Im Norden der Stadt liegt ein Hügel. Klettert man hinauf, sieht man Dortmund mit all seinen Wunden. Gut ein Kilometer entfernt, unten im Tal liegen die letzten Meter der Sauerlandlinie. Steht der Wind schlecht, rauschen die Autos und LKWs donnernd vorbei. Über dem Hügel kreist der Kalkhubschrauber der Stadt Dortmund. Keineswegs, steht auf den Aushängen geschrieben, ist die Kalkung gesundheitschädlich. Man bekommt, im schlimmsten Fall, ein wenig Staub ab. Dieser Affe ist auf dem Weg in den Himmel. Dieser Affe holt den Kalk aus der Luft. Ich trete aus dem Wald, sehe das Ikea-Lager, höre das Rauschen der Sauerlandlinie, beobachte eine Beerdigung auf dem nahegelegen Friedhof, und blicke wieder ins Tal.

Die Worte der Almsick dröhnen durch meinen Kopf und überlagern das konstante Talrauschen. „Das Thema Tradition ja oder nein ist doch auch Auslegungssache. Es heißt ja nicht ohne Grund TSG 1899 Hoffenheim. Wir fühlen uns als Traditionsverein.“ Darf sich jetzt jeder zum Thema Fußball und Hopp äußern, frage ich mich und überlege nicht lange. Die Antwort ist natürlich ja. Mein Blick fällt auf den Florian, die Innenstadt, das U und wenn ich genau schaue sehe ich östlich der Universitätserhebung die Pylonen des Westfalenstadions. Früher sah man hier die Flutlichter und wenn sie an waren, so ging nicht nur die Legenden, bildeten sich lange Schlangen vor den Einläßen. Ich habe es erlebt, denke ich und blicke weiter ins Tal. Dortmund liegt im Tal, wird mir schlagartig bewußt und doch gelingt es mir nicht, die Almsick aus dem Kopf zu bekommen. Die Feier in Sinsheim, sagt sie, sei ihr Erweckungserlebnis gewesen. Wäre sie bloß nie losgeschwommen, das viele Wasser muss ihre Sinne komplett vernebelt haben und ihren Ohren immer noch betäuben. Von unseren mittlerweile legendären Schallattacken will sie nichts gehört haben. Ich bin erbost. Wir hatten uns die größte Mühe gegeben. Der bislang größte Coup der Konstrukteure Dortmund blieb bei der Almsick unbemerkt, unerhört!

Was ist eigentlich, frage ich mich, aus den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, den Forschungen der Polizei geworden. Da haben sie uns schon aus der Schusslinie genommen und ein Hausmeister vorgeschickt und nichts passiert, einfach nichts, denke ich. Vollmundig hatte der Patron ein Treffen mit den Fans der Borussia in Erwägung gezogen, mehr als wir uns mit unserer Aktion jemals versprochen hatten, aber lange lange lange schon war die Geschichte aus den Medien verschwunden. Auf der Bank sitzend zücke ich meine Block, von Diktiergeräten oder Smartphones habe ich noch nie etwas gehalten, Redermann, der alte Technikfeind, hatte dafür stets einen Spruch parat, an den ich mich gerade nicht erinnere. Mal fragen, notiere ich mir und wende mich dann meinen eigentlichen Aufzeichnungen zu. Aufzeichnungen gegen die Müdigkeit, Anweisungen für die Zukunft der Konstrukteure. Eins ist klar, der Patron darf jetzt nicht ungeschoren davon kommen. Wir hatten ihn an der Wand und mit zwei Worten, denn mehr waren es sicher nicht, aus seinem Urlaubsdomizil  hatte er sich aus der Schusslinie genommen. Niemand will nachfassen, notiere ich mir und ergänze, mal Piotr anhauen, ob wir nicht eine Divison aus dem Süden einsetzen können, um dem Fall neuen Schwung zu verleihen.

Die Worte der Almsick verstören mich immer mehr. Wieso dürfen sich Schwimmer überhaupt über andere Dinge als Neoprenanzüge äußern, ärgere ich mich. Ich beschließe der Sache mit „Der Samstag!“ auf den Grund zu gehen. Sobald Amok sich aus seinem Hiatus zurückmeldet, werden wir ihn in Richtung Süden verfrachten. Ich rufe Redermann an. „Wir müssen Hoppgate wieder auf die Landkarte bringen“, erkläre ich ihm und der ehemalige Soulvanbesitzer wiegelt ab: „Da geht schon noch was. Vertraue den Behörden.“ „Du hast nie in einer Behörde gearbeitet, Du hast noch nie mit der Liga in Verhandlung gestanden und scheinbar hast Du keine Ahnung, wie die Medien funktionieren.“ Ich werde sauer und schmeisse das Telefon in den Wald. Sollen sie es doch kalken, die Gespräche sind ohnehin sinnentleert, denke ich und steige vom Hügel hinab. Die Müdigkeit ist noch da, doch langsam mischt sich eine angenehme Wut ein.

hoppenheim ist nicht vergessen, franzi