Noch einmal blickte Redermann aus dem Fenster der Erdgeschosswohnung. Er war jetzt schon ein paar Jahre hier. Seitdem Dembowski die Biege gemacht hatte, war er jetzt in diesem Loch in der Nordstadt gefangen. Vor dem Fenster drehten sie die nächste Reportage über die heruntergekommene Nordstadt, die in diesem Teil der Stadt jedoch das Gegenteil von „heruntergekommen“ war.

Er würde nicht in die Kneipe gehen. Die nervte ihn. Noch viel mehr in diesen Tagen, an denen sich der Reiser-Nachfolger dort in Stellung gebracht hatte. Lange hatte er überlegt, ob er Dembowski von diesem neuen Mann im Dortmunder Boulevard erzählen sollte. Doch der Ermittler war in Berlin mit ganz anderen Dingen beschäftigt, die er zusehends weniger verstand und insgeheim auch für vollkommen irrsinnig hielt.

Redermann zog es weiterhin ins Westfalenstadion und wenn im Westfalenstadion gerade nichts los war, zog es Redermann in die Rote Erde und wenn in der Roten Erde nichts los war, so organisierte er sich eine Tour mit dem Black Ticket und war in den 3.Liga-Stadien zu finden. Er liebte das Spiel und noch viel mehr, liebte er es, die jungen Talente der Dortmunder Borussia auf ihrem langen Weg an die Spitze zu verfolgen.

Manch einer würde es nicht schaffen und manch einer nahm den Umweg über Bochum, Duisburg, Saarbrücken. In diesen Karrierekämpfen sah Redermann mehr Wahrheit als in dem Millionengeschäft Bundesliga, das ihn hin und wieder richtiggehend ankotzte. Der Ermittler war da anders. Mit DerSamstag!, dachte Redermann, hatte Dembowski sich von der Wirklichkeit verabschiedet. Vielleicht war das gut so.

Aber anstelle der langwierigen Texte über potentielle Neuverpflichtungen, die allenthalben auf mildes Lächeln und Mitleid stießen, fand er die neue Ausrichtung nicht gerade gelungen. Viel lieber hätte er über die Polizei-Willkür vor dem Braunschweig-Spiel berichtet, doch darüber schwieg sich Dembowski aus.

Das muss wohl so sein, dachte Redermann. Er trat vor die Tür, blickte einmal in Richtung Kneipe und ging doch in die andere Richtung. An der Ausfahrt der OWIIIa schaute er über das Hafenbecken, spazierte über die Mallinckrodtstraße in Richtung Borsigplatz. Vor dem Big Boss dachte er an die Anfangszeit zurück. Als Aufbruchstimmung in der Luft lag, bevor es zu diesem kleineren Zerwürfnis kam, bevor Dembowski komplett dem Wahn verfallen war.

Was hätten wir jetzt nicht alles machen können, dachte er. Wen hätten wir jetzt nicht alles unter Druck setzen können, dachte er und betrat eine der Kneipen am Borsigplatz. Er trat an die Jukebox, wählte eine alte Folge der Rapberichterstatter, nahm einen Schluck Brinker und sah wie der Zeiger langsam die Mitternachtsmarke überschritt. Ein neues Jahr hatte begonnen.

ernst redermann