Langsam kehrte die Erinnerung zurück. Wie alles passiert war, wie wir uns in den Bergen getrennt hatten. Aber noch war die Zeit dafür nicht gekommen. Noch musste ich all meine Kraft in die Aufgabe hier unten stecken. Meine Gedanken aber drifteten immer mehr ab. Bald war ich an Ufern des Oberuckersees, sprang in das von der Sommerhitze aufgewärmte Wasser, drehte meine Runde, lag im Gras, beobachte die vorbeiziehenden Wolken, fuhr mit dem Rad nach Hessenhagen, blickte über die Uckermark. Es gab kein Fußball, es hatte ihn nie gegeben. Am Gelandsee verkaufte ich ein paar Tage später Erdbeeren und frisches Eis, ruhte mich nach einer Stunde aus, sprang ins Wasser. In dieser Landschaft gab es kein Fußball. In dieser Landschaft, die ich schon immer zu den schönsten Landschaften der Welt gezählt hatte, gab es nur Ruhe. Wie sehr ich mich nach Ruhe sehnte. Die letzten Jahre waren ein Höllenritt gewesen. Auch wenn es in den vergangenen Monaten steil bergauf ging, so wollte ich diesen Weg nicht länger beschreiten. Ich war getrieben. Ich war Teil der Konstrukteure, dachte ich in Gedanken am Oberuckersee liegend. Doch in all  der Zeit hatte ich nicht rausfinden können, wer diese Konstrukteure überhaupt waren. Ich fuhr noch ein Stück weiter ins Land, tief in die Schorfheide hinein. Allein. 
„Ey, Dembowski! Das musst Du Dir mal anschauen. Der Typ in Berlin wird immer langweiliger. Und: Oliver Kahn twittert jetzt auch!“, Tomasz war außer sich vor Freude. Mir war es nur noch egal. Ich hatte meinen Drive verloren, ohne Hoffnung, dass dieser jemals zurückkehren würde. „Tomasz, halt einfach Deine gottverdammte Fresse. Twitter, Facebook, Pintrest – Sonst noch was? Is there anybody out there? Und wo zur Hölle steckt Piotr?“ „Der ist… der ist… unterwegs“, stammelte Tomasz. Seit Tagen hatte sich Piotr nicht blicken lassen, langsam glaubte ich kein Wort mehr. Unterwegs. Der hatte sich abgesetzt. Der war durchgedreht, nach den letzten Auftritten von ihm, lag diese Vermutung zumindest nahe. Aber auch das war mir egal. Ich wollte Tomasz nur ein wenig provozieren, Winowski dämmerte drüben im Aufenthaltsraum vor sich hin, die Ostsee klatschte trübe an die Panzerglasscheibe, doch ich war längst in einer Welt ohne Fußball. „Tomasz. Wann kann ich hier raus?'“ „Dembowski, wohin so eilig?“, fragte er mich und richtete ein Gewehr auf mich. 

EM – Tag 5
eigene Wohnung
Griechenland – Tschechien, Polen – Russland

Während die Vollsperrung der Straße des 17. Junis für Autofahrer ein größeres Ärgernis darstellt, ist sie für den Radfahrer ein Glücksfall. Zwar ist der Weg von der Museumsinsel kommend mehr als beschwerlich, führt an Bus- und Taxischlangen vorbei, doch als ich den Reichstag erreicht habe und auf die Straße des 17. Junis abbiege, bietet sich ein beeindruckendes Szenario. Die Hyundai-Fanmeile ist bis auf ein paar Touristen menschenleer, vor den Ständen lungert das Verkaufspersonal in der Mittagssonne, die Straße kann auf ganzer Breite befahren werden, ohne dass ich mir größere Gedanken um meine Gesundheit machen müsste.

Die Vorteile der EM 2012 sind offensichtlich, endlich wird Berlin zu einer fahrradfreundlichen Stadt. Doch innerhalb des S-Bahn Rings hält sich die Euphorie bislang doch arg in Grenzen. Auf meinem weiteren Weg durch die Stadt sehe ich vielleicht eine handvoll Autos mit Deutschland-Beflaggung, die tiefergelegten Golfs haben dazu noch die obligatorischen Außenspiegelschoner, aber letztendlich sind in diesem Teil Berlins immer noch mehr Justiz-Wagen als Deutschland-Fans unterwegs. So weiter ich mich später vom Ring entferne, umso größer wird die Euphorie.

In Pankow aber herrscht Ruhe. Das Kinderparadies Florastraße wartet mit ganzen vier Deutschlandfahnen auf, nur vereinzelt stehen hier die Fernseher vor der Tür, der Plattenteller hat bereits vor der EM die Segel gestrichen. Der Laden steht zur Vermietung. Ein Stück weiter die Florastraße hoch wirbt die nächste Kneipe mit „1 Schnaps für jedes Deutschland-Tor“, was bei den anstehenden Spielen der Gruppe A keinen großen Anreiz für mich ausübt. „1 Schnaps für jedes BVB-Tor!“ und ich hätte mich zumindest zum zweiten Spiel überreden lassen können. Aber das hier ist Berlin, nicht Dortmund.

Also schaue ich daheim. Zum ersten Mal während der EM verfolge ich somit das Grauen namens Berichterstattung. Natürlich, gestern bereits hatte ich mich über Wark beschwert, aber der ist immerhin Kommentator und während des Spiels unvermeidlich. Aber was sich der zynische Haufen namens ARD um das Spiel Polen gegen Russland rausnimmt, kotzt mich dermaßen an. Nicht nur, dass Tom Bartels während des Spiels entweder über den „sympathischen Mann auf der rechten Seite“ redet, dem man „bei aller gebotenen Neutralität“ das Tor auch gönnt „als Mensch“, nein auch im Interview nach dem Spiel gibt es nur ein Thema. Der große Melancholiker nimmt es gelassen, er überhört die Frage.

Ebenfalls erstaunlich: Die Bildregie. Es gibt keine Stadion-Totale. So ist das Spiel nach dem Tor der Russen zwar für eine Minute unterbrochen, was aber passiert ist, bleibt außen vor. Die Ausschreitungen vor dem Stadion werden immer wieder thematisiert, Fragen dazu aber verbietet sich die UEFA. Laut Spiegel-Mann Rafael Buschmann weist sie direkt nach dem Spiel darauf hin, dass man keine Fragen zur Randale stellen darf. Gerade der deutschen Presse wird das schwer fallen. Hatte sie doch in der Endphase der Bundesliga ausschließlich Fragen zur Randale, nicht aber zu den Spielen gestellt.

Ich beantrage eine Platzsperre für die nächsten Spiele. Es geht wieder raus in die Stadt, ohne das Geschwafel der TV-Anstalten. Auf das Kroatien-Spiel freue ich mich ganz besonders.

em – tag 5 – der große melancholiker