Zu viel passiert. Ich komme nicht mehr zur Ruhe. Doch der Berliner hat das Halbfinale gesehen. 

EM – Das zweite Halbfinale
Deutschland vs Italien

Man muss nicht einmal ein großer Fan der deutschen Nationalmannschaft sein, um nach einer Nacht Schlaf, noch einmal fassungslos auf das Resultat des gestrigen Halbfinals zu schauen. Als im Spiel gegen Griechenland die Hoffnung zurückkehrte, dass alles irgendwie doch gut werden wird. Als Spanien sich fürs Endspiel qualifizierte und der große Showdown nur noch ein Spiel entfernt war.

Noch vor dem Anstoß des Viertelfinals England gegen Italien erklärt Steffen Simon dem ungläubigen Zuschauer: „Auch heute gibt es schon was zu gewinnen. Ein Ticket nach Warschau und ein Meet & Greet mit der deutschen Nationalmannschaft“. Was wie ein kurzes Aufblitzen der deutschen Arroganz wirkt, ist der Startschuss für ein lustiges Witzefeuerwerk über Pizza Endstation, Pasta Finito, simulierende Italiener und vertrottelte italienische Angreifer, denen man die Glatze schon rasieren wird. Die Frage, ob Deutschland ins Endspiel einzieht, stellt sich nicht, allein die Frage, wie das genau passieren wird, ist noch von Relevanz. Die Italiener sind kein echter Gegner. Wer über Patriotismus debattiert, kann ruhig auch ein paar Italien-Witze machen.

Im deutschen Lager wird unterdessen nach dem Maulwurf gefahndet. Kapitän Lahm erklärt, dass sich sowas überhaupt nicht gehört. Bastian Schweinsteiger kämpft derweilen immer noch mit einer im Februar erlittenen Verletzungen. Kurz vor Spielbeginn erklärt er sich zum fittesten Spieler aller Zeiten. In Deutschland bricht eine Patriotismus-Debatte aus. Die paar Rufer aus Dortmund sind verstummt. Das Wir gegen Die, dass Löw durch seine „nicht gegen Hoffenheim, nicht gegen Nürnberg“-Äußerungen nur befeuert hatte, scheint nicht mehr zu existieren. Es ging nie um Dortmund gegen Bayern. Es ging immer um unterschiedliche Ansichten zur taktischen Ausrichtung. Mit Reus/Schürrle aber hatte Löw sich da nun positioniert. Nicht mehr nur statisch, sonder aktiv sollte das Spiel sein.

Am Spieltag dringt nichts von der Aufstellung nach draußen. Dabei hätte ein Maulwurf diesem Spiel so gut getan. Vielleicht hätten die Italiener sich noch schnell auf den letzten verbliebenen Weltklassespieler Deutschlands eingestellt. Toni Kroos kommt als frische Kraft. Der im Griechenland-Spiel enttäuschende Reus positioniert sich neben dem ebenso enttäuschenden Klose und Schürrle auf der Bank. Mit Pirlo muss ein Spieler an die Kette genommen werden. Dafür opfert Löw gerne seine Offensivkräfte. Toni Kroos macht sich an die Arbeit. Er präsentiert der Weltöffentlichkeit sogleich seine Skills. Schüsse aus der zweiten Reihe, Ballverluste im Mittelfeld und souveräne Raumdeckung.

Im Raum steht Kroos auch als Pirlo auf Cassano passt, der sich einmal um den stehenden Hummels windet, in die Mitte flankt, Neuer in Richtung Eckfahne läuft und Badstuber Balotelli Geleitschutz gibt. 1-0. Eine der brandgefährlichen Ecken Kroos‘ führt wenig später zum 2-0 für Italien. Von Podolski ist nichts zu sehen, Schweinsteiger ist ob seiner Fitness viel zu erstaunt, um am Spiel teilzunehmen, Mario Gomez bleibt weiter ohne Ballkontaktund auch der Rest der Mannschaft passt sich nun an. Die Angst des Jogi Löws spielte den Italienern in die Karten.

Ein paar wilde Rückwechsel führen in der zweiten Halbzeit zu einem kurzen Strohfeuer, doch die Konter der Italiener bleiben um einiges zwingender. Auch wenn Steffen Simon immer noch eine gnadenlos effektive italienische Mannschaft sehen will, könnte es längst 3-0 stehen. In der Nachspielzeit erzielt Deutschland den Anschlußtreffer, Neuer wirft jetzt alles nach vorne, nur bei der Ausführung eines Freistoßes spielen die Deutschen in der 95. Minuten noch einmal quer. Der Schiedsrichter hat ein Einsehen, beendet das Spiel. Italien steht verdient im Endspiel. Die deutsche Arroganz führte zur deutschen Angst. Die Außenpositionen wurden verschenkt, das Mittelfeld aufgegeben. Toni Kroos ist sich sicher, es war nicht seine Schuld.

Eine halbe Stunde später ist auch das Frustfeuerwerk im Prenzlauer Berg gezündet. In ein paar Tagen wird auch der letzte Bundesligist die Vorbereitungen auf die 50. Spielzeit aufnehmen. Am Sonntag stehen Italien und Spanien im Endspiel.

em – das zweite halbfinale – die deutsche angst