Während ich über die Unionstraße und durch die Bahnbrücke zurück in den dunklen Teil der Stadt ging, überkam mich auf einmal Unbehagen. Was, wenn Amok doch Recht hatte und etwas mit Tortenmesser und Frank passiert war? Was, wenn meine Pläne binnen Sekunden wie ein den Sprengmeistern ausgesetzter Hochofen zucken und zusammenbrechen? Weil ein verdammter Praktikantenpraktikant, und allein der Begriff ging mir unweigerlich gegen den Strich, nicht auf sich und auch nicht auf ein Tortenmesser aufpassen konnte. Weil die Probleme immer an Orten entstehen, die im ersten Moment unbedenklich erscheinen. Amok dürfte noch auf den Treppen sitzen, er würde sich so schnell nicht aus dem Staub machen, dachte ich, dafür war seine Schuld mittlerweile zu groß, die Last zu schwer, um sie mit einem beherzten Sprung in die S-Bahn Richtung östliche Vorstadt abzulegen.

Ich drehte um, durch den Westpark. Die Kiffer kifften, die Dealer dealten und der große Rest grillte, spielte Ballspiele, tanzte auf der Tanzfläche und saß auf den Bänken, um sich den sonntäglichen Familienbesuch zu sparen. Ich nahm den Hauptweg und überlegte, wie wir an Frank drankommen könnten. Sein Handy war aus, so viel hatte ich in Erfahrung bringen könnten. Eine Ortung an einem Sonntag? Dafür war ich nicht geschaffen. Nicht heute, nach der Nacht mit Redermann und nicht ohne Schulze, der mit Sicherheit immer noch auf seiner Bolmkerunde war und verzweifelt seine Ruhe suchte, die er, das war mir klar, nicht finden würde. Schulze war ein Getriebener. Alle dort waren getrieben, ich war damals dermaßen getrieben gewesen, dass ich ein paar entscheidende Feher zu viel gemacht habe, die mich jedoch erst in meine heutige Position versetzt haben. Jetzt war ich Sonntags nicht mehr auf der Flucht vor dem Alltag, sondern jetzt war Sonntag einfach Alltag. Wenn Amok Probleme hatte, war es meine verdammte Pflicht, diese Probleme aufzulösen. Amoks Probleme, nicht seine privaten Probleme, von denen er sicher reichlich hatte, aber wer hat sie nicht?, waren auch meine Probleme. Sie betrafen mich direkt.

Ich schloß mich mit Redermann kurz und bestellte ihn zur Brücke. Seine Laune war dürftig, seine Reaktion spärlich. Die Nacht hatte er mit einer dieser wursthaarigen Nachgeborenen verbracht, aber auch das konnte seine Laune nicht entscheidend verbessern. Er hatte bereits am Telefon über Wursthaare, überall Wursthaare geklagt, doch ich hatte ihn gewarnt und er hatte nicht hören wollen. Insofern war dies, anders als Amoks echten Probleme, nicht mein Problem und das gab ich Redermann dann auch zu verstehen. Dein privater Kram, sagte ich zu ihm, ist dein privater Kram, aber wenn ich rufe, ergänzte ich, musst du kommen. Das sind die Regeln der Konstrukteure und es ging uns wahrlich nicht schlecht. Ich würde mich dran halten, solange diese Regeln für uns noch Bestand hatten. Und um deren Fortbestand ging es hier letztendlich.

Amok saß immer noch da, ich drückte ihm ein Brinker in die Hand und schwieg. Rund 30 Minuten hatte sich auch Redermann zu uns geschleppt. Wir planten und diskutierten. Simone, das war uns klar, hatte mit der Sache – wie auch Liliane – nichts zu tun. Amok schaute immer noch bedröppelt, doch langsam kam sein Geist wieder. Und mit dem Geist auch ein paar Informationen. So erfuhren wir, dass Frank mit der Bahn Richtung Westen aufbrechen wollte. Er hatte scheinbar etwas von einem Termin in Oberhausen erzählt. Wir waren der Sache also auf der Spur und es hatte sich wieder einmal rausgestellt, dass Amok eigentlich erst ab 4 Brinker funktionierte. Die hat er doch noch drin, hatte ich vorher gedacht, aber die hatte er eben nicht noch drin, sie mussten erst wieder rein und als sie einmal drin waren, fluppte es sofort. Ich rief bei Ritchie an, der wiederum rief bei irgendwem an und innerhalb weniger Minuten war der Fall gelöst. Ritchie meldete sich. Frank, so erklärte er, sei in Gladbach von einigen Fohlen aufgegriffen worden und erst einmal hin. Aber wer sich wahllos und mit Fankleidung in Feindesland begibt, der hatte es auch nicht anders verdient, fügte Ritchie nicht ohne Grund hinzu. Er versprach mir trotzdem sich um die weitere Abwicklung zu kümmern. Frank sei nichts passiert, außer dem Verlust seiner Brille und einiger Zähne sei er wohlauf und von einem Messer wisse man dort ohnehin nichts. Das also galt es noch aufzuklären. Aber das Tortenmesser, da waren wir 3 uns sicher, würde sich noch finden. Wahrscheinlich auf der Geburtstagsfeier, in der Tasche von Simone, wie Amok anmerkte. „Hast Du schon einmal in eine Frauenhandtasche geschaut? Zewcklos.“ Und so war es dann auch. Das Tortenmesser wieder da und Frank irgendwie auch. Wieder einmal hatten wir die Konstrukteuere gerettet.

frank und das tortenmesser gehen getrennte wege