Abends traf ich Yavuz in der Kneipe. Manchmal saß er dort. Obwohl mich die Wirtin bereits vor einigen Jahren auf ihn aufmerksam gemacht hatte, kamen wir selten ins Gespräch. Er war nicht in meiner Welt, ich war nicht in seiner Welt. Das alles hatte nichts mit Sympathie zu tun. Diese empfanden wir füreinander, wie auch den größten Respekt. Unsere Lebenslinien hatten sich einfach nie wirklich gekreuzt. Auch in der Kneipe hätten sie sich am Abend nicht wirklich gekreuzt, doch nachdem Redermann mich aus Danzig angerufen hatte, wollte ich das Spiel nicht allein in der Erdgeschosswohnung verfolgen.

Überhaupt Redermann. Es war ein recht einfacher Auftrag. Wir hatten Piotr auf KMH aufmerksam gemacht. Ihre interessanten Vorträge und ihre Dialoge mit King Kahn sollten zumindest an einem Abend verstummen. Piotr hatte Redermann auf einen Flug gebucht. Vom Konstrukteur zum Saboteur, war das Motto seiner Fahrt. Meinem Partner gelang es dann auch recht schnell, das Sendezentrum außer Gefecht zu setzen. Die Methoden wollte ich nicht hinterfragen. Am Telefon hörte ich nur: „Ü-Wagen nicht mehr einsatzfähig, und ich hatte nicht einmal meine Finger im Spiel.“ Das genügte mir und so war ich auf in die Kneipe. Reiser würde mich verschonen, da war ich mir sicher. Ein Länderspiel in Polen hatte etwas. Das stand auf seinem Plan. Ruhe! Für einen Tag nur! Ruhe vor dem Stalker.

In der Kneipe also saß Yavuz, wie immer vertieft in den Wirtschaftsteil der FAZ. Yavuz hatte einen Hammerladen. Er verkaufte nichts anderes. Nur Hämmer: Bleihammer, Klauenhammer, Polstererhammer, Maurerhammer, Lufthammer, Bohrhammer und so weiter und so fort. In seinem Gesicht spiegelten sich die schlechten Nachrichten aus dem Wirtschaftsteil wider. Der abgerauschte Ü-Wagen interessierte mich nicht mehr. Yavuz hatte bei schlechten Wirtschaftsmeldungen immer ein Lächeln im Gesicht. Ich setzte mich zu ihm an den Tisch, orderte ein Bier bei der Wirtin und beobachte Yavuz. „Dembowski, ist was?“ „Ja“ „Was denn?“ „Wieso kannst Du Dir ein Lachen nicht verkneifen? Der DAX bricht ein, Du lachst!“ „Und?“ „Wieso, Yavuz, wieso?“ „Ich hab einen Hammerladen!“ „Und?“ „Und was?“ „Was hat Dein Hammerladen mit dem DAX zu tun?“ „Ich verkaufe Hämmer. Sind die Zeiten schlecht, ist das gut für mich, viele Dinge lösen sich, wenn es schlecht läuft. Die muss man wieder dranhämmern. So einfach ist das, Dembowski! Wie bei Deinen Ermittlungen. Geht es der Welt gut, geht es Dir schlecht, nicht wahr. Dir muss es gerade prächtig gehen.“ „Sei still, Yavuz!“ „Aber es stimmt. Du kannst die Wahrheit nicht ertragen, Herr Vorzeigeermittler!“ Ich konnte es Yavuz nicht einmal anlasten, aber seine Worte nahm ich nur noch durch einen Wutschleier war. Auf dem Bildschirm stimmten KMH und KK gerade auf das Länderspiel ein. Redermann hatte versagt. Sollte ich einen Hammer kaufen? Und welchen würde mir Yavuz empfehlen?

er verkauft hämmer, weil sich viele dinge lösen

3 Gedanken zu „er verkauft hämmer, weil sich viele dinge lösen

  • September 7, 2011 um 5:12 pm
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    Du hattest doch gestern erst Pizza!

  • September 7, 2011 um 4:00 pm
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    Selbst wenn Dembowski nicht so sternhagelvoll gewesen wäre, so hätte er den Schatten, der ihm in dieser Nacht folgen sollte, wohl nicht bemerkt. Gleich, nachdem der Ermittler die Kneipe verlassen hatte, setzte er sich in Bewegung, zielstrebig, ergebnisorientiert und unsichtbar.

    Dembowski war bereits einige hundert Meter weit getorkelt, als er für seinen Schatten gänzlich unerwartet mitten auf der Straße stehenblieb. Der geübte Verfolger verschwand in seinen schwarzen Mantel gehüllt von der Bildfläche und verschmolz gleichsam mit der schäbigen Wand der nicht minder schäbigen Häuserreihe, durch die beide eben noch gegangen waren.

    Der Grund für den überraschenden Zwischenstop des Ermittlers war nicht zu überhören. Dembowski mußte sich heftig übergeben. "Möhrenpizza" grummelte er dabei mehrfach: "Möhrenpizza".

    Sein Verfolger hielt die Gelegenheit für günstig und betrachtete einen Moment lang den silbrig schimmernden Gegenstand in seiner rechten Hand.

    Und genau in diesem Moment setzte sich Dembowski wieder in Bewegung, mit trippelnden, gleichsam tastenden Schritten dem entgegen, was er seine Wohnung nannte.

    Mit einer fließenden, raschen Bewegung lies der Schatten den Toaster in den schier endlosen Weiten seines Mantels verschwinden. Seine Stunde würde noch kommen. Überraschend, gnadenlos und präzise würde er Dembowski einen Toast machen. Aber nicht heute Nacht.

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