„Verdammte Scheiße! Kurwa masz. Kurwa!“, Tomasz war außer sich. Soeben hatte Kuba die letzte, nutzlose Chance liegen lassen, der Gastgeber war draußen und – soweit ich das durchblickte – die Konstrukteure pleite. Nicht nur ich hatte vor dem Turnier ein kleines Vermögen auf Polonia Dortmund gesetzt, die Konstrukteure waren gleich mit einem ganzen Vermögen eingestiegen. Piotr macht das schon, hatte Tomasz immer wieder zur Beschwichtigung wiederholt, aber da war einfach nichts zu machen.
Winowski, Tomasz und ich saßen im Aufenhaltsraum. Die erste Halbzeit flog an uns vorbei, als die Griechen den Treffer erzielten rieb sich Tomasz hämisch die Hände. „Es kommt, wie es kommen muss! Haha! Der Russe geht nach Hause, wir gewinnen die Gruppe, dann gegen Dänemark, dann weiter und immer weiter. Der Russe an sich ist ein Idiot!“ Winowski schwieg, in ihm brodelte es, er war Russe. So viel hatte ich bereits in Erfahrung bringen können. Der Treffer der Tschechen ließ Tomasz zusammenbrechen. Ihn hielt nichts mehr auf seinem Platz. Kurwa dies und Kurwa masz das. Meist war es der Trainer, manchmal war es Boenisch und gerne auch Piszczek Kurwa! Winowski schwieg. Er konnte den Bildern vom Russland-Spiel kaum noch folgen. „Das ist schlimmer als ne Stunde mit Dir und Deiner Dörte-Geschichte, Dembowski!“, raunte er mir zu. Mir war alles egal. Ich hatte ein wenig Kohle verloren, doch vernahm ich den süßen Duft der Freiheit, den ihre Verzweiflung versprühte. 
Jetzt oder nie. Jetzt oder nie mehr. Grönemeyer wird mein Begleiter sein. Ich schnappte mir das Gewehr, schrie „Kurwa! Bewegt Euch nicht. Tomasz schmeiß den Schlüssel rüber! Tschüss. Ihr Versager!“. Ich öffnete die Tür des Vorraums und fing an zu rennen. So schnell ich nur konnte. 

EM – Tag 9
Konferenz – Laptop, TV
Russland vs Griechenland, Polen vs Tschechien

Klare Nummer der Tag. Schnell durchgetippt und trotz Samstag auf die Konferenz gesetzt. Schon wieder nicht raus. Schnell sehen, wie Russland zwei Dinger macht, wie meine Dortmunder die Tschechen (ohne Rosicky! und diese Abwehr! und dieser Torwart, der eher an Calamity James als an den Torhüter eines Champions League Siegers erinnert) auseinandernehmen. Die beiden Geheimfavoriten mit Spaziergängen ins Viertelfinale.

So kommt es dann auch, zumindest wenn man Arsene Wenger glaubt, der bereits vor dem Turnier die Tschechen als „dark horse“ ausgemacht hat. Auch die Russen bedienen schnell jedes Klischee von der hochbegabten Mannschaft, die zu viel Schwermut in sich trägt, daran zerbricht. Polonia Dortmund stellt das Spiel nach 15 Minuten ein. Piszczek ist überhaupt nicht zu erkennen, was eben keinesfalls ausschließlich an der Nummer 20 auf seinem Rücken liegt. Kuba verschwindet in der zweiten Halbzeit, Lewandowski ist auf verlorenem Posten. Auf Twitter schimpft ein Begleiter der polnischen Nationalmannschaft früh über Murawski, der dann auch den entscheidenden Ball verliert. Doch auch wenn Murawski den Ball nicht verloren hätte, ohne Angriffe fällt kein Tor. Das zeigen auch die Griechen, die ihren 1-0 Vorsprung in der zweiten Halbzeit erstaunlich offensiv verteidigen.

Ende! Aus! Die Anti-Dortmund-Fraktion reibt sich die Hände. Dortmund wieder in der Vorrunde gescheitert und Deutschland jetzt natürlich so gut wie im Halbfinale. Denn diese Griechen wird man schlagen. „Get your facts straight, man!„, beschimpft mich jemand. Dabei hatte ich nur in den Raum gestellt, dass Deutschland keineswegs durch ist. „Don’t mess with me!“, ist meine Antwort. Die EM, stelle ich ernüchtert fest, ist nichts weiter als ein sehr langer Zeitvertreib bis zum Ligastart. Bisweilen unterhaltsam, aber nie mehr als unterhaltsam.

Ich schminke mich ab, ziehe mein Polen-Trikot aus, freue mich über die nun anstehende Sommerpause der Dortmunder und, mit einer Nektarine in der Hand auf dem Balkon stehend, über den beinahe wolkenlosen Himmel.

em – tag 9 – die flucht