Erst meldet sich Piotr monatelang nicht, dann kommt er mit einem seiner besten und perfidesten Pläne um die Ecke. „Was hältst Du von der Idee einer separaten Beschallungsanlage in Sinsheim, Dembowski?“ fragt er mich am Freitag am Telefon. Was soll ich antworten? „Äh ja! Was soll das bezwecken? Die TU, die alten Hauer, bringen doch ihr eigenes Megafon mit. Da braucht es doch keine separate Beschallung? Überhaupt, Piotr, wie läuft es im Unterwasseraquarium?“ „Das, Dembowski, ist nicht die Frage. Es geht um meinen Plan. Mit privaten Dingen können wir uns gerne auch mal beschäftigen, aber nicht heute. Die Konstrukteure sind gefragt. Wir nennen es ‚Plan, um Hoffenheim an den Karren zu pissen!“ „Spannend, Piotr, spannend und wirklich einfallsreich. ‚Plan, um Hoffenheim an den Karren zu pissen‘ hört sich mal so richtig übel an.“ „Sei ruhig, Dembowski und check Deine Mails. Alle weiteren Anweisungen sind im Internen Netz zu finden.“

Was machen? Hopp an den Karren pissen, ja, das klingt verlockend, aber seit der Sache mit dem Schweizer vertraue ich Piotr nur noch bedingt, am Ende aber sind es Piotr und Tomasz, die das Leitmotiv immer in Ehren halten und unsere Vergangenheit zu der Zukunft anderer Menschen machen. Nach kurzer Rücksprache mit Redermann entschließe ich mich meine Mails zumindest mal zu checken. Gleich die erste Mail ist ein Treffer.

Plan, um Hoffenheim an den Karren zu pissen

Problemstellung: Schmähgesänge sind genug. Schmähgesänge sind langweilig. Schmähgesänge sind überaltert. Schmähgesänge lösen keine Probleme. Wir können nicht auf die Borussia-Fans einwirken. Nicht einmal Übungsleiter K kann das. Der Frust muss raus. Doch wir müssen die Geschichte auf eine neue Ebene heben.

Ansatz: Das Bundesligaspiel der TSG 1899 Hoffenheim gegen Borussia Dortmund am 13.08.2011. Mit Tönen gegen Schmähungen. 

Ausführung: Im Luftfahrtmuseum steht eine Beschallungsanlage zur Abholung bereit. Ab Freitag, 12.08.2011 um 20.15 Uhr. Transport durch Konstrukteure. Installation im Stadion in der Nacht. Standort: Unter dem Werbespanner direkt unter dem Gästeblock.

Ausführende: Unter der Leitung von Dembowski. Die Konstrukteure stellen fünf Ordner und zwei Bewacher zur Verfügung. Sie sind bereits eingewiesen. Bei Schmähungen löst Dembowski das Signal aus. 

Nachgang: Im Anschluß an das Spiel werten die Konstrukteure die Videoaufzeichungen aus. Der Rest erledigt sich von allein 

So richtig kann ich mir da nichts drunter vorstellen, doch konnte ich bislang bereits ganz andere Dinge stemmen und am Ende des Tages sollte ich der Ausführende eines durchaus wohl gemeint klingenden Plans sein. Wieso also nicht? Die Fans würden den Rest übernehmen. Da war ich mir sicher. Sie würden erst schmähen und sich dann über die Misstöne im Stadion aufregen. Amok, Redermann und ich also gleich in den Bus, Richtung Luftfahrtmuseum. Dort angekommen treffen wir einen Verbindungsmann, der uns über die Hintertür reinlässt. Die Anlage sieht ehrlich gesagt ein wenig überaltert aus, wir beschliessen am Samstag noch vor Öffnung der Stadiontore einen Test durchzuführen. Ich denke an Piotrs Worte. „Ihr müsst über den Gästezugang rein, dann über die Mauer, mit einer Winde. Am Samstag selbst wird das kein Problem sein, wir haben die Ordner in unserer Hand. Es ist immer gut, Informationen zu sammeln. Es zahlt sich wieder aus. Datenbeschaffung. Tomasz. Du weißt schon!“

Ich weiß nicht, und mich erinnert das alles ein wenig an die Mauer 2000, die Honecker damals noch plante, die dann aber nicht zum Einsatz kam. Mich erinnert das an den Sonar Fence der „Anderen“ aus Lost, die sich so gegen die Eindringlinge zur Wehr setzen wollten. Zwei gescheiterte Ideen, es klingt grandios. Denn diese Idee soll ebenso scheitern. Es ist der Plan, um Hoffenheim an den Karren zu pissen. So langsam bereitet mir der Gedanke die allergrößte Freude. Ein perfider Plan, sage ich zu Amok, der mich nur anschaut und fragt, ob er wohl ein paar Jäger mit ins Stadion schmuggeln könne. Das hätte doch was, merkt er an. Als ich ihn darauf hinweise, dass wir morgen ausnahmsweise ohne Jäger auskommen müssen, verdunkelt sich seine Miene. Redermann erzählt derweilen von einer BBC-Doku, die er mal gesehen hat. The Pistol Shrimp Sonic Weapon. Das, so Redermann, sei eine offensichtliche Kopie. Er lässt sich ausführlich über die Wunder der Natur aus und wie wir Menschen uns diese immer wieder zu eigen machen.

Nicht hinhören, Dembowski, denke ich. Höre einfach nicht hin, Redermann bringt Dich auf abwegige Gedanken und Amok um den Verstand. Beides kannst Du nicht gebrauchen. Das geht schief. Es ist ein verdammter harter Job, die Anlage wiegt. Sie hat ein paar Jahre auf dem Buckel. Zum Glück habe ich an Pils und Ernte gedacht. Alle paar Minuten machen wir Pause. Am Stadiontor angekommen, öffnet sich der Gästeblock wie durch Geisterhand. Wir hieven die Anlage rein. Jetzt muss es irgendwie nach unten gehen. Doch auch hier hat Piotr glänzende Vorarbeit geleistet. Innerhalb weniger Minuten haben wir die Anlage an der Winde befestigt. Langsam landet sie an ihrem Platz. Und schon wenige Sekunden später spannt sich ein Werbebanner über die Anlage. Wir machen es uns mit ein paar Bieren auf der Bank gemütlich. Zur Feier des Tages raucht sogar Redermann ein paar Ernte mit.

Samstag nimmt alles seinen Lauf. Ich stehe im Block, stimme die Lieder an und drücke dann auf den Knopf. Wäre doch gelacht, wenn sich daraus nix machen lässt.

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