Doch ob Tag oder Nacht war hier unten ohnehin egal. Das Neonlicht flackerte, Piotr hatte sich jetzt ausgiebig seiner Sammlung polnischer LPs gewidmet, war bei Czesław Niemen hängengeblieben. Er hatte sich eine alte Perücke übergezogen und gab den Czesław Niemen-Impersonator Swinemünde / Unterwasseraquarium. Er machte seine Sache gut, es war aber unserer Sache nicht sonderlich hilfreich. Eigentlich wollten wir die Mertesacker-Sache noch zum Abschluß bringen. Eigentlich wollten wir Mats so einen Startplatz sitzen.

Aber Piotr stand da, in einem weißen Kostüm und sang aus vollem Herzen. „Das ist Musik, fühlst Du es?“, schrie er in den Raum. Sogar Tomasz verstand die Welt nicht mehr. Wollten wir nicht Hummels in die Startelf mogeln? Vielleicht hatte ich das einfach auch nur gründlich missverstanden. Vielleicht aber war Piotr der Tauchgang nicht bekommen. Ich hatte immer noch an seinem „Not Dörte’s Boat“ zu knabbern. Doch ich ließ mir nichts anmerken. Ich wußte immer noch nicht, wieso ich hier war und wieso Winowski die Therapie kurzerhand abgebrochen hatte. Auch hatte niemand mehr von der neunten Ebene gesprochen. Einfach machen, dachte ich. Einfach laufen lassen und am Ende schauen, was dabei rauskommt. Irgendwas würde passieren. Das war klar.

Aber dann passierte lange Zeit überhaupt nichts. Wir saßen an unseren Computer, verfolgten die Tickermeldungen, Piotr gab mittlerweile wieder den Alpo Myller. Discon, Discon, schallte es durch das Aquarium. Die Ostsee war trüb wie eh und je, das Ölfass trieb einige Male gegen die Panzerglasscheibe, das Neonlicht flackerte, wir tranken Wasser aus 3-Liter-Flaschen, aschten auf den Boden und starten stumpf auf die Tickermeldungen. „Verdammte Scheiße!“, schrie Winowski „Boateng ist echt zu blöd“ Wir liefen an seinen Computer. Über sein Tweetdeck gingen gerade Meldungen zu einer Boateng-Attacke gegen Mertesacker ein. Aber hilft nichts. Ohne Erfolg. „Hätten wir mal den Prince“, beklagte Tomasz den falschen Boateng. Aber ich fuhr ihm mit „den habt ihr doch nach Ghana wechseln lassen“ gekonnt in die Parade.

Wenn die Konstrukteure am Rad drehten, dann immer am großen Rad. So war es dann auch. „Aber wir dachten…“ „Ihr dachtet! Ihr Idioten!“ „Aber…“ „Aber was?“ „Ach, ist schon gut. Sorry!“ Die Stimmung war am Boden. Mertesacker würde spielen. Das war der erste Fehlschlag. Noch vor Turnierbeginn. Dass Flick der Nationalmannschaft ein paar Stunden später „Stahlhelme aufsetzen“ befahl, ging komplett unter. Wir hatten uns längst der gepflegten Turniervorbereitung gewidmet. Von irgendwo her hatte Tomasz Zapiekanka und Tatra Mocne ankarren lassen, im Aufenthaltsraum liefen noch einmal die Endspiele der vergangenen Turniere und in nur drei Stunden würde die Euro 2012 beginnen. 1.000€ auf Polen!

em-start: stahlhelme aufsetzen!