Durch den milchigen Morgen fielen die Flugzeuge von den Hochhauschluchten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik kommend langsam in Richtung Tegel hinab. Sie waren beinahe still, glitten sanft über den Schäfersee und entschwanden sodann aus meinem Blickfeld.

Die Zugvögel, es waren Kraniche, durchkreuzten mit großen Schwingen, immer in Formation bleibend, die Flugroute. Hoch über mir kommentierte ein krächzender Rabe, und in den kahlen Bäumen tschilpte eine Spatzenarmee ihr Lied. 

Vom Franz-Neumann-Platz kommend pluckerten die ersten Karossen in Richtung Osloer. Noch waren sie nur ein dezentes Rauschen, noch waren es nur die Verkäufer, die Liefernden, die Bemitleidenswerten, die Gewerbetreibenden und einige wenige frühe Vögel, die es nicht erwarten konnten, in das Herz der Stadt vorzustoßen.

Ihre Motoren legten sich über meine Schmerzen. Meine Haare klebten blutig auf meiner Stirn, meine Camouflage-Trainingshose hatte ein paar Löcher mehr, auf dem „Thirsty German pensioner“-Shirt waren nun mehr nicht nur Blut-, sondern auch Bierflecken, der Reißverschluß meiner Armyjacke ließ sich nicht mehr bewegen. 

Meine Uschanka lag neben mir, und ich lag in den grauen Himmel blickend vor der Kornblume.

Im Oldie-Eck war ich in der Nacht einem rothaarigen Schatten meiner Vergangenheit begegnet. Hatte ich verzweifelt aus der Kneipe stürzend, die Soldiner im Mondlicht in Richtung Reinickendorf rennend gedacht. So war ich in der Kornblume gelandet. Man kannte mich hier, und machte sich Sorgen. Ich kannte dort niemanden, und machte mir ebenfalls Sorgen.

Die Nacht hatte ich am Tresen rumgebracht. Meist schweigend, einem grobschlächtigen Boxer lauschend, dessen Augen weit aufgerissen hin- und hersprangen. Er trank mehr Alkohol als ich jemals gesehen hatte und wurde eher klarer. Hin und wieder verschwand er, kam mit größeren Augen zurück, legte mir seinen Pranken auf die Schulter, und starrte mich an. Sein Kopf war kahlgeschoren, seine Nase krumm, und er 2.05 Meter groß.

Seine Worte nahm ich nur verschwommen war. Doch was ich hörte, beruhigte mich wenig. Steffen, so hieß mein neuer Freund, schimpfte. Er schimpfte über die Bullenschweine, und er schimpfte über die schwarzen Blöcke.

Ich schwieg. Die Kornblume war voll. Es musste schon weit nach Mitternacht sein.

Aus den Boxen erklangen die Fernweh-Synthesizer der 80er.

„Machen wir den ersten Schritt / Freiheit heißt die Endstation / voyage, voyage / auf den Flügeln der Zeit / Keine Grenze hält uns auf / denn ich hab sie einfach ausradiert / voyage, voyage / auf den Flügeln der Zeit /Und auch am Horizont / oder in deinem Herz /erwartet dich das Glück.“

„Rechts und links. Alle schwarz. Ich kann sie nicht mehr auseinanderhalten! Einmal in Magdeburg haben sie mich nicht zu meiner Oma gelassen. Die Bullenschweine. Nur weil ich keine Haare habe.“
Ich nickte, denn er hatte keine Haare.


„Zum Glück wissen sie nichts mehr. Ich war schon einmal hier. Danach habe ich vier Jahre gesessen.“

Er hielt meinen Kopf zwischen seinen Händen. Ich konnte seinen Atem spüren, ich konnte seine Augen sehen. Da war nichts.

„Dem Penner haben wir die Prothesen weggetreten. S-Bahn steht nicht für Schlafbahn, Alter! Er hatte es verdient. Hier haben wir ein paar Handys mitgenommen, die Marina verprügelte. Die war stulle. Die hatte das verdient.“

Ich verstand ihn nicht, machte mir aber weiter Sorgen. Als er einmal meinen Kopf losließ, spülte ich meine Angst mit einem Schultheiss runter. Steffen orderte eine Lokalrunde Schnaps und „für den Hippie hier einen Doppelten.“

Steffen so erzählte er mir, war 2002 Mitglied einer Gang, die durch die Weddinger Kneipen zog, und die Leute nicht nur um ihr Geld, sondern auch um ihre Gesundheit brachte.

„Aber jetzt bin ich älter. Die Kinder sind groß. Aber ich sehe sie selten. Es geht weiter. Irgendwie. Ich hab mich geändert“, schrie er mich an und hielt meinen Kopf in seinen Händen, seine Augen waren aufgerissen. Und leer. Meine Haare klebten an meine Wunde.

„Du schlägst Dich auch gerne. Der schwarze Block…“

Ich schwieg. Es waren vielleicht noch vier Leute in der Bar.

Steffen redet und redete. Ich nahm nur noch Fetzen war. „Jochbein zertrümmert“, „ich habe ihr Rosen mitgebracht“, „in Magdeburg, der schwarze Block“, „ein Trinkteufel.“

Die Chemikalien haben dich gekriegt, mein Bruder, dachte ich und schwieg weiter. Seine Ausführungen, der graue Nebel, der mir langsam das Leben aushauchte, es war zu viel.
Als ich aufwachte, lag ich vor der Kornblume und ganz langsam glitten die Flugzeuge vom Himmel. Ein Windhauch streifte mich, ich sah der Stadt beim Aufwachen zu, und als Krächzen zu laut, das Dröhnen der Schlagader unerträglicher, das Tschilpen der Spatzen zu melodisch wurde, und als die Kraniche den Himmel verdunkelten, fand ich zum Glück einen Walkman in meiner Hose.

Vielleicht leierte die Kassette ein wenig, vielleicht auch nicht. Lange hatte ich Whip nicht mehr gehört und wie er „home is where you hang yourself“ sang, nur um nach einer Pause „pictures on the wall“ zu singen.
Ich raffte mich auf. Musste mich bewegen. Auch wenn da kein Leben mehr war. Langsam brach die Sonne durch.
„I’ve been away for so long // I let you go for so long // It’s a nice day to start again.”

Ich war wieder zuhause. An der Osloer tranken sie gegen den Tag, in den 24-Stunden Kneipen herrschte bereits Hochbetrieb. Ich bog in die Kolonie und ging Richtung Panke. Manchmal musste ich pausieren. Dann saß ich auf einer Bank. Und dachte an mein Autofahrten mit Jason, an Dylan’s Radio Hour. 



Und wartete bis ich wieder zu Atem gekommen war. Der Kopf pochte. Immer wieder fielen mir die Augen zu. Manchmal stolperte ich. Dann stand ich wieder auf. Der Kopf pochte. Und manchmal hatte ich keine Kraft.

„There is nothing safe in this world // And there’s nothing sure in this world // And there’s nothing pure in this world“

Es war ein guter Tag für einen neuen Start. Ich nahm meine Uschanka vom Kopf. Riss mir die  Haare aus der Wunde, die Kopfhörer aus den Ohren. Dann drehte ich um. Am Gesundbrunnen nahm ich eine Ringbahn. Jemand spielte eine Melodie aus Paris.

In der Kneipe begrüßten sie mich.
„Siehst schlecht aus, Dembowski.“
„Schnapp Dir ein Kronen, Dembowski!“
„Was machen die Lamas, Dembowski?“
„Was ist mit Dörte, Dembowski?“
Was mit Dörte war, das hatte niemanden zu interessieren. Ich nahm mir ein Kronen und wunderte mich, dass jetzt sogar über 80.000 Zuschauer zu einem Testspiel ins Westfalenstadion kamen. Aubameyang erzielte einen Doppelpack, Lewandowski und ein mir völlig unbekannter Spieler steuerten je einen weiteren Treffer bei. Der Testspielgegner, Eintracht Frankfurt, nahm jedoch nicht wirklich am Spiel teil. Man merkte den Hessen an, dass sie noch mitten in der Vorbereitung steckten. 
ein neuanfang – bvb 4 frankfurt 0

2 Gedanken zu „ein neuanfang – bvb 4 frankfurt 0

  • Februar 17, 2014 um 12:43 pm
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    Ein "rothaariger Schatten meiner Vergangenheit"

  • Februar 17, 2014 um 12:41 pm
    Permalink

    Und wer hat Dir in Folge 2 im Cliffhanger auf die Schulter geklopft, Dittfried?

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