Langsam flatterte die Deutschland-Fahne im Sommerwind. Seit Tagen lag eine drückende Hitze über der Stadt. Direkt am Brandenburger Tor war ich mit Rabea verabredet. Sie war erst ein Tage zuvor auf der Lamafarm aufgetaucht, und hatte Dörte und mich sofort begeistert.  Ihre Art war anders, sie hatte ein einnehmendes Wesen, betrat sie einen Raum, so drehten sich die Anwesenden in ihre Richtung. Sie war eiskalt, und berechnend, und doch gewährte sie Dörte und mir Einblicke in ihre Seele. 
Sie hatte sich sofort in eines der Lamas verliebt. Und war noch am gleichen Tag auf eine Wanderung aufgebrochen. Sie trug ein Deutschland-Trikot, das an ihr so ungemein sexy wirkte. Denn trotz des weiten Schnitts war es ihr gelungen, durch einen modischen Trick, sie steckte es einfach in die Hot-Pants, und kaschierte so auch ihre „Problemstellen“, wie sie schelmisch und nicht ohne ein Lächeln, noch vor ihrem Aufbruch zur Oderbruchwanderung, verriet. Sie trug Stöckelschuhe. „Das macht nichts, ich bin eine Frau!“, entgegnete sie unseren Hinweisen. 
Nach 20 Minuten kam sie barfuß zurück. Sie rang sich ein Lächeln ab. „Echt übertrieben lieb das Tier. Übertrieben! Ich habe mich voll verliebt.“ Auf ihre Schuhe ging sie nicht weiter ein. „Hey, das Trikot sieht an Dir super aus. So ein sexy Biergartenlook“, sagte ich, nicht ohne Bewunderung, zu ihr. Koi blickte mich besorgt an. Es war ihm nicht wohl bei dem Gedanken an diese Frau. Aber es nützte nichts. Sie war unsere Rettung. Vielleicht. 
Kurzum: Der Lamafarm ging es beschissen! Wir konnten jeden Euro gebrauchen. Dörte war in den vergangen Monaten zwar schwer beschäftigt, doch die Sonne hatte unsere Wiesen ausgebrennen lassen, die Futterpreise waren gestiegen, die Kunden blieben weg. Der Hype war weitergezogen, und zusätzlich hatte ich beinahe Koi verloren. 
Das kam so: 
Kurz nach dem Pokalfinale, kurz nach meiner ersten Begegnung mit Koi seit langer, langer Zeit, wurde der alte Karpfen immer apathischer. Er begrüßte mich nicht mehr, trieb manchmal auf der Seite liegend an der Wasseroberfläche. Natürlich machte ich mir Sorgen. Er war mein Freund. Aber was sollten wir tun? War es nur das Alter? War etwas mit dem Wasser? War er einfach nur einsam, wollte er nicht mehr? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Wir installierten eine Überwachungskamera. Aber nichts passierte. Zumindest für eine Woche. 
Koi baute von Tag zu Tag ab. Er war nur noch Haut und Gräten, konnte sich kaum noch bewegen. Manchmal schleppt er sich an den kleinen Holzsteg, auf dem ich saß und aus Frust schon am frühen Morgen die Kronen-Vorräte vernichtete. Sie wurden langsam knapp, aber ich dachte nur noch an Koi. Dörte wurde ganz verrückt. „Es ist nur ein Karpfen. Den Lamas geht es auch nicht gut.“ „Ach, hör mir auf. Die haben genug Wasser, die habe genug Gras. Überhaupt. Ach, hör mir doch nur auf, Dörte! Schau besser auf Koi.“ 
Bald liefen mir die Tränen runter. 
Aber all die Tränen nützen nichts. Dörte schüttelte den Kopf. „Ein Karpfen names Koi? Is this real?“ Sie war verwunderlich, die Krise der Lamafarm war auch ihre Krise. „Er ist mein Freund!“ erwiderte ich patzig. Er war krank. Und immer noch wussten wir nicht, was überhaupt passiert war. Es gab, soweit mir bekannt, kein Arzt für Fische. Es gab kaum noch Hoffnung. Langsam beugte ich mich über das Wasser, auf dem Koi weiter nahezu regungslos trieb. Seine dereinst treuen Augen schauten fischig ins Leere, seine Schuppen glänzten nicht mehr. Mühsam versuchte er sich zu drehen, mein Hand zu erreichen. 
Er verfehlte sie. Doch meine Hand blieb im Wasser. Vielleicht würde es ihm gelingen, vielleicht. Ich hatte wenig Hoffnung, als ich auf einmal ein Rohr berührte, das direkt unter dem Holzsteg verlief. Ich zog die Hand erschrocken aus dem Wasser. Und roch. Es war salzig. Der ganze verdammte Teich war salzig. Ich sprang in das Wasser, tauchte hinab, und verfolgte das Rohr bis ans Ende. Das Salzwasser wurde ganz langsam aus einem Riesentank, der unweit der Oder in die Erde hinabgelassen wurde, in den See eingespeist. Wir hatten es nicht mitbekommen. 
Wir mussten den ganze verdammten Teich abpumpen, Koi erholte sich derweilen in der Badewanne. Er wurde wieder munterer. 
Und eines Tages lachte er: „What a backlash!“ Er sprach weiterhin nur Englisch. Er war verrückt geworden. Dörte widmete sich den Lamas. Und ich rief Rabea an. So wie mir Piotr empfohlen hatte. „Die ist dick im Geschäft, aber die hat Angst! Ruf die mal an. Das könnte die Rettung sein.“ 
In all der Zeit war ich nicht einmal richtig nüchtern geworden. Ich trank weil es Frühling wurde, ich trank weil der BVB gut spielte und weil er gewann. Ich trank aber auch weil der BVB schlecht spielte und weil er verlor, und ich trank, das war der eigentliche Grund, weil keine Aufträge mehr reinkamen. Nicht auf der Farm, nicht für den Ermittler. Es ging uns so schlecht, dass sogar derSamstag! wieder veröffentlichen musste. Ich verpasste ihm einen seriösen Anstrich! Er stand ihm nicht gut, aber es ging um die Auflage. Da war alles egal. 
Eine Woche vor der WM war dann diese Rabea, die tatsächlich auf meine Anruf eingegangen war, im Oderbruch aufgetaucht. Sie wollte die Lamafarm groß rausbringen. Sie aber natürlich nicht erwähnen. „Das ist Brasilien (lach). Verstehst Du (kicher, zwinker)?“ 
Sie wollte sich groß rausbringen, aber nicht nach Brasilien reisen. Mit großer Medienmacht im Rücken wollte sie hier ihr WM-Lager aufschlagen. 
„Das sieht aus wie am Amazonas. Aber hier kann ich meine Golduhr aufbehalten. Das ist mir auch wichtig! Nur die Menschen müssen das nicht wissen. Eigentlich finde ich die Golduhr stylisher als den Caffé Latte mit Sojamilch. Aber auch das braucht keiner wissen.“ 
Ich zweifelte daran, dass sie jemals nur ein Bild vom Amazonas gesehen hatte. 
Rabea war besonders. Sie trank Caffé Latte mit Sojamilch und mochte Golduhren. Sie ging mit Stöckelschuhen und Hot-Pants auf Lamatouren durch den Oderbruch. 
Und Rabea war auch besonders als wir – auf meinen ausdrücklichen Wunsch – gemeinsam im Starbucks am Brandenburger Tor saßen und eine stiller Windhauch die Deutschland-Fahne langsam im Wind flattern ließ. Gegenüber lag die Rückseite der amerikanischen Botschaft im Schatten. 
Ein paar Gaukler hatten sich unter die Touristen gemischt, und als Russen verkleidete Studenten versuchten vergeblich ihre Fellmützen loszuschlagen. Es war Sommer und Russen ohnehin verpönt. „Das mit dem Karpfen tut mir leid (grins)“, sagte Rabea. Ich verstand nicht. Woher wusste sie von Koi? Aus dem Augenwinkel sah ich Tom, den gelackten Produzenten, den sie mir „un-be-dingt“ vorstellen wollte, und mit dem das Geschäft abschließen sollte. 
Sie war schon wieder weiter. 
„Du musst Dir das so vorstellen. Die Amerikaner liefern uns Melonen-Kaugummis und der Russe will Krieg. Das ist doch übertrieben abartig. Außerdem sind die Amerikaner viel stylisher. Aber nach Südamerika will ich nicht. Das sind nette Leute. Aber nicht alle. Das ist mir zu gefährlich.“
Tom, der Produzent in Sneakers redete von Feuerwerksraketen, die sie, „aber glauben Sie mir Herr Dembowski, oder darf ich lieber Dietfried sagen?“ nur symbolisch von der Lamafarm abfeuern wollten. 
Es war früh, vielleicht 15 Uhr, die komplette Stadt zu Pfingsten ans Meer gefahren und nur die armen Touristen hingen zwischen den Betonfassaden fest. Hinter dem Tor bauten sie die Fanmeile auf. 
„Da war ich auch einmal. Mit Stefan! Er ist ein Unikat, ein Individuum. Er ist besonders. Und seine Mode schmeichelt. Er macht auch viel mit Leder. Er ist mein Lieblingsdesigner“, sagte Rabea. Ich brauchte dringend ein Bier. Ich war ohnehin schon verkatert. Rabea machte es nicht besser. Wieso hatte ich mich mit ihr in der Stadt getroffen, wieso hatte ich mich überhaupt mit ihr getroffen? 
Ihre Stimme wurde schriller und schrille. Gleichwohl ich hier nicht mehr zuhörte, und auch dem TV-Produzenten nicht, war ich ein Gefangener, eine Geisel ihrer Phantasie. Ich brauchte dringend ein Bier, nur ein Schluck. Mein Kopf drohte zu platzen. 
Tom, so hieß der, der sich für den Produzenten hielt, ging mit mir noch einmal die Vertragsdetails durch. Es war mir egal. Sollten sie die Lamafarm nehmen, sie sollten nur Koi in Ruhe lassen. Ihm hatte Rabea, da war ich mir jetzt sicher, schon genug angetan. Dörte würde in die kleine Hütte am Waldesrand ziehen. Ich während der WM in Berlin sein. Das ging schon klar. Wir brauchten die Kohle. 
„Das wird unser Brasilien“, lag Rabea mir wieder in den Ohren. „Aber Tom, Du musst mir UN-BE-DINGT noch dieses cremige Balsamico besorgen. Ohne das bin ich nur ein halber Mensch. Ach, Dietfried, schau mal, die kann ich dann doch mitnehmen. Ist die nicht einfach wunderschön?“  Sie zeigte auf eine verschissene Halskette. Ich brauchte Bier. Aber noch viel mehr brauchte ich das Geld. 
„Ich bin überhaupt nicht oberflächlich. Ich bin liebevoll, und ja auch ein bisschen stylish“
Hörte sie überhaupt hin? Auch Tom verlor langsam die Geduld. Ich brauchte Bier. Langsam sollten wir zum Abschluss kommen. Die Summe lachte mich an. „Wir müssen noch schauen, ob wir das Studio einrichten können?“ „Diese cremige Balsamico ist wirklich nicht so einfach zu bekommen. Tom, ich bin mir nicht sicher, ob die das im Oderbruch verkaufen. Und erst die Kaugummis. Dietfried, gibt es da eine Stylistin? Oder soll ich meine Lieblingsstylistin mitbringen?“ 
Mir war schlecht, langsam drehte sich alles, ich sah Sterne. Das letzte Bier im Oldie Eck hätte nicht sein dürfen. Ich vermutete es war die Zapfanlage, aber das wollte ich lieber vor Ort überprüfen.  
„Rabea, Tom, Bock auf nen echtes Pils?“ fragte ich sie. Ich brauchte ein Bier. Im Kopf überschlug ich die Entfernung. Mindestens 45 Minuten brauchte ich bis zum Oldie-Eck, und alleine 10 Minuten bis zur Friedrichstraße. Wenn es denn reichen würde. Lange hielt ich es nicht mehr aus. Ich zitterte. „Ein Bier, ein Schulle. Ihr versteht?“ 
Rabea schaute entsetzt. Was war jetzt wieder. „Ist das fair produziert? Du kannst Dir überhaupt nicht vorstellen, was ich neulich in einem Bericht gelesen habe.“ Nein, das konnte ich nicht. Irgendwie musste ich sie abschütteln. 
Meine Haare klebten in meinem Gesicht, kalter Schweiß lief mir die Stirn runter, tropfte langsam auf den Tisch, am Brandenburger Tor flatterte die Deutschland-Fahne weiter im Wind und Rabea fragte: „Ist das nicht wunderschön, Dietfried? Ich muss jetzt keine Angst mehr haben!“  Vor ihr auf dem Tisch lag eine getrocknete Papaya. „Fast wäre ich ein kleines Monster geworden (lach)“, lachte sie. Sie war komplett irre, oder mein Entzug verlief ganz und gar nicht gut. 
Tom schob mir den Stift rüber. Ich würde alles unterschreiben. Sollten sie nur machen, sollten sie nur Brasilien im Oderbruch nachstellen. Solange Rabea eine getrocknete Papaya essend, mit cremigen Balsamico eingeschmiert auf einem Lama in den Sonnenuntergang ritt, durfte sie alles machen. Sie sollten verdammt noch einmal Koi in Ruhe lassen. Sie hatten ihm schon genug Leid zugefügt! 
Ich unterschrieb. Und rannte davon, ich rannte so schnell wie ich noch nie gelaufen war, ich rannte vom Reichstagsufer zur Friedrichstraße, am BND vorbei, durch den S-Bahnhof Wedding, die Pankstraße hoch und ich rannte unter den Boatengs vorbei und über die Osloler Straße. An der Soldiner rannte ich nach links. Und an der Ecke Koloniestraße brach ich zusammen. 
„Ein Bier, zwei Bier, drei Bier. Bier!!!“ „YODO, Dembowski!“ 
drama um koi