Entweder Sanatorium oder Oderbruch, Berg hatte keine Wahl. Dembowski gehörte aus dem Verkehr gezogen. 


Frank Berg machte sich Sorgen. Lange schon hatte er von Dembowski nichts mehr gehört. Er hatte die immer seltsameren Kommentare in DerSamstag! verfolgt, er hatte die zunehmende Verzweiflung des Ermittlers registriert, er hatte natürlich auch die Wirren der letzten Wochen verfolgt. Von spanischen Verhältnissen gelesen, von Steuersünden gehört (aber das wusste er bereits seit langer Zeit), die Wechselspiele jugendlicher Millionäre mit einem Schulterzucken quittiert und sich jedoch an den wunderbaren Darbietungen der Borussia erfreut (denn im Herzen war er auch Borusse, obwohl er ihnen nicht alles durchgehen lassen wollte und er eben auch einen Job machen musste).

Frank Berg aber verzweifelte zunehmend, er machte sich Sorgen um Dembowski und dessen voranschreitende Verwahrlosung. Seine neue Frisur und seine frische Rasur war längst einem veritablen Bart und verfetteten Haaren gewichen. Frank Berg hatte ein paar seiner Kollegen gebrieft. Den Ermittler überwachen. Schauen, ob er sich immer weiter von seinem eigentlichen Auftrag entfernte. Es war kein sonderlich schwerer Job für Bergs Kollegen. Mal sahen sie Dembowski mit irrem Blick aus seinem Wohnblock treten, mal in sein Telefon schreien. Mal traf er sich mit den Konstrukteuren, von denen Berg nur erahnen konnte, wozu sie wirklich in der Lage waren. Doch meist saß der Ermittler in einem Biergarten an der Bornholmer Straße und hackte wild in seinen Computern. Er war im Wahn und er hatte seinen Auftrag vergessen.

An manchen Tagen übernahm Berg die Überwachung. Direkt vor dem Biergarten hatte er sich in einem Campingvan eingemietet und beobachtete Dembowski. „Lewandowski, Götze, Hoeneß. Ich kann das alles nicht mehr hören. Lasst mich in Ruhe!“, brüllte der Ermittler einmal in sein Telefon, nur um nach wenigen Sekunden des Schweigens, und nachdem er seine Wut mit einem Bier runtergespült hatte, winselnd „OK, dann mach ich das so“ hinterherzuschieben. Bald hackte er wieder wie entgeistert auf seiner Tastatur rum und fluchte mal über die Sonne, später über die aufziehenden Wolken und über den Krach. Er fuhr sich hektisch durch die Haare, das Fett unter seinen Fingernägeln war längst zu einer festen schwarzen Masse geworden, kräuselte seine Bart, nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, rauchte hektisch, brüllte „das mach ich nicht mehr mit“ und „lasst mich doch mit diesem Scheiß in Ruhe“ ins Telefon, erkundigte sich weniger später wieder bei einer Agentur und wetterte „diese verdammte Drecksbagage, diese verdammten Idioten, sie sollen mit den Infos raus.“

Frank Berg machte sich Sorgen. Er überlegte, wie er Dembowski aus dieser Situation befreien konnte. Die Situation gefährdete nicht nur akut seinen eigenen Auftrag (und so langsam machten ihm die Leute in Düsseldorf Druck), so langsam war Dembowski in Gefahr. Den Verstand hatte er bereits verloren, jetzt ging es darum, wenigstens sein Leben zu retten. Nach außen wirkte er nicht gerade abgeklärt, und als Berg sich in den Computer einhackte, sah er die endlosen Twitter-Diskussionen, die hundert geöffneten Tabs, die angefangen Mails, die Berichte über Götze, Lewandowski, Hoeneß und die spanischen Verhältnisse. Es ging dem Ermittler schon lange nicht mehr um Fußball, nur noch um das, was in der Zwischenzeit passierte.

Er öffnete ein Dokument mit dem Namen „Lewandowski – Transfer, Infos, Gerüchte“ und las die dort abgelegte Korrespondenz mit dubiosen Informanten, las dort von möglichen Exit-Strategien und natürlich von potentiellen Nachfolgern. Er fand noch vieles mehr. Er fand eine komplette Auflistung des Dortmunder Kaders 2013/2014. Er fand die Kommunikation mit sämtlichen Agenturen. Er fand die verzweifelten Schlüsse, die Dembowski daraus zog. Er fand immer wieder Hinweise auf die Konstrukteure (und doch wusste Berg nicht, was er davon halten sollte). Er fand Fotos von Lamas. Er fand nie verschickte Briefe an Dörte, die mit „Aber wieso FC Bayern?“ endeten und er fand eine genaue Aufstellung in der Oder gefangener Fische. Er fand jedoch nichts zu Dembowskis Ermittlungen. Hatte Dembowski ihn hinters Licht geführt. War der „Unzulänglichkeit“-Ordner, war die Namensliste am Ende nur eine erfundene Liste? Hatte Dembowski am Ende vergessen wer ihm sein Bier, seine Miete, seine Existenz zahlte? Und was er dafür tun musste? (Berg befürchtete es)

„Das lass ich mir nicht bieten!“, schrie der Ermittler wieder in sein Telefon und legte mit „volle Breitseite auf Twitter nach! Den mach ich genau da platt. Der und seine Deutungshoheit. Den mach ich platt!“ nach. Dembowski war irre (geworden oder schon immer, fragte sich Berg) und musste aus dem Verkehr gezogen werden. Für ein paar Tage, Woche, so lange wie die Aufregung eben dauerte. So lange! (Bis er wieder zur Vernunft gekommen war, dachte Berg). Zurück auf Anfang. Zurück. Wohin er gehört. Eben gehört.

Frank Berg machte sich Sorgen. Und zog seine Schlüsse. Es war Samstag. Wieder einmal trat der Ermittler mit unzurechnungsfähigen Blick aus seinem Wohnblock aus der Wollankstraße. Berg hatte den ganzen Morgen im Friedhofskaffee gewartet. Berg wusste, wie er sich bewegen würde. Und Berg wollte nicht mehr mit ansehe, wie der Ermittler sich immer weiter ins Abseits, in die eigene Seltsamkeit manövrierte. Dembowski brauchte Ruhe (und von alleine würde er nicht drauf kommen, dachte Berg). Mit Dörte war alles abgesprochen. Und Berg wollte es erst gar nicht drauf ankommen lassen. Er sprang aus dem Wagen, der Motor lief. Er riss Dembowski um, zog ihn in den Wagen (und der wehrte sich nicht) und raste die Wollansktraße hoch, am Rathaus Center vorbei und weiter in Richtung Autobahn.

Erst kurz hinter Eberswalde fand Dembowski seine Sprache wieder. „Aber es ist Samstag. Borussia in Düsseldorf. Meine Insel.“ „Alles wird gut, Dembowski! Beruhig Dich. Du erholst Dich jetzt. Und danach reden wir weiter.“ Auf der Farm wartete Dörte, es war bewölkt, doch es kündigte sich kein unheilvolles, aber auch kein reinigendes Gewitter an. „Ich kümmer mich um ihn“, sagte Dörte. Sie umarmte Dembowski, der abwesend seinen Blick durch den Garten und hin zu den Stallungen wandern ließ. „Wo ist Koi?“, fragte er plötzlich und riss sich los. Der Ermittler rannte zum Gartenteich, kniete nieder und ließ seine Hände ins Wasser gleiten. Er spürte die Berührung und schloss seine Augen. Das Spiel in Düsseldorf war weit weg.

fortuna 1 bvb 2 – berg zieht dembowski aus dem verkehr