Ganz langsam, und ohne das ich es bemerkt hatte, kippte die Stimmung im Unterwasseraquarium. Uns war es gelungen, an ein TV-Signal zu kommen. Und so sahen wir Tag für Tag die Bilder von oberhalb der Wasserfläche. Es konnte nicht weit weg sein. Die von KMH und Oliver Kahn in Heringsdorf, Usedom ausgelösten Schockwellen erschütterten die Panzerglasscheibe, das Ölfass flog mit immer größerer Wucht gegen die Scheibe, die derartige Angriffe jedoch aushalten konnte. 
Auch hatte sich Winowski in den letzten Stunden zurückgenommen. Er war ruhiger geworden. Auch ich fand langsam meine Ruhe und bei meinen Recherchen im Netz ein paar Hinweise, die mich wieder ein wenig optimistischer in die Sommerpause blicken ließen. Ein Baumhaus am Ende des Horizonts. Ein neuer Tag. Mit Winowski vereinbarte ich für den ersten spielfreien Tag ein neues, ein noch intensiveres Gespräch. Es war nun an mir, mein Trauma zu überwinden. Noch über zwei Wochen würde ich mich nur in diesen drei, von schwachem Neonlicht beleuchteten Räumen aufhalten, danach, das wurde mir klar, stand mir die Welt offen. „Es muss nicht immer Fußball sein!“, sagte Tomasz zu mir. Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, einen Störsender zu bauen. Noch war es nicht so weit. Doch er war guter Hoffnung, bereits beim ZDF-Fernsehgarten am kommenden Sonntag einen ersten Versuch zu unternehmen. „Bis dahin aber“, sprach Tomasz „ist noch eine Menge zu tun!“ Er deutete auf meinen Arbeitsplatz. Ich verstand. In meinem Posteingang fand ich einen weiteren Text aus Berlin. 


EM – Tag 4 // 8mm Bar, Mitte – Volksbar, Mitte // Frankreich – England, Ukraine – Schweden
Auf der Liste der Dinge, die ich in meinem Leben nicht unbedingt tun will, ziemlich weit oben: Ein Europameisterschaftsspiel, oder überhaupt ein Turnierspiel, in einem Pub in England anschauen.

In der 8mm Bar am Schönhauser Tor haben sich zum Anpfiff des Spiels rund zwei Dutzend Engländer versammelt. Auf einer nostalgischen 4:3 Leinwand läuft das Spiel des Geheimfavoriten gegen die schlechteste englische Mannschaft seit Menschengedenken. Im Gegensatz zum Dave Lombardo sieht man hier sogar vereinzelt Trikots. Unter „come on, Joe!“-Rufen wird jeder Versuch einer Parade des besten Torhüters der abgelaufenen Saison (vgl. Zonal Marking European Top XI 2011/2012) gefeiert.

Recht früh aber verliert das Spiel an Fahrt. Dabei hatte es ohnehin nie Geschwindigkeit aufgenommen. Den Engländern ist es egal. Mit Jameson-Mix-Getränken in der Hand bejubeln sie den glücklichen Führungstreffern. „Now you’re not singing anymore“, schreien sie durch den Raum. Niemand hier aber ist offen für die Franzosen. Auch wenn beim Ausgleich wenige Minuten später ein paar geballte Fäuste in den vorderen Reihen zu sehen sind. Jetzt geht es für die Engländer darum, das Spiel mit Anstand zu beenden.

So sieht das auch ZDF-Kommentator Thomas Wark, der sich bereits in der 63. Minute festlegt: „Die Mannschaften haben sich auf ein 1-1 geeinigt!“ Viel passiert tatsächlich nicht mehr. Die wenigen englischen Ballkontakte in der französischen Hälfte werden in der 8mm Bar mit erstaunlicher Lautstärke und Aggression bejubelt. Doch längst hat Thomas Wark das Heft in der Hand. „Eindeutig kein Foul“, erklärt er nach der Super Slo-Mo, die Riberys beinahe zerberstendes Sprunggelenk zeigt. „Ein Hauch von Cordoba!“, schreit Wark gegen Ende des Spiels. Doch Benzema tut ihm den Gefallen nicht, und verzieht auch den letzten Schuss knapp. Frankreich ist nicht das neue Österreich und hatte dies auch nie vor.

In der Bar ist es derweilen ruhig geworden. Die sich zäh verschiebenden Vierreihen der Engländer, die behäbigen Seitenwechsel der Franzosen. Ein klassisches 1-1 zweier limitierter Mannschaften. Und heute ist hier noch eine Aftershowparty. Da heißt es mit den Kräften haushalten.

Vor dem Belushi’s Hostel geht es da schon wilder zu. Hier stehen die Fans der „Squat“ (Thomas Wark), spülen ihren Frust runter. Ich entscheide mich für die Volksbar direkt neben dem Belushi’s. In den Sofas hängen hier nur vereinzelte Schwedenfans. Die Leinwand ist riesengroß. Der Sound ist klar. Die Stimmung gedämpft. In der ersten Halbzeit legt sich eine der Schwedin auf ein freies Sofa und schläft ein. Das Spiel hingegen kann in der ersten Halbzeit bereits einiges.

Genug Fußball. Hamilton Leithauser eröffnet im stickigen Roten Salon mit „On The Water“. Der rote Vorhang, der Pagenschnitt, die grauen Schläfen. Leithauser ist in Würde gealtert. The Walkmen stellen ihr neues Album „Heaven“ vor. Doch die Luft im Roten Salon ist direkt aus der Hölle. Ich halte es nicht lange aus. Im Belushi’s bejubeln die Ukrainer gegen 22.36 Uhr den Schlußpfiff. An der U-Bahn-Station „Rosa-Luxemburg-Platz“ warten ein paar Schweden auf die Bahn. Auf den Straßen gibt es weiterhin kaum Deutschland-Fahnen. In Treptow, das sehe ich am Morgen, erreicht die Euphorie jedoch die nächste Stufe. In einem grauen Hinterhof weht nun ein einsames Deutschland-Fähnchen. Der zweite Spieltag kann kommen.

em – tag 4 – ein hauch von cordoba