Die Ehre des Ermittlers, dachte ich höhnisch, steht sicher nicht auf dem Spiel. Ich hatte den ganze Morgen im Bett verbracht. Über Ehre, über Wahrnehmung, über Sterne und Deutungen nachgedacht. Über die letzten Monate vielleicht auch. Sie hatten mich mitgenommen. Up and down! Immer mehr down als up. Talfahrt ins Glück. Ohne Hüttengaudi am Ende der Abfahrt. Wie mich die Lage der Dinge anwiderte.
Gefangen in meinem Stolz. Verfangen im Kreislauf aus Aufstehen, Rausgehen, Hinsehen. Nicht wegsehen. Können. Spazieren. Über die Stadt blicken. In der Stadt versumpfen. Mal hier. Mal da. Oldie Eck. Komaroff. Finger. Kreuzberg. Koordinaten. Eines Bescheidenen. Leben. Immer. Nur ein. Gedanke. Dörte. Up and down. Mehr down als up. Talfahrt. Kein Glück. Abgrund. Eine Beobachtung. Am Westhafen.
Genug von der Welt, genug von dieser Stadt, in der es nur noch um Sport und Trinksport ging. Ich war in den Sog der Großstadt geraten. Wenn es mir auch zwischenzeitlich aufgefallen war, so hatte ich nicht rechtzeitig gegengesteuert. Ein Spaziergang gleicht noch lange nichts aus.
Ein Spaziergang konnte mich nicht retten. Hatte ich mir nicht noch in der letzten Woche geschworen, dass ich mich befreien würde. Unbemerkt wieder mitten drin. Unbemerkt wieder im DerSamstag!-Kommentar-Modus. Die Ehre des Ermittlers lag auf einem Feld in der Uckermark begraben. Ich sollte sie mal ausgraben fahren. Verschwinden. Für ein paar Wochen. Ruhig bleiben. Den Lauf der Borussia aus der Ferne betrachten.
Aber was würde passieren? Wer würde die Bayern unter Druck setzen? Wer würde mit dem Finger auf die Anderen zeigen? Wer würde diesen miesen Job für den Verein übernehmen? It’s a dirty job and Dembowski’s gotta do it. Es war einfach keine Option. Das Double hing nicht an mir. Doch die Unruhe im Umfeld anderer Vereine schon.
Mittlerweile war ich aufgestanden, saß am Küchentisch, schaute aus dem Fenster in Richtung Tegel. Die Flugzeuge starteten marginal nach Süden verschoben. Erst kurz bevor sie im Winterhimmel verschwanden, sah ich ihre Lichter. Dann schob sich ihre Schnauze übers Haus weg, wendete sich anderen Ländern zu. Über den Wolken wird die Freiheit nicht anders sein. Beengt in der Maschine. Nichts mehr zu sagen, aber eine Zigarette in der Hand. Der Ermittler. Frei, vielleicht. Aber ohne Wert.
„Du wirst immer nur der Typ bleiben“, hatte neulich jemand zu mir gesagt, ohne „Typ“ genauer zu beschreiben. Dann bleibe ich eben der Typ, aber immerhin bleib ich etwas. Sollten sie sich in ihrer Selbstzufriedenheit suhlen, sollten sie sich für das Leben entscheiden. Sie wuchsen auf, ließen sich vor die Maschine spannen, ordneten sich unter, verteidigten das Recht des Stärkeren, verloren ihre Menschlichkeit und wurden zu gleichgeschalteten Hüllen.
In ihrem ausgeprägten Individualismus, in ihrem einzigartigen Humor, in ihrer Kleidung, in ihrer gesamten Geisteshaltung spiegelten sich die Abgründe der Gesellschaft. Sie informierten sich in ARD-Primetime-Dokus über das Unrecht und trugen stolz ihre Kleidung „made in China“. Sie waren der Schlüssel zur Unterdrückung. Sie waren die Informierten. Sie waren die Entrüsteten.
In ihnen hatte der Funken des eigentlichen Widerstands nie gezündet. Sie fügten sich. Und brachten als Entschuldigung für ihr Fügen ihre Entrüstung und ihre Informiertheit an. Sie wählten die Piraten. Sie hatten dereinst Grün oder Liberal gewählt. Aber auch Merkel war ganz ok, denn „hey, die Wirtschaft brummt“ und „jeder kann alles schaffen“.
Menschen in Kneipen hingegen sind irgendwie schon ok, dachte ich. Niemand erhebt sich. Niemand erhöht sich. Sicher auch der Grund, warum es mich immer wieder in die Kneipen zog. Ich war Teil der Menschen in den Kneipen. Alles was ich will, ist nichts mit Euch zu tun haben, hatte DvL vor langer Zeit gesungen, sich dann aber für „Euch“ entschieden. In mir kochte die Wut hoch.
Sie sitzen da und schauen ARD-Primetime-Dokus, dachte ich am Küchentisch sitzend. Sie sitzen da und schauen ARD-Primetime-Dokus und befreien sich damit von allen Sünden. Sie teilen Videos und entrüsten sich. Sie lassen Minister über die Klinge springen und entwickeln daraus Geschäftsmodelle. Alles was sie tun, alles was sie sind, strebt in Richtung Geld. Haben sie einmal Geld, klagen sie über das beschwerliche, entbehrungsreiche Leben. Haben sie einmal Geld, sagen sie „Geld allein macht auch nicht glücklich“ und scheffeln weiter Kohle.
Es fiel mir schwer, meine Wut auf ein Normalmaß zu reduzieren. Eventuell ist das auch ganz okay, eventuell wollen sie eigentlich auch nur an einem Bach sitzen und Staudämme bauen. Eventuell wollen sie auch nur schauen, welchen Weg das Wasser nimmt, wenn man Staudämme baut. Eventuell wollten sie auch nur dem Plätschern, dann dem leisen Grollen des Wassers lauschen. Eventuell? Mein Arsch! Sie wollten zerstören, sie wollten ihr Gewissen freikaufen. Und wenn man sie kritisierte, blieb man eben für immer der Typ.
Der Typ mit Ehre! Der Ermittler! Und in meinem Auftrag war ich unterwegs. Keine Rechenschaft ablegen! Raus hier. Schnell raus hier,dachte ich, bevor es mit mir passiert. Ich rief Redermann an. Und klagte und klagte. Erzählte ihm, was mir auf dem Herzen lag.
„Boah, Dembowski! Was fährst Du für einen Film?“
„Den Film meines Lebens“
„Klingt übel genug. Komm mal nach Dortmund. Ist ja auch Spiel am Samstag. Und die Wirtin erzählte mir neulich, was für Samstag alles in der Kneipe geplant ist. Hört sich sehr gut an. Wentraud lief mir erst vor ein paar Tagen über den Weg, die Trinkhalle ist ja zu, und sie wollte wohl auch mal in der Kneipe vorbeischauen. Komm mal runter, das ist ja nicht mehr auszuhalten. Selbstverherrlichende Weinerlichkeit. Eine seltsame Kombination, die Du da ausgegraben hast. Wie wär es mit The Roots. Lighthouse. Klingt das gut? Das klingt gut. Dembowski, setz Dich in den Zug und geh mal wieder ins Stadion. Komm mal runter, und auf andere Gedanken! Deine Gedanken sind Brei. Jeder kann sie erraten.“
Und so entschied ich mich am Küchentisch sitzend für Bratwurst, Bier, Borussia. Redermann hatte in allen Punkten Recht. Redermann war ein verdammt weiser Typ. Würde sicher für immer der Typ bleiben.
für immer typ

Ein Gedanke zu „für immer typ

  • Februar 11, 2012 um 5:50 pm
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    As long as there is an "Ehre", Dembo is on his job!

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