. Haben Sie schon einmal eine Jukebox in einer durchschnittlichen Eckkneipe bedient? Ja? Dann wissen Sie wovon ich rede. Und wenn nicht, rate ich Ihnen dringend davon ab.

Die Mischung aus Schlager und Eurodance, die von der Jukebox befeuert und den Kneipenbesuchern goutiert wird, treibt einen über die Grenzen des Wahnsinns hinaus.

Dann komme ich runter. In der Wohnung. Vor meinem großen Plattenregal. Mal höre ich Townes van Zandt, mal hänge ich meiner Jugend nach, dann ist es meist das zweite EMF-Album. Für mich ein Meilenstein der Musikgeschichte. Der Zerfall. Und das Auflehnen dagegen. Unbelievable! Die Jungs kennt man sonst nur mit Kappe. Selten entferne ich mich von vertrauten Ufern.

Einmal, im vergangenen Juni, landete ich in einem Unterwasseraquarium in den Masuren. Tatsächlich kam ich dahin, weil ich 2006 mit Dörte den wunderbaren Townes gehört hatte. Aber das ist nur eine Randnotiz. Den in diesem Irrsinn, an diesem abgelegenen Ort schallte mir ein Finne entgegen. Mir war er bis dahin nicht weiter aufgefallen. Seitdem ich „Enon Disco“ von Alpo Myller aber zum ersten Mal gehört habe, hat sich das Ding dermaßen eingebrannt. Auf 4.35 min ist da alles vereint, was Musik für mich ausmacht.

Das mag jetzt absurd klingt: Aber dieser Finne rettet Leben. Mit einem Lied von 1990. Hören Sie es. Eine dringende Empfehlung. Und danach wird es auch bei abbreviateddaylight.de nur noch „Jokke, Ossi, Hemppa. Jokke, Ossi Hemppa. mennään, mennään, mennään, mennään, discoon!“ heißen. Das ist Musik. Wenn wir die Bedeutung der Worte auch nicht gehen, sie geben uns doch Halt. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Bis die Tage, es war mir eine Freude. Aber ich muss zurück ins Oldie-Eck!

Ihr Dembowski


Vielen Dank Herr Dembowski. Das ehrt mich, dass Sie meinen Blog schätzen und durchstöbern. Ich hoffe Sie finden hin und wieder Momente, die Sie aus dem Dazwischen befreien können.

Es müsste immer Musik da sein. Solch Sätze beschreiben immer ganz bestimmte, besondere Charaktäre. Wünschten Sie sich einen Soundtrack für Ihr Leben? Welche Künstler würden sich darauf wiederfinden?

So ein Soundtrack wäre zwar Mist, weil er nur Ärger machen würde. Muss man ja nur an die Gema denken..Guzzard, Come, Codeine, Slint, Pajo, Savoy Grand, Massive Attack, Del Shannon, Tony Joe White, die Beach Boys und natürlich der Finne.

Haben Sie sich denn nicht mal in Erwägung gezogen, diese oder jene Jukebox selbst mit Musik zu füllen? Oder winken Sie von vorner herein schon ab und ahnen was auf Sie zu kommt, wenn Sie dadurch automatisch von der Masse des Mainstream ausgehen und dass sich nur ein Bruchteil für das wohlwollende Gefühl im Ohr und im Herz interessieren würde?

Ich rege mich viel zu gerne über Musik in der Jukebox auf. Die Wut, das Entsetzen, die ständigen Wiederholungen der 90er. Die unsäglichen Schlager. Das würde ich so nie hinbekommen. In Eckkneipen gehören dreckige, speckige Jukeboxen. Das könnte ich nie so machen. Wenn ich aber einen Wunsch frei hätte, so müsste in jeder Jukebox dieser Welt natürlich der Finne sein. Aber überhaupt: Gibt es was besseres? Ne Jukebox. Das ist echt. Nicht so ein Handystreamkram.

Wenn ich demnächst in London in einer Eckkneipe mir nach den Arsenal Spielen noch ein Pint genehmige – erwartet da mich ein geringerer Kulturschock, als es vielleicht in hiesigen Kneipen, in Dortmund, Köln oder Berlin der Fall wäre? Kennen Sie sich da aus?

Überhaupt nicht. Auf der Insel habe ich noch nie ein Spiel gesehen. Und wenn ich da in Eckkneipen war, fielen mir meist immer irgendwelche leicht bekleideten, aber ungeheuer seltsame aussehenden junge Damen in die Beine. Nicht weil ich so ein geiler Typ bin, aber weil sie da eben reinfallen, weil sie eben auf ihren Füßen nicht stehen können. Die Schuhe sind da sicher schuld. Ich aber denke auch: Pubs sind großartig. Mein liebste Kneipe in Dortmund, die mit der Wirtin, die hat auch was davon. Guter Laden.

Den Finnen werde ich mir merken. Es bedarf immer einer bestimmten Situation oder Wahrnehmung, in der auf einmal Musik da ist, und wo man ganz genau weiß, dieser Moment, diese Musik wird für immer da sein.


Dafür nicht. Ich freue mich auf die nächste Runde. Die übernehme ich dann. Irgendwann muss ich doch auch mal was über Musik lernen. Ich höre sie ja nur.

im gespräch mit abbreviateddaylight – eine begegnung