„Martin wird bald Freigänger“, erklärte mir Sybille als wir die Stadtgrenzen längst hinter uns gelassen hatten. Das schien ne große Nummer für sie zu sein. Für mich nicht. Ich würde Sybille verlieren, an Martin, den Freigänger, von dem ich bis eben gerade noch nie etwas gehört hatte. Dass ich sie bereits verloren hatte, wurde mir alsbald klar. Bis Eberswalde hatte sie das komplette Leben von Martin vor mir ausgebreitet. Sie hatte mir erklärt, wann und wo sie Martin das erste Mal geküsste hatte und wie sie sich immer näher gekommen waren. 

Sie hatte mir die Sexualpraktiken ausgebreitet und war dann in einen Klagegesang über die ungerechte Welt verfallen. Diese hatte Martin verschluckt, hatte ihn immer tiefer in den Abgrund und eines Tages auch aus dem Verkehr gezogen. Was genau passiert war, darüber erzählte Sybille nichts. Es war auch egal, bald würde er Freigänger sein und ich nur noch eine Erinnerung.

Also doch wieder Fußball, Fußball, Fußball. In Eberswalde sprang ich aus dem Zug, das Kloster Chorin würde Sybille sich alleine anschauen können. Ich schaltete mein Telefon aus, sprang in den nächstbesten Zug und fand mich schon bald am alten Schiffshebewerk in Niederfinow wieder. Über meinen Walkman hörte ich eine alte Kassette. Die hatte ich vor ein paar Wochen in einem Karton gefunden. Sugar mit Copper Blue. Und sie sagte, und sie sagte: Das ist eine gute Idee. Und aus dem Feldweg wurde eine Straße und die schlängelte sich an einem alten Wasserwerk vorbei. 

Über den alten Oderarm führte eine Brücke rüber nach Braalitz und von dort in den Wald hinein. Schlaglöcher, Sandstraße. Eine gute Idee. Warum nicht. Hohenwutzen. Stunden später. Der Autoverkehr aus Polen. Hier tankt man noch billig. Die Zigaretten in Fell gehüllt. Zurück in Polen. Wo war Piotr? Ist das eine gute Idee? Was ist überhaupt passiert? In den letzten Jahren. Woher kommen wir, und wessen Zukunft ist wessen Vergangenheit? Und wieso erinnerte ich mich nicht mehr an den Morski Oko? Was war mit Dörte passiert? Sie war wieder da und ich zurück in Polen. Für wie lange? Ein paar Minuten. Ich hielt es auf dem Markt nicht aus, verzollte meine 20 Stangen Kippen bei einem überrascht freundlichen Beamten, der mich noch auf der Brücke auf meine schwere Last ansprach. „Ach Dörte“, hatte ich gesagt und er nur auf meine Kippen gezeigt.

Handy wieder an. Zurück nach Niederfinow. Die einsetzende Dämmerung der SMS-Nachrichten. Sybille, erst nach meinem Verbleib fragend, bald aber schon von Martin erzählend. Sie war durch. Meine Gedanken. Bei Dörte. Und Tomasz mit seinem Boot. Lukasz II. Nach König Piszczek benannt. Der Spieler der Saison. Im Samstag! Immer noch nicht richtig gewürdigt. Die Leere der Sommerpause. Die Entscheidung zurück ins Unterwasseraquarium zu gehen. Für lange Zeit. Keine Menschen sehen. Nur der Ermittler und Enon Discon. Hämmerte jetzt auch über die Kassette. 

Copper Blue lag längst in der Oder. Warum schmeißt Du mich nicht ins Wasser? Das ist eine gute Idee. Der Blick auf die Schneise im Wald. Das neue Schiffshebewerk. Die Störche auf den Dächern der Treidelwegdörfer. Konnten entfliehen. Und kamen zurück. Das Unterwasseraquarium. Die Zukunft lag in der Vergangenheit. Und immer wieder Fußball! Fußball! Fußball! Bestimmte den Herzschlag. Nicht nur meinen. War größer als Himbeereis und Sahnetorte. Größer als der Führerschein. Was er nur aus den Menschen machte. Wie tief er ihre Seele berührte. Sie nackt auf dem Spielfeld tanzen ließ. Die Liebe trug die Menschen über Zäune. Die Liebe machte sie krank. Und wenn sie morgens aufwachte, mussten sie sich sehen. Entstellt. Vor Freude. Es gab auf der ganzen Welt keine größere Liebe. Ich rief Straus an und erzählte ihm von meinem Spaziergang.
fußball ist größer als sahnetorte, wie straus zu seinem text kam