Aufwachen, schweißgebadet, ich drehe mich noch einmal und sehe die Salzflecken auf Kopfkissen, auf dem Laken, auf der Decke. Ein ruhiger langer Fluss, das alte Bild des Lebens. Von der Quelle zur Mündung, dort in der Brandung zerschellen. Ein paar Stromschnellen, durch die Flussauen, vorbei an vergnügten Sonntagsausflüglern, mit einer stets wechselnden Landschaft. Durch Städte und verlassene Landstriche, mal betoniert, mal naturbelassen. Da ändert sich nichts, denke ich, während ich aufwache und auf die Salzflecken schaue, meinen schweißgetränkten Körper in Schockstarre belasse.

Es war nichts passiert, ich war erst in Düren, dann in Herne und löste den Fall des verschwundenen Fußballfans souverän. Auch bei der Zusammenführung gab es keine nennenswerten Probleme, ich berichtete Koslowski von meinem Erfolg. Doch der war längst einen Schritt weiter, man habe ihn überraschend, so Koslowski, der wahrlich nicht begeistert klang, mit den EHEC-Fällen bekannt gemacht. Jetzt hieß es für ihn: Supermarkt, Supermarktlager, Supermarkt, Supermarktlager, Filialleiter, Lagerleiter. Jeder habe seine eigene Meinung, erläutere die Umstände unter denen solche Killer-Viren sich nahezu unbegrenzt unter der arglosen Bevölkerung verbreiten können und immer seien es, natürlich unter dem Deckmantel der Menschlichkeit, wie Koslowski betonte, ausschließlich wirtschaftliche Interesse, die selbst in einer Mittelstadt wie Dortmund eine Umkehrung des bereits unausweichlich dem Untergang geweihten Prozesses unmöglich machen. Ich musste die Reißleine ziehen. „Koslowski, glaubst Du den Quatsch? Glaubst Du wirklich an Deine Worte? Ist da noch irgendwo Sinn und Verstand?“ Koslowski stockte, wollte noch etwas sagen, doch ich hatte längst die Schnauze voll. Wollte ich mich wirklich wieder mit ihm versöhnen? Ich war mir plötzlich nicht mehr sicher.

Mittlerweile war ich wieder in der Nordstadt, am Nordmarkt besorgte ich mir erst einmal einen Kaffee, setzte mich in die Nachmittagssonne und beobachtete die Hartz4-Betäuber, die sich in ihren Gruppen zusammenrotteten. Wie gut, dachte ich, wie gut, dass ich Ermittler bin und drüber stehe, mich nicht betäuben muss. Ja manchmal schon, gestand ich mir ein, aber das sind naturgemäß nur Lebenserhaltungsmaßnahmen, die, so meine Gedanken, notwendig waren, um bei klarem Verstand wenigstens etwas Licht in das Dunkle der verlassenen Seite dieser Stadt zu bringen.

Du musst down mit ihnen sein, redete ich mir ein, du musst ihre Bewegungen kennen, um Teil ihrer Gedanken zu sein, um ihr kostbares Vertrauen zu gewinnen. Diese Menschen waren über die letzten Jahre meine Heimat geworden. Ich habe sie nahe, näher als fast alle Menschen zuvor, an mein Herz gelassen, dachte ich auf der Nordmarktbank sitzend, und sie zahlen es zurück. Ihr Schicksal ist auch mein Schicksal, ihre Sucht ist auch meine Sucht, erklärte ich mir und nahm noch einen Schluck aus dem Kaffeebecher. In den Stromschnellen ihrer Existenz fische ich, von ihrem Trübsal zehre ich, ihre zerschundenen Körper bedeuten mir meine eigene geistige Gesundheit, dachte ich und stand auf. Um die Ecke boten sie weiterhin ihre Körper an, sie brauchten ihren Schuss.

Sie lassen sich hier nicht vertreiben, notierte ich in mein Büchlein und lief in Richtung Hafen. Am Petroleumhafen ließ ich mich nieder und beobachtete die auf dem Wasser vorbeiziehenden Ölteppiche.

es sind nicht die killer-viren, es sind die menschen