Am Sonntag checkte ich kurz meine Mails. Der Berliner war irgendwie an meine Adresse gekommen und berichtete von der trostlosen Veranstaltung namens Europameisterschaft. „Bin ich froh“, sagte ich zur Dörte „dass mich das alles nicht mehr interessiert!“

EM – 3x Viertelfinale
Spanien vs Frankreich, Deutschland vs Griechenland, Portugal vs Tschechien
diverse Orte

Das Vorhaben ist gescheitert. Das beste Turnier aller Zeiten, die unglaublichste Europameisterschaft meines Lebens sollte dokumentiert werden. Tag für Tag. Ort für Ort. Die ganze Stadt war in Aufregung und ich mittendrin. In einer Bar in Spandau, beim Public Viewing in Köpenick, beim Griechen in Moabit. Dahin gehen, wo das Turnier die Menschen bewegt. Doch mit jedem neuen Turniertag verließ mich die Euphorie, verließ mich die Kraft, verließ mich die Inspiration. Ich bewegte mich nur noch selten aus dem Haus. Ich verzichtete weiterhin auf die Vorberichterstattung. Das was ich über die Vorberichterstattung las, langweilte mich bereits so sehr, dass ich auf die Sendungen getrost verzichten konnte. Um mich aufzuregen? Wieso sollte ich mich aufregen, wenn es doch noch die Spiele gab, die in ihrer skandalösen Langeweile genug Aufreger boten.

Das erste Viertelfinale, das Spiel der Portugiesen brachte keine Wende. Vielmehr verzweifelte ich nun auch an mir. Auf einmal steckte ein ausgeklügelter Plan hinter der launigen Zeitverschwendung. Portugal, Tschechien. Sie waren mir egal. Doch Cristiano Ronaldo, dieser vormals für seine Art verachtete Spieler, bereitete mir große Freude. Ich verfolgte seine Ballannahmen, seine überraschenden Wendungen, stellte mich breitbeinig hin, wenn er zum Freistoß anlief und schrie „Walter!“ als er das Tor erzielte. Hoffnung auf Besserung buchstabierte sich jetzt Ronaldo. Auch wenn mich das verwirrte, diese Europameisterschaft wurde endlich mit Sinn gefüllt.

So war es für mich kein Problem am folgenden Tag mal wieder unter die Menschen zu gehen. Deutschland gegen Griechenland. Ein Ermittler hatte den ganz großen Skandal aufgedeckt, ein Zahnarzt war enttarnt worden und wohin man auch hörte, es waren die schlechten Griechen-Witze, die mein Hirn für kurze Zeit explodieren ließen. Mir hatte man kein Humor geschenkt. Auf den Straßen der Stadt fühlte ich mich bald vergreist. Es war in den letzten Wochen kein Tag vergangen, an dem ich nicht mindestens einem Autofahrer wutentbrannt auf sein Autodach geschlagen hatte. Mal wollten sie mich in die Schienen drängen, mal schnitten sie mir die Vorfahrt ab, mal blockierten sie die Fahrradspur. Nur auf der Straße des 17. Junis fühlte ich mich frei. Sie blieb weiterhin gesperrt. Ich dankte der Nationalmannschaft für ihr Überleben. Solange sie die Menschen noch zum Reichstag, zum Brandenburger Tor trieb, so lange konnte ich mich für ein paar Minuten frei auf den Straßen Berlins bewegen. Ansonsten blieb mir nur das Faustrecht der Radfahrer. In den Berliner Polizeimeldungen las ich von diversen Fahrradunfällen. Jede dieser Meldung kopierte ich in eine Datei, entwickelte ein Muster. Die Fahrradspur sollte man nicht in die falsche Richtung fahren, den Autofahrern nicht vertrauen, auf Einkaufstüten am Wegesrand war unbedingt zu achten.

Zum Deutschland-Spiel ließ ich das Fahrrad lieber stehen. Bereits auf der Einkaufsstraße zur Endstation der U2 waren ein paar Grillstationen aufgebaut. Die Menschen vor den Kneipen trugen Perücken, tranken Bier und sangen ihre Lieder. Es war da 18.15 Uhr. An der U-Bahn war die Hölle los. Die Ferien hatten begonnen, es war Freitag, Deutschland spielte. In meinem schwarzen Dress fühlte ich mich fremd. Gut zwei Stunden später an der Kreuzung Danziger / Eberswalder / Schönhauser / Pappelallee / Kastanienallee gab es nur noch Deutschland. Später, als das Halbfinale erreicht war, sperrte die Polizei die Kreuzung, auf der sich die Partycrowd niedergelassen hatte. Sie sangen, sie machten die Humba und einmal ging der Vorsänger direkt auf mich zu, stoppte dann und holte sich die verdienten Küsse seiner Freundin an. Er trug ein grünes DFB-Trikot, auf dem Rücken stand Müller. Er rannte zurück und fing erneut an. Diesmal: „So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so.“ Ich ging langsam nach Hause. Meine verkorksten Versuch, den Vorsänger zu geben, hatte ich da bereits vergessen. „Wenn wir wollen, kaufen wir Euch auf!“, fand unter den mitleidigen Blicken der Fans keinen Anklang.

Am Samstag verschanzte ich mich in der Wohnung. Nur hier war ich vor den Flaggen sicher, nur hier würde ich keine Griechenland-Witze vernehmen. Tagsüber stellte ich die vermuteten Laufwege der Spanier nach. Ich spielte den Tennisball nach links, tippelte ein paar Schritte, nahm den Ball an, drehte ein Pirouette, jubelte, spielte den Ball zurück, wunderte mich über das Ausbleiben jeder Gegenwehr. Um 20.45 Uhr ging es dann endlich los. Frankreich war gleich mit zwei Rechtsverteidigern aufgelaufen, Spanien an derartigen Spielereien noch nie interessiert. Sie verzichteten erneut auf einen Stürmer und langweilten sich durch die ersten Minuten. Ein schneller Pass, ein fallender Franzose, eine Flanke, ein spazierender Franzose, ein Kopfball, Tor. Danach ermordeten die Spanier den Fußball aufs Neue. Der schlimmste erfolgreiche Fußball aller Zeiten. „Du hast keine Ahnung, wenn die Spanier das Turnier gewinnen, haben sie alles richtig gemacht!“, schrieb jemand sinngemäß. Die Griechen hatten 2004 auch alles richtig gemacht, danach zum Glück aber nicht weiter genervt. Die Trägheit der Franzosen, die Pässe der Spanier. Die Welt wurde erneut Zeuge des qualvollen Sterbens des schönsten Spiels der Welt.

Sie ermordeten das Spiel, ertränkten es in langweiligen Pässen, die Franzosen waren längst verreckt, nur Ribery versuchte sich als Balljäger. Er griff irgendwann sogar seine Mannschaftskameraden an. Das war erfolgsversprechender. Den Franzosen den Ball abnehmen und zum nächsten Spanier passen. Ich hatte nur noch eine Hoffnung, diese buchstabierte sich Cristiano Ronaldo und sah immer noch ziemlich beschissen aus.  

em – 3x viertelfinale oder wie spanien den fußball ermordet