Ist doch auch eigentlich nur Mist. Wer immer der Erfinder dieser sogenannten Sommerpause ist, tatsächlich konnte ich nicht einmal in den Konstrukteursunterlagen nur den geringsten Hinweis auf diese fatale Schieflage finden, sie haben sich damit sicher noch überhaupt nicht beschäftigt, müsste zumindest vor den Internationalen Gerichtshof. Angeklagt wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, äh Menschheit. Dieser Erfinder hat sich in diesem Sommer noch ein Extrahighlight ausgedacht. Die Frauen-WM.

Ich schaue mir die drögeste aller drögen Sportschau-Sendungen an. In einem menschenleeren Stadion kicken sich ein paar Frauen einen Ball zu, die Einspieler machen Hoffnung, dass bald alles wieder vorbei ist. Deutschland, Du brauchst keine Sommermärchen mehr, denke ich. Aber nun soll ich, so will es zumindest die Station, Teil dieses Sommermärchen werden. „Eine gute Übung, Dembowski“, schrieb mir Piotr. Und Reiser, der mir neulich abends bedeutete, dass es keinen Ausweg mehr gäbe, wir jetzt unweigerlich auf dem Schlachtfeld zusammentreffen würden, lacht sich sicher nicht nur klammheimlich ins Fäustchen. „Wir haben da einfach ein paar Redakteure erfunden. Den Quatsch tut sich doch niemand an“, hat er mir gesagt und mich in der Folge verhöhnt. Seine Rache. Was soll es schon, denke ich. Ich habe jetzt einen Ermittler anstelle des Ermittlers. Und wenn Redermann sich auszeichnen will, muss er durch die ganz harte Schule gehen.

„Redermann, Spielplan raus. Frauen-WM!“ rufe ich ihm durchs Telefon zu. „Und was habe ich damit zu tun“, erwidert er. „Alles mein lieber Redermann, alles. Wir ziehen das jetzt durch. Ich brauche Geschichten. Eine gute Übung. Für uns alle. Für den Ermittlernachwuchs und den Herausgebernachwuchs. Ruf doch mal bei Nico an, der hat sicher eine Meinung dazu. Frag ihn einfach, ob er die Frauen-WM tatsächlich schauen will, so wie er es Dir doch neulich noch steckte. Piotr meint, wir hätten da noch einen gut bei ihm.“ „Ok. Mach ich. Und das ist alles. Ich muss nicht zu den Spielen fahren, ich muss mir das nicht anschauen?“ „Schaust Du Paralympics? Merkste was?“ „Ich habe da eine Idee. Wieso soll ich Nico anrufen, wenn wir ohnehin noch einen gut bei ihm haben. Wehren wird er sich nicht.“ „Du bist der Ermittler, Redermann. Solange Du ablieferst, ist es egal, wie und was Du ermittelst. So werde ich es halten. Und Dir immer und zu jeder Zeit beratend zur Seite stehen. Hin und wieder werde ich auch ermitteln. Es ist meine Beruf, ja meine Berufung.“

Und dann lass ich Redermann mal machen. Er wird es schon schaffen. Ich mache mich auf den Weg zum Volksfest in eine der Nachbarstädte. Hier kochen sie für uns. Nur die besten Zutaten aus regionalem Anbau. Ehec war gestern, heute wird gegessen. Ehec, Schweingrippe, Vogelgrippe, noch ne Grippe, Gammelfleisch und verrückte Kühe. Was hat dieses Land in den letzten Jahren nicht schon für vernichtende Seuchen und Krankheitswellen überstanden, denke ich. Ein starkes Land lässt sich nicht schlagen, nicht von solchen natürlich stets den Tod bringenden Geißeln der westlichen Zivilisationen. Wie gut haben es da die Menschen in Afrika, denke ich für einen Moment. Ihre Sorgen sind echte Sorgen, sie müssen sich nicht mit den Lächerlichkeiten der hysterischen Boulevardpresse rumschlagen. Das kannst Du gar nicht wissen, Dembowski, denke ich und am Ende des Tages sind unsere Lächerlichkeiten nur eine Erleichterung im Gegensatz zu echten Bürgerkriegen und echten Seuchen und echten Sorgen. Wir schlagen uns mit unseren Ersatzseuchen rum und richten es uns in unserem eigenen Sorgen ein, um uns nicht mit den echten Problemen zu beschäftigen, denke ich. Wir schauen mit Verachtung auf die Schwachen und sehnen uns doch nur nach eigener Schwäche. Wir schauen mit Verstörung auf die Katastrophen und sehnen uns doch nur nach der nächsten Katastrophe, die uns von unseren Alltagsproblemen ablenkt. Wir schauen im Fernsehen immer nur auf die uns Unterlegenen hinab und werden von den Medien in unserer Sehnsucht nach Überlegenheit bedient, denke ich im Bus sitzend. Wir schauen auf die uns Unterlegenen hinab und stellen plötzlich fest, wie gut es uns doch geht und wenn wir dann die Unterlegenen sind, müssen wir uns Ersatzseuchen und Ersatzkatastrophen schaffen, um unsere eigene Unfähigkeiten den äußeren Umständen zuzuschreiben. Wir wollen für nichts Verantwortung übernehmen und berufen uns auf die Vorbestimmung, und wenn es uns schlecht geht, dann geht es nicht uns schlecht, sondern es ist das System, das uns in die ausweglose Situation hineingerissen hat.

Auf Volksfesten komme ich immer schlecht drauf, sie sind mein privates Fukushima. Sie sind die nächste Katastrophe, die mich von meinen Sorgen ablenkt. Ich stehe in einer Schlange an einem Cocktailstand. „Bist Du religiös?“ frage ich den Jungen mit dem Kreuz an der Kette. „Ja“ „Aha, daher das Kreuz“ „Ja, aber ich glaube jetzt nicht an Gott oder so“. Der Junge verschwindet wieder auf dem Volksfest. Was wird nur aus ihm werden, meinem kreuztragenden, religiösen aber nicht an Gott glaubenden Freund, frage ich mich und ordere gleich drei Cocktails. Dafür gibt es einen Sombrero. Das Ding steht mir ausnehmend gut. Das Telefon klingelt, Redermann. „Hör Dir das mal an. “Man schaut doch auch Paralympics – Menschen, die nicht ganz so große Leistungen bringen können, aber unter sich ist es trotzdem spannend.” Zitat: Nico Rosberg. Ich finde es großartig. Hab ich mir gerade ausgedacht. Das ist der Aufmacher“ „Redermann, das ist nicht nur großartig, das ist sogar perfekt! Machen!“ Ich setze mich mit meinen Cocktails an einen Tisch und schau den Schwangeren zu. Und noch einer und noch einer und noch einer und noch einer, denke ich. All die Menschen, die in die Welt gespuckt werden, nur um schon auf der Suche nach Ersatzkatastrophen zu scheitern. Endlich Frauen-WM! Endlich geht es los.

ersatzkatastrophen und andere seuchen