Ein langer Spaziergang durch den abtauenden, bald wieder auffrischenden Schnee brachte mir die Klarheit der Gedanken zurück. Ich lief die Seestraße entlang, überholte die Autos, drehte ein paar Runden um den Plötzensee und setzte mich später noch, wie früher, an den Westhafen. Ich musste klar kommen, von Stark loskommen und Dürr vergessen. Doch dafür musste ich mich erinnern, was wirklich passiert war, was Dürr gesagt hatte.

Am Leopoldplatz nahm ich einen Tee auf die Hand, wanderte die Müllerstraße hoch bis zur Ecke Seestraße und fuhr die letzten Meter mit der Bahn. Geistesblitze, sagt man, dachte ich in der Bahn, kommen immer zu den seltsamsten Momenten. Nur mir, wunderte ich mich, ist sowas lange schon nicht mehr passiert. Ich hatte keine Chance, Dürrs Worte und somit auch die Stark-Geschichte würden mir noch für eine lange Zeit nachhängen. Zu lang für meinen Geschmack. Zu lang für mein Vorhaben, mich nie wieder mit diesem Schiedsrichter zu beschäftigen.

Ich schloss die Tür auf, setzte mich auf mein Sofa, dass ich weit unter das Fenster gestellt hatte, und von dem ich in den Berliner Himmel blicken konnte. Ich brauchte die Weite der Stadt, um überhaupt existieren zu können. Um überhaupt irgendwas fühlen zu können. Blickte ich auf Mauern, blickte ich auf Türen, sah ich nichts als die gegenüberliegende Häuserfront, froren meine Gedanken ein. Aber blickte ich in den Himmel, blickte ich direkt in das Auge des Schneesturms ging es mir zumindest besser. Ich hatte eine alte Platte aufgelegt. Molina, damals noch unter dem Namen Songs: Ohia, mit seiner Jahrhundertplatte „The Lioness“, die mich durch manchen Winter gebracht hatte. „That is the truth, that is your truth, there ain’t nothing beyond truth“

Auf dem Sofa liegend blickte ich den Berliner Himmel und mit einmal erinnerte mich an Dürr, an seine Worte. Dürr und seine Lebensweisheiten, Dürr als Lebemann, Dürr als streitbarer Jungpolitiker, der in seinem Wahlkreis für zu viel Aufregung sorgte. Immerhin war er Borussia-Fan und in dieser Funktion hatte ich ihn ein paar Mal getroffen. Dort musste ich meine Profession erwähnt haben, er musste sich erinnert, Angst bekommen haben.

Die Worte setzten sich langsam wieder zusammen. „Du kennst doch diesen Grünen-Politiker aus Brandenburg?“ „Der die Kassen geplündert hat?“ „Genau. Das wollte ich nicht. Und es gibt da diese Kooperation: Ergolding und Herdecke. Sparkassen. Klingelt es bei Dir?“ „Moment? Nein, da ist niemand.“ „Haha. Wie auch immer, Wolfgang Stark ist mein Kundenberater.“Dann hatte Dürr mir erklärt, wie es zu diesem großen Missverständnis kam. Wenn ich das richtig verstanden hatte, hatte Dürr, der sich als wettsüchtig outete, auf Übertore getippt und dazu noch eine Handicap-Wette gespielt. Aber irgendwie musste er das falsch kommuniziert haben. „Ich wollte das nicht. Mach das nicht öffentlich! Stark hat mich nur falsch verstanden. Eine einfache Wette. Es sollte nur kein Debakel geben“, wimmerte er. „Keine Sorge, ich werde mich an nichts erinnern“, hatte ich in prophetischer Weitsicht gesagt und noch einen Schluck aus der Flasche genommen. „Dembowski, schluck schluck, ich verstehe. Früher da habe ich Dich für eine vertrottelten Romantiker gehalten, jetzt ist mir klar, Du bist ein hoffnungsloser Alkoholiker!“ „Mooooment!“ Aber da hatte Dürr schon aufgelegt.

Keine Beweise, nur die Erinnerung, dachte ich, mich an das Telefongespräch erinnernd. Und die Gewissheit, dass ich mit Dürr irgendwann mal nach Mazedonien fahren würde. Besser als Café King war das allemal. Und endlich konnte ich mit dem Fall Stark abschließen. Es gab genug andere Dinge auf dieser Welt.



dürr: wolfang stark ist mein kundenberater