Auch der zweite Bericht aus Berlin war von derart distanzierter Arroganz. Winowski und mir wurde regelrecht schlecht. „Nicht einmal in meinen dunkelsten Stunden habe ich so viel Verachtung für die Menschen im Land gespürt“, sagte ich zu Winowski. Er stimmte mir zu. 

EM – Tag II – Ein Laden am Rosenthaler Platz, Tante Käthe im Mauerpark, Berlin Gruppe B: Niederlande gegen Dänemark, Deutschland gegen Portugal
„Ich will mich nur mal umschauen, die Zeit vertreiben!“, erklärt mir der Mitzwanziger im Fake-Deutschlandtrikot. Auf dem Bolzplatz gegenüber jubeln die Holländer. Sie haben gerade ihr viertes Tor erzielt. „Und später, wo schaust Du das Spiel?“, frage ich den Jungen, der gerade ein paar Mäntel anprobiert. „Ich bin ja nicht von hier“, sagt er und schaut beschämt zu Boden. „Ich werde auf die Fanmeile gehen. Ich weiß, das soll da nicht so gut sein. Aber ich bin ja nicht von hier und wo sollte ich sonst schauen?“ Gute Frage! Wo sollte man sonst schauen? Ein paar Minuten danach verlässt ein holländisches Paar den Laden. „We’ve got tickets for the opera“. Als Holländer an diesem Abend sicher eine gute Entscheidung.

Der schwäbische Vater wechselt Geld. „Meine Kinder wohnen hier in Berlin!“ Das lässt sich in seiner Geldbörse gut nachvollziehen. Im Sichtfenster hat er je ein Bild seiner Tochter und seines Sohns. Aber sonst keinen Plan. „Ich wollte dann von hier zur Fanmeile gehen! 20 Minuten, oder?“ „Benutzen Sie diese Parkuhr nicht und fahren Sie woanders hin“ „Ok. Ich habe ein Navigationsgerät“ „Einfach Fanmeile eingeben und dort parken“, rufe ich ihm hinterher, mache mich dann auf den Weg zur Tante Käthe in den Mauerpark.

 800 Meter, steht auf dem Schild am Mauersegel, an Tatort-Kulissen vorbei geht es auf einem holprigen Weg in Richtung Wedding. Ganz am Ende haben sie Fernseher aufgebaut. Die Leute sitzen auf Bierbänken und in Sonnenstühlen, sie essen Stadionwurst und trinken Helles. Als Pfandmarken gibt es das Konterfeit von Rudi Völler. Niemand trägt Schnurrbärte. Wenn schon authentisch, dann bitte auch Schnurrbärte, denke ich. Überlege kurz, meinen restlichen Bart abzurasieren, finde keinen Rasierer, aber einen Platz auf einer Bierbank. Zur Einstimmung schreie ich „Tod und Hass dem Portugiesen Pack!“, erhalte aber von den bemalten Deutschland-Fans nur ein Kopfschütteln.

Während des Spiels herrscht Stille, hin und wieder von vereinzelten „Eisern Union“-Rufen unterbrochen. Als Gomez trifft, freut sich der Beach-Club. In der Ukraine steht das Spiel derweilen vor dem Abbruch. Papierkugeln, bengalische Feuer. Das ausgelagerte Problem. Bald auch Sitzplatzverbot? Man weiß es nicht. Aber Deutschland gewinnt. Ich richte meinen Stahlhelm. Mit dem Fahrrad zurück nach Mitte. Dort angekommen, stelle ich verwundert fest, dass mein Rücklicht wieder funktioniert. Seit gut 18 Monaten war es defekt. Der Stahlhelm, denke ich. Die Kreuzung Eberswalder/Danziger ist derweilen für den Autoverkehr gesperrt! Autokorso, solange es noch geht!

em – tag 2: autokorso, solange es noch geht