Kneipenüberfall. Tischsturm. Und ich mittendrin. Nicht so schön. Davon musste ich mich jetzt doch erst einmal erholen. Wie es dazu gekommen war? Ich kann es kaum noch sagen. Auf dem Weg nach Sandhausen muss sich mein Fahrer ordentlich verfahren haben. Auf einmal fand ich mich im Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin wieder. Mein Fahrer redete die ganze Zeit von der „großen Ehre endlich mal einen von der Truppe fahren zu dürfen“. Auf meine Nachfrage, von welcher Truppe denn hier die Rede sei, legte er nur bestimmend die Finger vor den Mund und bedeutete mir zu schweigen. Das tat ich und schlief. Wir waren auf dem Weg nach Sandhausen. Das erste Spiel der Saison.

Doch als ich die Augen wieder öffnete, befand ich mich auf der einspurigen Stadtautobahn inmitten der Hauptstadt. Der Wedding grüßte mich mit all seiner Tristesse. Ich war erst vor wenigen Wochen hier. Auf dem Rückweg aus den Masuren und erinnerte mich an meinen Gang durch die Räumlichkeiten der Konstrukteure. Aber wieso hatte mein Fahrer mich nach Berlin und nicht nach Sandhausen gefahren? Ich schaute auf die Uhr. Es war 14 Uhr, Samstag – 30.Juli 2011. Im Radio liefen die Palace Brothers mit You Will Miss Me When I Burn. „Gute Wahl“, sagte ich zum Fahrer und „übrigens mein Name ist Dembowski. Dietfried Dembowski. Ermittler in der Nordstadt. Ermittler in Sachen Borussia. Was soll ich hier und wer sind sie?“ Der Fahrer hatte sich mir nicht vorgestellt und machte auch jetzt keine Anstalten, mir mit Erklärungen auszuhelfen.

„Ich fahre. Redermann hat mich beauftragt. Es geht um ein Seminar. Du wirst das schon sehen. Und wie geil ist das eigentlich? Ich fahre jemanden von der Truppe.“ Ihm war nichts zu entlocken. Am Lidl an der ehemaligen Zonengrenzen vorbei und rechts runter auf die Schönhauser. Ich hatte eine Idee, eine noch vage Idee. Aber als der Wagen dann in die Gleimstraße abbog, war mir das Ziel klar. Der Fahrer reichte mir eine Eintrittskarte. „Du stellst Dich zu den Ordnern und überwachst das Geschehen. Das sind die Anweisungen. Wir treffen uns nach dem Spiel in der Hütte. Die liegt gegenüber vom Zauberer. Da warten dann weitere Anweisungen auf Dich.“ Ich hatte unbemerkt das Heft aus der Hand gegeben. Redermann plante meine Schritte. Und ich plante Redermanns Schritte nicht mehr. Er war in Leipzig und er hatte mich jetzt hier hingeschickt. Redermann schrieb mir eine SMS. „Gut angekommen? Ich brüte mit Casino Express gerade über einen neuen Song. Der soll „Mario Götze hat keine Füße“ heißen.“

Das Spiel plätscherte vor sich hin, wie der Regen auf mich runterplätscherte. Die Ordner begutachteten mich feindselig. Definitiv kein Spaß hier, dachte ich und schaute wieder auf das Platz. Dort passierte wenig. Lautern hatte das Match schnell für sich entschieden. Jetzt ging es nur noch um die Abwicklung der Restspielzeit. Auf den Tribünen ging es relativ gesittet zu. Dynamo hatte sich dem Schicksal gefügt. Der erste Auftritt auf nationaler Bühne neigte sich dem Ende zu. Doch auf einmal bekam ich Funksprüche mit. Sturm. T+3. Die Ordner wurde hektischer. Sie machten sich an einem Fluchttor zu schaffen. Zeit zu gehen, Dembowski. Ich verließ den Sportpark. Das Spiel war entschieden. Ich hatte eine Verabredung. Mit Fluchttorordnern wollte ich nichts zu tun haben.

Über den Steg in Richtung Bornholmer. Dort das ewig gleiche, skurrile Szenario. Die Gebrauchtmöbelhändler saßen auf ihren Sofas, tranken Bier, kommentierten die vorbeilaufenden Passanten. Der Zuhälter stolzierte hoch und runter. Der Zauberer saß vor seiner Tür. Aus dem Mexikaner war quasi über Nacht ein Inder geworden. Doch sonst änderte sich hier scheinbar wenig. Hinter der Hüttentür verfärbte sich die Welt nikotingelb. Die Wände waren bestimmt 50 Jahre ohne neue Farbe ausgekommen. Neben nikotingelb gab es hier heute nur eine Farbe – dynamoweinrot. In der hinteren Ecke sah ich den Fahrer. Er hatte es sich dort mit zwei Leuten gemütlich gemacht, verspeiste gerade eine Bulette. „Dembowski, setz Dich zu uns.“ Das machte ich. Bestellte ein Pils und eine Mampe. Auf der Leinwand liefen sich die Borussen warm. „Darum geht es heute hier. Ich habe Schmidi und Adler mitgebracht. Sie wollen etwas über die Front lernen, die Borussenfront. Du solltest besser mit ihnen reden.“

Wo war ich hier reingeraten? Was wollte Redermann mit diesem Auftrag bezwecken. Schmidi und Adler verbrachten ihre Arbeitszeit offensichtlich in den Marzahner Fitnessstudios. Alle paar Minuten verschwanden sie gemeinsam auf der Toilette. Ihre Blicke waren gehetzt. Ihre Sprache fordernd. Wo war ich hier reingeraten? „Läuft’s? Das Lied steht – redermann“. Der konnte gut schreiben. Hier lief nichts. Ich war in Gefahr. Das war mir bewußt. Schmidi klopfte mir auf die Schulter. „Jetzt erzähl mal von Siggi!“. Doch ich hatte definitiv nichts von Siggi zu erzählen. Ich war ihm nie begegnet. Auch wenn, ich hätte nichts zu berichten gehabt. Adler drückte mir seine Faust in die Rippen. „Was jetze mit Siggi?“. Zocker hatte mir zwar neulich etwas von der Front erzählt, doch woher wußte das Redermann und wieso sollte ich hier ein Seminar, wie es der Fahrer nannte, abhalten? Ich war überfragt. Adler stand auf. Schmiss den Tisch um. Baute sich vor mir auf. „Siggi! Erzähl was von Siggi!“ Ich schnappte mir einen Queue und rammte die Spitze in Schmidis Gesicht, schlug mit dem Ende gleichzeitig in die Weichteile von Adler und rannte. Rannte. Über die Straße rein zum Zauberer. Verschwand in den Gängen. Dort bin ich jetzt noch immer.

ein kleiner ausflug zum bfc dynamo