Piotr lächelte immer noch während er mich in Richtung Hafen führte. Wir schlugen uns einige Meter an den Kaimauern entlang und bogen dann in Richtung Wald ab. Nach wenigen Metern baute sich ein altes Fort in meinem Blickfeld auf. Mit einem Nicken am Kassierer vorbei. Die paar Stufen hoch auf den Turm und dann durch eine Tür. Die Stufen hinab. Wieder elendig lange, verschlungene Gänge entlang, Piotr hing mir mit „wir sind gleich da“ im Ohr. Und dann endlich hörte ich aus weiter Ferne noch Alpo Myller tönen. „Immer noch Myller?“ „Was sonst? Wir sind die Konstrukteure!“ Ich musste Piotr zustimmen. Es gab Hymnen. Es gab von Organisationen genutzte Songs. Es gab dieses eine wahnsinnige Lied!

„Alpo Myller forever“, schrie ich in dem Moment, in dem Piotr eine weitere Stahltür aufschloss. Ich zuckte zusammen. Auf einmal war Myller direkt neben mir, stand auf einer kleinen Bühne, die direkt neben der Tür lag. Er hämmerte auf sein Keyboard ein, sonst war der Raum kahl. Von dort gingen zwei weitere Türen ab. „Wir mussten das Unterwasseraquarium ein wenig umgestalten, mein Lieber“, erklärte Piotr. Er deutete mit der Hand auf eine Couch, die an einer der kahlen Wände stand. Von der Decke flackerte kühles Neonlicht. Nicht gerade ein Paradies, dachte ich, aber zweckmäßig. „Schau Dir Alpo erst einmal an. Komm zu Dir. Du hast schlecht geträumt, Dembowski und Du weißt nicht, ob es überhaupt ein Traum war. Und genau das, Dembowski, ist Dein großes Problem. Du lebst in zwei Welten und wenn Du nicht da bist, bist Du eben hier und wenn Du nicht hier bist, Dembowski, dann bist Du in der Tat dort. Es wird ein großes Maß an Selbstvertrauen benötigen, ein großes Maß an Verständnis für das, was wir hier die neunte Ebene nennen, und die, das kann ich Dir bereits jetzt sagen, mein Lieber, für viele Menschen in dieser ach so schönen Welt ein Faß ohne Boden bleibt. Von dieser neunten Ebene, wie wir, die Konstrukteure, sie nennen, aber geht das gesamte und ja! auch das gesammelte Wissen der Menschheit aus. Dieses Wissen nutzen wir. Dieses Wissen, Dembowski, ist im Gegensatz zu all dem anderen unnützen Wissen…. Klar, Du denkst jetzt ans Internet und Du hast verdammt Recht!…. ein kostbares Gut. Erreichst Du diese Ebene, die letzte Ebene des Wissens, Dembowski. Überhaupt. Natürlich hast Du das bereits mit DerSamstag! bewiesen. Dich als Anwärter unverzichtbar gemacht. Erreichst Du also diese Ebene, Dembowski, ist alles gut. Die Vergangenheit, die Zukunft, die Gegenwart ist und war immer nur ein Punkt. Es gibt keine Vergangenheit, es gibt keine Zukunft, es gibt keine Gegenwart. Es gibt Leben! Es gibt Liebe! Es gibt Dich! Solange Du nicht glaubst, dass es Dich nicht gibt, nicht also Dich in der Form gibt, in der Du Dich sehen willst. Vielleicht also: Solange Du nicht glaubst, dass Du der Ermittler bist! Solange Du nicht glaubst, dass Du mit Dörte vereint wirst, hast Du ein Problem. Solange, Dembowski, denkst Du in den Kategorien Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Kategorien, die vielleicht für die Menschen da draußen gelten. Kategorien, die aber für die Konstrukteure nur notwendige Fassade sind. Wie Du siehst….“,

Piotr holte zum ersten Mal Luft, schloss eine der Türen auf. Ganz in der Ferne kannte ich das tiefe Blau der Ostsee, die sich hinter einer beeindruckenden Panoramawand erstreckte. Tomasz saß vor einem der zahlreichen Computer, hob nur kurz seine Hand zur Begrüßung, widmete sich dann wieder seiner Arbeit. Eine Arbeit, die mir im letzten Jahr bereits rätselhaft erschienen war. Überhaupt: War Piotr im letzten Jahr nicht noch Hotelier gewesen? Die Konstrukteure blieben ein Rätsel. Die bisherigen Worte Piotrs waren es ohnehin. Seine berühmte Monologe dachte ich noch, da führte er seine Belehrung fort:

„…sind wir umgezogen. Wir wollten näher dran sein. Hier direkt über uns liegt die Ostsee. Die alte Grenze zwischen Deutschland und Polen. Über uns, Dembowski, wird sich dieser Sommer entscheiden. Das soll aber erst einmal nicht Deine Sorge sein. Du schläfst jetzt. Du erholst Dich jetzt und Du wirst sehen, dass wir Dich da rausholen!“

Dabei, so dachte ich, hatte ich ein gutes Jahr gehabt. Jetzt aber wollten sich die Konstrukteure meiner erbarmen. Ich fiel in einen tiefen Schlaf.

es gibt keine vergangenheit, keine gegenwart, keine zukunft