Welch missliche Lage. Tomasz war unfassbar nervös, spielte mit dem Abzug. „Wohin des Weges, Dembowski? Hier kommt niemand raus. Setz Dich hin.“ Mir blieb nichts anderes übrig. Ich schlich mich in den Aufenthaltsraum, legte die Lost Horizon EP von Savoy Grand auf und träumte mich an einen anderen Ort. Slip into a role, easiest to play. Warten. I can’t let you go. And you don’t wanna stay. Nur raus. Es musste mir gelingen, mit Redermann oder Amok Kontakt aufzunehmen. Irgendwie. Sie würden mich hier rausholen. I came back here so ready to give way. Aber meine Zeit hier war abgelaufen. Vor der Zeit. Piotr hatte sich aus dem Staub gemacht, Winowski trieb ich mit seinen Analysen in den Wahnsinn, der Typ in Berlin berichtete nur Schwachsinn, an Tomasz wollte ich nicht denken, ihm waren alle Sicherungen durchgebrannt.

Das Unterwasseraquarium raubte den Menschen den Verstand. Ob es an dem neuen Standort lag, ob die Konstrukteure alles verspielt hatten? Es war mir egal. Laiendarsteller in einem grauenhaften „Der Untergang“-Remake. Die letzten Tage im Unterwasseraquarium. Nur Piotr war verschwunden. Ließ er sich einen Schnauzbart wachsen? Auch das war mir egal. Die Stimme Graham Langleys beruhigte mich für einen Moment, wie sich mich schon so oft beruhigt hatte. Für einen Moment frei von allen Sorgen. Nowhere left to go, sit and watch the scene play out. Mir blieb nichts anderes übrig. 
„Dembowski! Dembowski!“, Tomasz stand mit der Flinte in der Tür und schrie. „Komm rüber. Kahn legt los. Sei nicht affig. Zieh das jetzt durch. Wir ziehen das jetzt durch!“. Nichts war mir egaler als diese große Nummer. Tomasz und Piotr waren durchgeknallte Konstrukteure, Winowski, ihr Handlanger, sollte mich ruhig stellen. Noch 3 Tage, noch 3 Tage, nur noch 3 Tage, sagte ich mir. Und folgte Tomasz in den Computerraum. Die Ostsee, trüb wie eh und je, klatschte beruhigend an die Panzerglasscheibe. Ich setzte mich an den Computer und nahm meine Arbeit wieder auf.


EM Tag 6
Laden Eberswalder Straße, Waldis EM-Club
Portugal – Dänemark, Deutschland – Niederlande

Gegen 14.30 Uhr jagen die in die Kulturbrauerei strömenden Massen die ersten Böller in die Luft. Bereits den ganzen Tag über laufen vor dem Fenster Menschen in Trikots und Bemalung vorbei. Wenige kommen rein. „Schon auf dem Weg zur Fanmeile?“, frage ich die Abiturientin im grünen Ausweichtrikot. „Nein! Ich supporte schon den ganzen Tag“, erwidert sie und geht, natürlich ohne etwas zu kaufen, zurück auf die Straße. Dort, wo der Support noch gewürdigt wird.

Deutschland gegen die Niederlande. Das große Duell! Die großen Rivalen. Mir geht das nicht nahe. Es gibt Borussia, und es gibt Fußball. Das sind zwei grundverschiedene Sachen. Andere sehen das anders, wollen nach Weißensee. Die Kulturbrauerei „nerve nur noch“, sagen sie. Ich stimme ihnen zu, beobachte die Ecke Danziger / Schönhauser jedoch mit Leidenschaft. Dort stehen sie, trinken Bier, freuen sich auf das Spiel. Den Tag über gibt es im Laden kaum Kunden, doch als ich um 18 Uhr den Stream anwerfe, kommen die vom Fußball Genervten. Sie finden auch hier keine Ruhe. „Wie steht es denn bei Deutschland“, wagt sich eine Kundin hervor. „2-2, ist aber Portugal gegen Dänemark“, grummel ich zurück. Es wären meine ersten Punkte im Tippspiel. Natürlich treffen die Portugiesen noch. Weiterhin 0 Punkte. Irgendwer jagt einen Böller in die Luft, Ronald McHitler grüßt mit dem linken Arm. Feierabend. Auf in Waldis EM-Club.

Versteckt in einem Berliner Altbau im Norden des Prenzlauer Bergs gibt es Schnitten, Flips und Bier. Deutschland-Fahnen, Deutschland-Fähnchen, Deutschland-Kracher. Deutschland. Im Fenster gegenüber hängt ein unfassbar hässliches Bild, ein Lavapanorama auf 1,5m x 1m. Immer wieder wandert mein Blick auf dieses Bild. Ich stehe auf dem Balkon. Als das 2-0 fällt, jubelt die Straße bereits, ein paar Raketen fliegen in die Dämmerung. „Praktisch“, sagt einer noch kurz vorher „wenn die jubeln, schaue ich einfach zum Fernseher“. So machen wir das dann auch. Sehen noch den nächsten Schweinsteiger-Pass, den nächsten Gomez-Treffer. Löw hat wieder alles richtig gemacht. Aber das ist immer noch Fußball, nicht Borussia. EM schauen, jeden Tag, jedes Spiel. Nicht mit dem Herzen dabei. Pausenfüller. Feindschaften, die mir nichts bedeuten. Aber immerhin spielt Hummels mit. Noch ist Deutschland nicht im Viertelfinale. Noch spielt Deutschland nicht gegen Kroatien. Hummels spart sich den Sammer für später auf, trifft nicht. Das Spiel endet 2-1. Die obligatorischen Böller und Raketen werden gezündet. Sicher gibt es wieder einen Autokorso, die Nebenstraßen aber bleiben überraschend ruhig.

„Deutschland, Deutschland“, schreie ich vom Balkon. „Jetzt hör doch mal auf!“, wird mir bedeutet. Unten läuft ein Liebespaar in Nationalfarben. Oben stehen die Abgeklärten. Auf dem Rückweg in den Norden der Stadt resigniere ich. Das Hinterlicht am Fahrrad funktioniert nicht mehr. Beschließe, das Rad am nächsten Tag stehen zu lassen. Italien gegen Kroatien. Im alten Westen. Wie ich mich freue.

em – tag 6 – feindschaften, die nichts bedeuten