Hätte alles so gut sein können. Hätte hätte hätte. Die Wirtin schrie aus dem Hintergrund ihr „Fahrradkette“, anders kenne ich sie nicht. Redermann hatte sich übers Wochenende ins Rheinland abgesetzt, Amok noch nicht wieder da, Lothar wurde immer mysteriöser, Piotr und Tomasz waren im Unterwasseraquarium abgetaucht und der Auersberger hinter seinen Monitoren verschwunden. Wie sagt man da? Sturmfrei! Konstrukteursfrei. Also: Bratwurst, Bier, Borussia. Und vorher Hafenspaziergang.

Eine der schönsten Gegenden der Welt lud also zum Spaziergang ein. Da durfte der Ermittler nicht fehlen. Mittlerweile war ich dort zu einer Konstante geworden. Ich setzte mich in den Blücherpark und empfing die Bewohner an einem Tisch. Sie trugen mir ihre Sorgen vor und ich verstand und nickte mit dem Kopf. Manche klagten über die konstant zugewucherten Parkanlagen am Kanalufer. Ich erklärte ihnen, dass es sich hierbei um die sogenannte Uferbewachsung handele. Sie verstanden und marschierten glücklich weiter und wenn es andere Sorgen waren, und die Menschen in der Nordstadt tragen schwer an diesen anderen Sorgen, so versprach ich Besserung. Manchmal, das war mir klar, waren das Lügen. Doch kann man den Menschen nicht auf Dauer nur mit Lügen, die Hoffnung schaffen und deren Inhalt nicht ausgemalt, sondern in einer normalen Welt durchaus von Bestand wäre, am Leben halten. Ich würde, das wurde mir im Blücherpark sitzend schnell klar, niemals alle Probleme der Nordstadtbewohner auflösen können. Aber das war auch egal. Wir saßen da und redeten. Manchmal schaute jemand vorbei und erzählte mir von seiner Leidenschaft – dem Fußball und dem Ballspielverein. Dann fragten sie mich, ob sich alles wieder zum Guten wenden würde und ich antwortete: „Mein lieber Freund, manchmal schreitet man durch ein tiefes Tal und all der Spott und all die Häme, die sich über ein ganzes Jahr angesammelt und in Neid gewandelt hat, verwandelt sich zurück. Das musst Du dann ertragen. Du hast die Gewissheit der besten Saison aller Zeiten und Du musst vertrauen.“ Sie schauten mich dann ratlos an, denn sie hatten das Spiel gegen Hannover noch vor sich. Ich hatte es bereits hinter mir. Leider.

Davon habe ich noch nicht erzählt. Klar: Die Konstrukteure haben ihr Leitmotiv. Wir erinnern uns: „Unsere Vergangenheit ist Eure Zukunft ist unsere Gegenwart!“ Doch das Wochenende war frei, konstrukteursfrei! Und so muss ich natürlich erklären, warum ich Hannover bereits hinter mir hatte. Am Samstag wachte ich auf. Meine Träume waren noch verschwommen in Erinnerung. Da war ein Raumschiff, da waren zwei Frischlinge, Wildschweinfrischlinge. Sie hatten offene Köpfe und mit einem Spezialkleber saß ich da und klebte ihre Köpfe. Im Raumschiff schwebte ich über die Mutter Erde. Wir bekamen keine Landegenehmigung. Piotr ließ keine Zweifel aufkommen. Er war hier der Chef im Ring. Und ich würde nur landen, nachdem ich die Frischlinge versorgt und wieder in ihre Umlaufbahn geschossen hatte. Gute Argumente zählten nicht. Frischlinge, gerade die mit offenem Kopf, gehörten nicht in die Umlaufbahn geschossen, sondern in einen ordentlichen Wald. „Frischlinge brauchen Bäume, Fische das Wasser“, hatte ich versucht zu erklären, doch Piotr aus dem Unterwasseraquarium kommandierend, fand an der Erklärung nichts plausibel. „Durchaus“, so antwortete er mir „brauchen Fischer das Wasser, doch Frischlinge gehören in die Umlaufbahn. Punkt, Komma, Strich, das ändert sich nicht.“ Piotr war verloren. Oder ich war verloren. Ich versuchte es bei Nobby „Nobster“ G. Doch auch dort fand ich keine Antwort auf mein Problem. „Don’t bore us with your boar stories. Get moving. Fly towards Hannover. See what happened next.“ Und langsam bewegte sich das Schiff auf Hannover zu, wir gingen runter und es war Sonntag. Kurz nach 17 Uhr. Mit den Frischlingen, deren Köpfe immer noch nicht richtig verklebt waren, starrte ich auf das Spielfeld. Irgendwas gefiel mir überhaupt nicht. Es waren die beiden Tore auf der falschen Seite, die verzweifelten Bewegungen der Schwatzgelben und das finale Jubeln der Roten. „Verlieren! Verlieren! 2-1! Wie immer!“, hörte ich eine verzögerte Stimme aus dem Off. Ich wachte auf.

Und so saß ich später im Blücherpark und musste die Freunde des Ballspielvereins auf die Niederlage vorbereiten. Wichtig war jetzt das Vertrauen. Sonst würde Reiser kommen und was von „Ballverlier Verein Borussia“ schreiben oder eben sogar noch kreativer handeln. „Die Meisterdeppen“ oder was auch immer. Mir war klar, jetzt würden wir bereits im Vorfeld gegensteuern müssen und eigentlich  nur das verhagelte mir ein wenig die Laune. Der Sonntag hingegen war ausnehmend nett. Ich wartete auf die Wahlergebnisse in Berlin und war erstaunt über den stillen Jubel in der FDP-Parteizentrale. Dann aber sah ich die Partei. Ich notierte nur schnell: „Was hat die Partei mit den Konstrukteuren zu tun?“. Würde ich Piotr bei Gelegenheit mal fragen, im Fernsehen starb Johannes Paul II zum wiederholten Male. Die Welt drehte sich noch und auch der Sache mit den Wildschweinen würde ich bei Gelegenheit mal nachgehen.

frischlinge mit offenen köpfen sehen niederlagen über hannover